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Sport

Schalke vs. Essen

Rivalen mit gemeinsamem Kult-Opa

Der FC Schalke 04 und Rot-Weiss Essen sind verfeindet. Dabei haben die Fans viel gemeinsam, wie die "11 FREUNDE"-Autoren Ron Ulrich und Dirk Gieselmann entdeckten. In beiden Ruhrgebietsclubs wird sogar demselben legendären Fußball-Opa gehuldigt.

dpa

Essener Spieler (2008 beim Pokalspiel gegen Dortmund): Nicht mehr viel zu lachen

Dienstag, 30.03.2010   10:33 Uhr

Die Rivalität zwischen Schalkern und Dortmundern gehört längst zur Bundesliga-Folklore. Aber zwischen diesen Städten liegen immerhin 40 Kilometer, genug Raum, um sich aus dem Wege zu gehen. Gelsenkirchen und Essen jedoch gehen direkt ineinander über. Da ist direkte Konfrontation unausweichlich. Die Stimmung an der A40 war nicht immer feindselig. Im Gegenteil. Früher ging man samstags in die Schalker Glückauf-Kampfbahn und am Sonntag an die Hafenstraße zu Rot-Weiss.

Doch 1971 zerriss das Band der Freundschaft, es war das Jahr des Bundesliga-Skandals. Spiele waren geschoben worden, auch Schalker Profis gehörten zu den Tätern. Während deren Verein aber im Oberhaus bleiben durfte, stiegen die unschuldigen Essener (sportlich) ab. Noch 40 Jahre danach halten sie die Tatsache, dass sie vier Ligen unter dem Erzrivalen spielen müssen, für eine historische Ungerechtigkeit.

Essen gegen Schalke - für Liebhaber von Krawall und Remmidemmi ist es das einzig wahre Revierderby. Tatsächlich hat es ein offizielles Spiel seit der zweiten Runde des DFB-Pokals 1992 (2:0 für Essen) nicht mehr gegeben. Der Hass schwelte über die Jahre und verwandelte sich in der Essener Viertliga-Tristesse zu Missgunst und in den Schalker VIP-Lounges zur Hybris.

"Dat is unsa Oppa" - oder doch nicht?

Doch wie so häufig in schwierigen Beziehungen gibt es etwas, das noch immer verbindet: In all den Jahren der Trennung haben Essener und Schalker in ihren Vereinshymnen den gleichen alten Mann besungen. Der Greis ist eine Symbolfigur für rückhaltlose Fußballbegeisterung: Mit weißem Rauschebart und Mütze sitzt er der Legende nach bei Wind und Wetter am Spielfeldrand und läutet die Zechenglocke, wenn sein Verein ein Tor schießt. Gütig lächelt er durch die Jahrzehnte seinen Enkeln zu. Er ist ihr Opa. Oder um in der Sprache des Ruhrgebiets zu bleiben: "Dat is unsa Oppa."

In Essen heißt er Oppa Luscheskowski. Er kennt RWE seit 1907, dem Gründungsjahr, so heißt es in der Fanhymne. Seine Frau treibt er zur Weißglut, weil selbst die goldene Hochzeit und ein Urlaub in den Bergen ihn nicht davon abhalten, zu Spielen von RWE auszubüchsen. Selbst dem Herrgott ruft er nach übereinstimmenden Berichten noch entgegen: "Wir werden Essen nie vergessen, wir sind die Fans von Rot-Weiss Essen."

Im nahen Gelsenkirchen verhält sich die Sache verblüffend ähnlich. Auch in der Arena huldigt man dem Oppa, der hier Pritschikowski heißt und nicht einfach nur die Omma quält, sondern "quälen tut". Natürlich hat er kein Spiel seit der Vereinsgründung 1904 verpasst, und stets skandiert er seinen Schlachtruf: "Ob ich verroste und verkalke, ich gehe immer noch auf Schalke."

So erklang das Lied von Oppa Pritschikowski auch im Berliner Olympiastadion 2002, als Schalke gegen Leverkusen den DFB-Pokal gewann. Zu diesem Zeitpunkt wartete der Musiker Hans von der Forst in der Garderobe der Bochumer Jahrhunderthalle auf einen Auftritt und musste eine Träne der Rührung verdrücken. Nicht nur, weil sein Verein gerade den Pokal geholt hatte - 500 Kilometer entfernt sang die Schalker Fangemeinde das Lied, das er einst komponiert hatte. Das Lied vom Oppa. Live im Fernsehen.

Der Song entstand in den 60er-Jahren

1969 entstand das Stück, das heute in Gelsenkirchen und auch in Essen viele noch auswendig kennen. Von der Forst brachte es zum 65-jährigen Jubiläum der Knappen als Schallplatte unter dem Titel "Immer auf Schalke" heraus. Schon immer ein "kreativer Eumel" und seit 1962 Schlagzeuger bei den German Blue Flames, der deutschen Antwort auf die Beatles, wollte von der Forst diesem Oppa Pritschikowski ein musikalisches Denkmal setzen, jener literarischen Gestalt, von der ihm selbst schon als kleinem Jungen erzählt worden war.

Von der Forst erinnert sich: "Bei den Aufnahmen haben wir uns teilweise die Buchsen voll gemacht vor Lachen. Oppa Pritschikowski war doch der erste Rap der Geschichte." Aus dem Studio schwappte der Sprechgesang in die Glückauf-Kampfbahn. Und von dort - es waren die letzten Jahre, in denen die Schalke-Fans am Sonntag noch Ausflüge nach Essen machten - auch an die Hafenstraße. Diese Ecke des Ruhrgebiets hatte seinerzeit einiges mit Liverpool gemein, der Industrie- und Musikstadt am Mersey River, und von der Forsts Werk wurde im Nu zur Pott-Variante von "She loves you", inbrünstig geschmettert von Zehntausenden.

"Das Lied ist nicht einfach so daher gesungen. Der Oppa ist hier eine Identifikationsfigur, die die Treue und Verbundenheit der Fans symbolisiert", erklärt Georg Schrepper, Mit-Autor des Buches "Immer wieder RWE! Die Geschichte von Rot-Weiss Essen" (Verlag Die Werkstatt, 2004). Ein Satz, wie er auch in Gelsenkirchen fallen könnte, bloß entschieden die Essener sich nach 1971 im Zorn, den alten Mann umzutaufen - aus Pritschikowski wurde Luscheskowski.

Der Streit zwischen Essenern und Schalkern mag weitergehen. Auch darum, wem die Hymne nun gehört. Doch das Lied vom Oppa, der seine Omma am goldenen Hochzeitstag versetzt, um zum Endspiel zu kommen, ist letztlich nur eines: eine Hommage an die Menschen im Ruhrgebiet. An die Essener. Und an die Schalker.

Anmerkung der Redaktion: Die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL hat sich diesen Text nach Hinweisen auf mögliche Manipulationen Anfang 2019 noch einmal vorgenommen, aber keine Auffälligkeiten festgestellt.

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