Schrift:
Ansicht Home:
Sport

"Titanic"-Coup

Schinken und Kuckucksuhren angeboten

Bei den Telefaxen, mit denen Mitglieder des Weltfußballverbands Fifa bei der Vergabe der WM 2006 bestochen werden sollten, handelt es sich um einen Scherz des Satiremagazins "Titanic". Die Aktion machte weltweit Schlagzeilen.

Freitag, 07.07.2000   18:03 Uhr

Frankfurt am Main - Ein angeblicher Bestechungsversuch im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland hat sich als Scherz entpuppt. Die Satirezeitung "Titanic" (Frankfurt) gab am Freitag zu, sie habe Mitgliedern des Fifa-Exekutiv-Komitees "getürkte" Briefe geschickt, in denen Gelder in Aussicht gestellt werden, wenn Deutschland den Zuschlag bekomme. Die Vorwürfe hatten zuvor weltweit Irritationen ausgelöst. DFB-Vizepräsident Franz Beckenbauer sagte in Rom: "Da hat sich einer einen Spaß erlaubt."

"Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn hatte zuvor der Deutschen Presseagentur bestätigt, dass seine Redaktion für die "Scherz-Briefe" verantwortlich sei. Der Weltfußballverband (Fifa) und der DFB kündigten eine Untersuchung an. Die bei der Wahl am Donnerstag knapp unterlegenen Südafrikaner erwägen einen Protest gegen das Votum von Zürich. "Nachdem die Medien das Thema weltweit aufgegriffen haben, ist es für uns eine logische Folge, abzuklären, ob diese Briefe ein Unfug, ein schlechter Scherz oder etwas anderes darstellen", hatte Fifa-Pressesprecher Andreas Herren betont.

"Titanic"-Redakteur Stefan Gärtner sagte, die Redaktion habe zwei Faxe verschickt. Im ersten Schreiben sei angekündigt worden, man werde sich für den Fall einer für Deutschland günstigen Stimmabgabe erkenntlich zeigen. Im zweiten Fax seien Schwarzwälder Schinken und eine Kuckucksuhr in Aussicht gestellt worden. Die Telefaxe seien an die Rezeption der Zürcher Fifa-Zentrale mit der Bitte um Weiterleitung an die Verantwortlichen geschickt worden. Geantwortet hätten aber lediglich mehrere Journalisten. Der Absender habe unter der Abkürzung TDES firmiert, was für "Titanic, das endgültige Satiremagazin" stehe. "Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen", betonte Gärtner. Der Erfolg der deutschen Bewerbung zeige: "Wir sind die Helden."

Die DFB-Delegation war am Donnerstagabend mit den angeblichen Bestechungsschreiben konfrontiert worden, als ein englisches Fernsehteam zur Feier in einem Züricher Restaurant erschien. "Das ist alles Nonsens", sagte DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach, nachdem die für die Bewerbung Verantwortlichen den Brief studiert hatten. "Wir glauben, dass dieser Brief aus der gleichen Quelle stammt, aus der am Mittwoch die Nachricht kam, dass wir unsere Bewerbung zurückziehen würden", sagte Niersbach. Der DFB will nun möglicherweise Rechtsmittel einlegen. "Wir werden prüfen, ob rechtliche Schritte zu unternehmen sind, weil diese üble Sache die Grenzen dessen, was wir unter einem Scherz verstehen, bei weitem überschreitet", sagte DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt.

Auch ausländische Funktionäre sahen das ohne Briefkopf verfasste Schreiben, das am Ende mit einer Frankfurter Telefonnummer versehen war, als nicht authentisch an. In dem von einem Martin Hansen, Sekretär TDES (WM 2006 Initiative), unterzeichneten Brief, hieß es unter anderem: "Lassen Sie mich direkt auf den Punkt kommen. In Anerkennung Ihrer Unterstützung würden wir Ihnen gerne ein kleines Geschenk für Ihre Stimme für Deutschland zukommen lassen. Zögern Sie nicht, mit uns in Verbindung zu treten, sollten Sie irgendwelche speziellen Wünsche haben."

"Dieser Brief, den wir gesehen haben und der angeblich von den Deutschen kommen soll, sieht nicht sehr authentisch aus. Es tönt wie eine wilde Geschichte, ziemlich unwahrscheinlich", erklärte Alec McGivan, Direktor des englischen Bewerbungskomitees. Fifa-Pressechef Keith Cooper sagte zu den angeblichen Bestechungsversuchen: "Die Mitglieder des Exekutivkomitees, die diesen Brief von einem angeblichen Mitglied eines Bewerbungskomitees erhalten haben, sind der Ansicht, dass er nicht ernst zu nehmen sei."

Die Briefe waren bis zu zehn Exekutiv-Mitgliedern unter der Hoteltür durchgeschoben worden. FIFA-Vizepräsident Jack Warner und der Schotte David Will hatten von den Vorgängen erfahren und Fifa-Präsident Joseph Blatter gedrängt, die Polizei einzuschalten. Blatter habe dies aber abgelehnt, berichtete der englische Privatsender Channel 4 News. Warner selbst sprach später gegenüber der BBC von einem "schlechten Scherz" und meinte: "Die Briefe waren schlecht getippt und sahen ziemlich komisch aus. Sie sollten nicht ernst genommen werden."

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP