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Sport

Robert Lewandowski gegen Berlin

90 Minuten Isolation

Beim 1:0 gegen die Hertha fehlte Robert Lewandowski einmal mehr die Bindung zum Spiel. Der Stürmer vermisst die Unterstützung durch James Rodríguez und sehnt sich nach einer Rückkehr von Thomas Müller.

AFP
Von Florian Kinast, München
Samstag, 23.02.2019   21:54 Uhr

Für Robert Lewandowski bestand reichlich Diskussionsbedarf, kurz nach Abpfiff. Intensiv redete der Mittelstürmer des FC Bayern noch auf dem Rasen auf Joshua Kimmich ein, er schimpfte, er gestikulierte. Unzufrieden und leicht entnervt wirkte Lewandowski, genauso wie eine halbe Stunde später im Gespräch mit den Reportern - am Ende dieses für den FC Bayern mühsamen und für ihn selbst missratenen Nachmittags.

Das 1:0 gegen Hertha BSC war für den Meister nicht mehr als ein erquälter Arbeitssieg. Nach dem respektablen0:0 in Liverpool blieb zwar als positive Erkenntnis, dass man dank einer soliden Defensive zum zweiten Mal in vier Tagen ohne Gegentor blieb. Ansonsten gab es wenig schönzureden, denn was die Bayern im Spiel nach vorne zustande brachten, bilanzierte Robert Lewandowski mit dem knappen Fazit: "Offensiv war das viel zu wenig von uns." Folgerichtig fiel das einzige Tor des Tages durch Javi Martínez auch nicht nach einer schön herausgespielten Kombination. Sondern nach einer Standardsituation. Ecke, Kopfball, Tor, das simple Einmaleins der guten alten Fußballschule.

Mochte der FC Bayern nun vor dem Spiel von Borussia Dortmund am Sonntag gegen Leverkusen (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nach Punkten mit dem Tabellenführer gleichgezogen sein: Der schwer erkämpfte Sieg gegen die Hertha offenbarte unübersehbar die Isolation der Münchner Angriffsspitze. Völlig einsam stand Robert Lewandowski vorne herum, abgekapselt wie ein Fremdkörper vom Rest der Mannschaft.

In der Geographie nennt man solch ein Phänomen Exklave. Gehört zwar zum Mutterland, ist aber räumlich vollständig getrennt vom Hauptterritorium.

Lewandowski hungrig, aber ohne Futter

Lewandowski wollte, doch er konnte nicht - was weniger an einer überragenden Abwehrleistung biederer Berliner lag, sondern eher an der Münchner Kreativblockade, die am Samstag vor allem an einem Spieler in der zentralen Position hinter Lewandowski festzumachen war. An James Rodríguez.

Sein Eckball auf den Kopf von Martínez vor dem einzigen Tor durfte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Kolumbianer aus dem Spiel so wie auch schon am Dienstag in Anfield wenig gelang. Gerade in der ersten Halbzeit wirkte James einmal mehr behäbig, schwerfällig, mitunter fast aufreizend lustlos. Das wurde nach der Pause ein wenig besser, aber auch nicht viel. Ein Problem, das auch Lewandowksi deutlich ansprach: "Wir haben im Mittelfeld zu wenig Kreatives gemacht, das muss man besser machen, da war zu wenig Unterstützung nach vorne", grummelte er, und ohne dabei Namen zu nennen, war klar, wen er als Adressaten dieser Botschaft damit meinte.

Coman verletzt, Ribéry überfordert

So ging auch über die Außenpositionen herzlich wenig. Serge Gnabry verhedderte sich regelmäßig in Berliner Beinen, Franck Ribéry auf der linken Seite wirkte kraftlos, überanstrengt und überfordert, nach nicht einmal einer Stunde musste er für Kingsley Coman vom Feld. Dass Coman nur zehn Minuten später wieder mit einer noch undefinierten Oberschenkelverletzung in die Kabine humpelte und damit einmal mehr Anlass zur Sorge für die kommenden Wochen gab, es passte zur durchwachsenen Stimmung an diesem Nachmittag.

Niko Kovac, der seiner erschöpften Mannschaft nun zwei Tage trainingsfrei verordnete ("Die Spieler haben sich den Urlaub verdient"), muss sich aber bis zum Spitzenspiel am kommenden Samstag in Mönchengladbach nicht nur Gedanken machen, wie es mit Coman weitergeht. Sondern vor allem, ob er wirklich weiterhin an James Rodriguez auf der Zehner-Position festhalten will und festhalten kann, nur um ihm für die Partie gegen Liverpool weiter im Spielrhythmus zu halten - und ob er nicht doch wieder Thomas Müller bringt, der zwar für das Achtelfinal-Rückspiel gesperrt ist, der aber mit Lewandowski viel besser harmoniert. Zumindest, wenn er direkt hinter ihm spielt.

Es passt mit Müller, nicht mit James

Müller stand vor drei Wochen letztmals in einer Münchner Startelf, auch gegen die Hertha durfte er erst wegen der Verletzung von Coman aufs Feld. Dann musste auf dem Flügel ran und stellte dort einmal mehr unter Beweis, dass die Position des Rechtsaußen nicht für ihn gemacht ist. Müller war in den letzten zehn Jahren schon immer am besten, wenn er mittig hinter der Spitze stand, und gerade mit Lewandowski entwickelte er oft mit blindem Spielverständnis eine innige Symbiose. Lewandowksi mit Müller, das passt. Mit James tut es das nicht.

Und das machte auch der polnische Nationalstürmer selbst klar, als er auf Müller angesprochen wurde, ob er sich nicht ihn als Unterstützung wünschen würde: "Das ist immer eine Entscheidung vom Trainer. Aber Thomas macht immer viele Laufwege nach vorne, und ist immer viel in Bewegung." Fast sehnsuchtsvoll klang es, als Lewandowski noch sagte: "Ich hoffe, dass er bald wieder eine Chance bekommt."

Damit er selbst wieder Bindung zu den Bayern findet - und die Isolation ein Ende hat.

insgesamt 27 Beiträge
telarien 23.02.2019
1. Müller und Lewandowski
Sind aber beide schon sehr lange außer Form. Woran auch immer das liegen mag. Ein europäischer Topklub sollte Alternativen haben.
Sind aber beide schon sehr lange außer Form. Woran auch immer das liegen mag. Ein europäischer Topklub sollte Alternativen haben.
longtawan001 23.02.2019
2. Florian Kinast, München
Ernsthaft? Biedere Berliner? Da tritt Lewandowski Rekik gegen den Kopf und kassiert, nachdem er sich berechtigt aufregt eine rote Karte, während der feine Herr L. Exklave spielt. Da ist der Autor dieser Zeilen wohl [...]
Ernsthaft? Biedere Berliner? Da tritt Lewandowski Rekik gegen den Kopf und kassiert, nachdem er sich berechtigt aufregt eine rote Karte, während der feine Herr L. Exklave spielt. Da ist der Autor dieser Zeilen wohl gemeinsam mit dem Schiedsrichter beim DFB in die Schule gegangen?
wizzard74 23.02.2019
3. Wirklich?
Zitat: "Beim 1:0 gegen die Hertha fehlte Robert Lewandowski einmal mehr die Bindung zum Spiel. Der Stürmer vermisst die fehlende Unterstützung durch James Rodríguez und sehnt sich nach einer Rückkehr von Thomas [...]
Zitat: "Beim 1:0 gegen die Hertha fehlte Robert Lewandowski einmal mehr die Bindung zum Spiel. Der Stürmer vermisst die fehlende Unterstützung durch James Rodríguez und sehnt sich nach einer Rückkehr von Thomas Müller." Lewandowski hätte gerne mehr fehlende Unterstützung? :-) - - - - Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert! MfG Redaktion Forum
pace 23.02.2019
4. Aufstellung
Nachvollziehbare Kritik. James hat wenige Momente (Eckball), agiert zumeist wie ein Fremdkörper, macht viele Fehler und zeigt keine defensiv Verhalten. Er passt nicht zum FCB (ansonsten müsste ein deutlich größerer Umbau [...]
Nachvollziehbare Kritik. James hat wenige Momente (Eckball), agiert zumeist wie ein Fremdkörper, macht viele Fehler und zeigt keine defensiv Verhalten. Er passt nicht zum FCB (ansonsten müsste ein deutlich größerer Umbau erfolgen). Kovac als Trainer hat nicht viel Ideen und rotiert zu wenig. Die Kritik von Rafinha ist ebenfalls nachvollziehba.,Dass Kritik von Müller trotz erneuter Nichtberücksichtigung ausbleibt, ist anerkennenswert. Das Spiel gegen Hertha war mies, der Sieg sehr glücklich. Das Kovac sich den Treffer per Standard als taktische Maßnahme anrechnet erscheint gewagt. Nach dem absehbaren aus in der CL gegen LFC und weiterer Rückschläge in der Meisterschaft, wird die Diskussion über Kovac wieder Fahrt aufnehmen.
pace 23.02.2019
5.
Lewandowski trifft im Fallen Rekik am Kopf - stimmt. Das war aber eine Folge des voran gegangenen Fouls von Rekik (das Dardai dies anders beurteilt, liegt in der Natur der Sache). Aber berechtigt ist sicher nicht, dass Rekik [...]
Zitat von longtawan001Ernsthaft? Biedere Berliner? Da tritt Lewandowski Rekik gegen den Kopf und kassiert, nachdem er sich berechtigt aufregt eine rote Karte, während der feine Herr L. Exklave spielt. Da ist der Autor dieser Zeilen wohl gemeinsam mit dem Schiedsrichter beim DFB in die Schule gegangen?
Lewandowski trifft im Fallen Rekik am Kopf - stimmt. Das war aber eine Folge des voran gegangenen Fouls von Rekik (das Dardai dies anders beurteilt, liegt in der Natur der Sache). Aber berechtigt ist sicher nicht, dass Rekik Lewandowski darauf umstößt (aufregt erscheint mir deutlich verharmlosend). Regeltechnisch zweifelhaft ein vertretbarer Feldverweis. Und das würde auch gelten, wenn das Foul Lewandowski zuzurechnen wäre. Noch ist "Rache" kein Grund, einen Spieler nieder zu stoßen.

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