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Sport

City-Besieger Tottenham Hotspur

Das Sparmodell

Tottenham zahlt weniger Gehalt als andere englische Topklubs und liegt beim Umsatz deutlich hinter Europas Elite. Der Einzug ins Halbfinale der Champions League zeigt, dass man so trotzdem triumphieren kann.

Andrew Yates / REUTERS

Tottenham-Coach Mauricio Pochettino (rechts), Fernando Llorente und Heung-min Son (oben)

Von , Manchester
Donnerstag, 18.04.2019   16:30 Uhr

Das Fußball-Spektakel für die Ewigkeit endete für Tottenham Hotspur mit einem historischen Erfolg, und da erlaubte sich Trainer Mauricio Pochettino eine Portion Pathos. "Meine Spieler sind Helden", sagte er im Anschluss an das 3:4 bei Manchester City, das den Klub aus dem Norden Londons dank des 1:0 im Hinspiel ins Halbfinale der Champions League befördert hat. Dort wartet nun Ajax Amsterdam (1. und 8. Mai), das zweite Überraschungsteam des Wettbewerbs.

Abgerundet wurde Pochettinos Lobpreisung durch ein paar grundsätzliche Thesen. "Im Sport hat man immer die Chance, Mannschaften zu schlagen, von denen niemand glauben würde, dass man sie schlagen kann", sagte er. Und: "Im Fußball geht es nicht immer nur um Talent, sondern auch um den Glauben an sich und die richtige Mentalität." Die Kleineren können manchmal die Größeren schlagen, sollte das wohl bedeuten.

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Manchesters Ausscheiden gegen Tottenham: Die Leiden des Pep G.

Tottenham spielt seit Jahren an der Grenze der Möglichkeiten. Die Mannschaft wurde in den vergangenen drei Saisons in der Premier League zweimal Dritter und einmal Zweiter. In der laufenden Spielzeit steht der Klub ebenfalls auf dem dritten Platz und hat gute Aussichten, sich zum vierten Mal nacheinander für die Champions League zu qualifizieren. Und das, obwohl der Verein der Konkurrenz bei den Finanzen deutlich unterlegen ist.

In der englischen Gehaltsrangliste nur auf Platz sechs

Nach übereinstimmenden Berichten belegt der Klub in der Gehaltstabelle der englischen Liga den sechsten Rang. Im Jahr 2017/2018 zahlte Tottenham seinen Profis demnach 148 Millionen Pfund (knapp 171 Millionen Euro). Das sind 75 Millionen Pfund weniger als der FC Arsenal, der in der Gehaltsrangliste auf dem fünften Platz liegt - und nur die Hälfte dessen, was Gehaltsspitzenreiter Manchester United ausgibt. Dass sich die Mannschaft dennoch in der Spitzengruppe etablieren konnte, spricht auch für Pochettino und seine Fähigkeit, junge Spieler zu entwickeln. Deshalb galt er als Kandidat auf den Trainerjob bei Real Madrid und United.

Gerade hat Tottenham seinen Finanzbericht herausgegeben und darin einen Umsatz von 380,7 Millionen Pfund (439,3 Millionen Euro) vermeldet. Das ist Rekord für den Verein, trotzdem liegt er immer noch deutlich hinter den großen Klubs Europas wie Paris Saint-Germain (541,7 Millionen Euro), dem FC Bayern (629,2 Millionen Euro) oder Real Madrid, mit 750,9 Millionen Euro die umsatzstärkste Fußball-Firma des Kontinents. Die Zahlen stammen aus der Football Money League der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte.

Bei einem anderen Posten hat Tottenham die internationale Elite allerdings überholt, nämlich beim Gewinn. Die zuletzt umgerechnet 132 Millionen Euro sind der höchste Profit, den jemals ein Verein erzielt hat. Der Grund dafür sind die Einnahmen durch die regelmäßige Teilnahme an der Champions League, der Verkauf von Spielern wie Kyle Walker, der im Sommer 2017 für angeblich fast 53 Millionen Euro zu Manchester City wechselte, und der Umstand, dass die Mannschaft während des Baus der neuen White Hart Lane im Wembley-Stadion spielte. Die Fans hatten ein gespaltenes Verhältnis zu dem Ausweichquartier, doch die Einnahmen aus dem Kartenverkauf haben sich in dieser Zeit mehr als verdoppelt.

Tottenham verzichtete in dieser Saison auf Neuverpflichtungen

Eine weitere und die wichtigste Erklärung für den Rekordgewinn ist die Sparsamkeit von Klub-Vorstand Daniel Levy. Langfristiges Wachstum ist ihm wichtiger als kurzfristiger Erfolg. Nach diesem Grundsatz gibt er sein Geld aus. Oder er gibt es eben nicht aus.

In dieser Saison gelang Tottenham das Kunststück, keinen einzigen Spieler zu verpflichten. Dafür gab es Spott, doch mit dem Vorrücken ins Halbfinale der Champions League hat die Mannschaft bewiesen, dass sie auch mit dem vorhandenen Personal zu großen Taten im Stande ist. Der Erfolg war der zweite Meilenstein für den Klub innerhalb weniger Wochen nach der Eröffnung des neuen Stadions. Den rund eine Milliarde Euro teuren Bau bezahlt der Verein vor allem aus Krediten.

Um weiter zu wachsen, ist die regelmäßige Teilnahme an der Champions League unerlässlich für Tottenham. Laut Trainer Pochettino ist sie sogar wichtiger als Titel. "Trophäen sind nur gut fürs Ego. Für uns ist es im Moment das Wichtigste, immer unter die ersten Vier zu kommen", hatte er im Januar gesagt und damit die Fraktion der Fans und Fachleute bedient, die Tottenham als einen Verein mit Verlierer-Mentalität belächeln.

Doch der Einzug ins Halbfinale der Champions League legt nahe, dass der Klub beides kann: solide wirtschaften - und um Pokale mitspielen.

Manchester City - Tottenham Hotspur 4:3 (3:2)
(Hinspiel: 0:1)
1:0 Sterling (4.)
1:1 Son (7.)
1:2 Son (10.)
2:2 Bernardo (11.)
3:2 Sterling (21.)
4:2 Agüero (59.)
4:3 Llorente (73.)
Manchester: Ederson - Walker, Kompany, Laporte, Mendy (84. Sané) - De Bruyne, Gündogan, Silva (62. Fernandinho) - Bernardo, Agüero, Sterling
Tottenham: Lloris - Trippier, Alderweireld, Vertonghen, Rose (90. Sanchez) - Sissoko (41. Llorente), Wanyama, Dele - Eriksen - Lucas (81. Davies), Son
Schiedsrichter: Cüneyt Çakir
Gelbe Karten:
- / Sissoko, Son, Rose, Wanyama

insgesamt 10 Beiträge
Abel Frühstück 18.04.2019
1.
Ein Verein, der Dortmund aus der CL werfen kann, kann keine untalentierten Spieler haben ;-)
Ein Verein, der Dortmund aus der CL werfen kann, kann keine untalentierten Spieler haben ;-)
marenghi 18.04.2019
2. Nicht die ganze Wahrheit
Zum ersten ist Tottenham kein kleiner underdog, sondern, zB im Vergleich mit deutschen Vereinen, ein sehr finanzstarker. Wie im Artikel beschrieben, wirtschaften sie an der Grenze. Und in diesem Sommer wird es zu Ausgaben kommen, [...]
Zum ersten ist Tottenham kein kleiner underdog, sondern, zB im Vergleich mit deutschen Vereinen, ein sehr finanzstarker. Wie im Artikel beschrieben, wirtschaften sie an der Grenze. Und in diesem Sommer wird es zu Ausgaben kommen, zu weit höheren zB als beim BVB. Zum zweiten, bei aller Sympathie zu dre hervorragenden Arbeit von Pocchetino, hat der Verein Erfolg in einem Wettbewerb, der eben auch - durch die geringe Spielzahl - extrem von Zufall geprägt ist. In der Liga, in der die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, dass sich der beste Verein durchsetzt, stehen sie auf einen immer noch tollen Platz 3 - aber mit 18 (!) Punkten hinter Liverpool (bei einem Spiel weniger), bzw bei gleicher Spielzahl 16 Punkte hinter Man City. Geld schießt weiterhin Tore, und gute Trainer auch. Aber noch mehr Geld und - arguably - noch bessere Trainer schießen noch mehr.
verbal_akrobat 18.04.2019
3. Sie können einem Leid tun...
...mit den paar Kröten über die Runden kommen zu müssen! (Man fragt sich nur was der Autor des Artikels beim niederschreiben der Zeilen sich gedacht?((...oh die armen Kerle mit dem bisschen Budget soweit vorne..."))
...mit den paar Kröten über die Runden kommen zu müssen! (Man fragt sich nur was der Autor des Artikels beim niederschreiben der Zeilen sich gedacht?((...oh die armen Kerle mit dem bisschen Budget soweit vorne..."))
immerfroh 18.04.2019
4.
Bravo !
Zitat von Abel FrühstückEin Verein, der Dortmund aus der CL werfen kann, kann keine untalentierten Spieler haben ;-)
Bravo !
BurekTomate 18.04.2019
5. Fussball und Verstand
Wenn man ein Fussballspiel gewinnt, hat man alles richtig gemacht. Wenn es gerade läuft, dann ist man ein Genie, so denken leider die meisten Fussballfans und -kommentatoren. Die Wahrheit ist natürlich eine völlig andere. Ajax [...]
Wenn man ein Fussballspiel gewinnt, hat man alles richtig gemacht. Wenn es gerade läuft, dann ist man ein Genie, so denken leider die meisten Fussballfans und -kommentatoren. Die Wahrheit ist natürlich eine völlig andere. Ajax und Tottenham sind Zufallsprodukte, wobei Ajax im Gegensatz zu Tottenham eher verdient im HF steht. Und normalerweise müsste man solchen Spielern viel Geld zahlen, nur gut dass sie noch jung sind. Tottenham hingegen hätte schon in der Vorrunde ausscheiden müssen, dann wäre die hier erwähnte Theorie aber nicht möglich gewesen, also lässt man das lieber beiseite.... Mannschaften mit viel Geld und mit viel Können gewinnen die CL. Der einzige KLub der sich für ein paar Jahre da oben halten konnte, obwohl er nicht so viel Geld hat, ist Atletico Madrid. Aber gewinnnen konnten sie eben auch nichts. Und PSG und CIty zeigen eben dass Geld allein auch nciht reicht, es braucht tatsächlich Geld, Können und Zeit. Glück darf natürlich auch nie fehlen.

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Jahr Verein
2019 FC Liverpool
2018 Real Madrid
2017 Real Madrid
2016 Real Madrid
2015 FC Barcelona
2014 Real Madrid
2013 FC Bayern München
2012 FC Chelsea
2011 FC Barcelona
2010 Inter Mailand
2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

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