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Tottenhams später Sieg gegen Ajax

Danke, Fußball!

Für Mauricio Pochettino sind seine Spieler "Superhelden". Nach der furiosen Schlussphase bei Ajax zeigte er auf dem Rasen ungewohnte Emotionen - möglich gemacht hatte es der Spurs-Trainer mit einer Einwechslung.

Martin Meissner AP

Mauricio Pochettino

Aus Amsterdam berichtet
Donnerstag, 09.05.2019   07:10 Uhr

Mauricio Pochettino ist eigentlich ein Trainer der ruhigeren Sorte. Am Mittwochabend legte er seine besonnene und elegante Haltung aber kurz ab und zeigte vor den Fans von Tottenham Hotspur alle seine Emotionen. Im schwarzen Hemd, die sonst so sorgsam gebundene Krawatte längst verrutscht, umarmte Pochettino nach dem Abpfiff des Halbfinal-Rückspiels gegen Ajax Amsterdam mit Tränen in den Augen jeden, der ihm in die Quere kam. Erst seinen Torhüter Hugo Lloris, dann seine Assistenztrainer und auch noch die Physiotherapeuten. Dann ging er auf die Kurve zu und brüllte wild gestikulierend seine Freude heraus.

Zuvor war Pochettino mit seinem Team erstmals in der Klubgeschichte in das Finale der Champions League eingezogen. Nach einem unglaublichen Spiel, würde man sagen, hätte man diese Wortkombination nicht bereits im Zusammenhang des ersten Halbfinals zwischen Liverpool und Barcelona verbraucht. Oder gar schon beim Viertelfinal-Rückspiel der Spurs gegen Manchester City. Es gibt aber Schlimmeres als eine Inflation an unglaublichen Fußballspielen.

In Amsterdam erzielte Tottenhams Lucas Moura in der sechsten Minute der Nachspielzeit mit seinem dritten Tor den entscheidenden Treffer zum 3:2 (0:2). Dieses Ajax, das vorher Teams wie Real Madrid oder Juventus rausgeworfen hatte, war geschlagen. Während den Ajax-Fans, dem ersten Finaleinzug seit 23 Jahren doch so nah, kollektiv die Kinnlade herunterbrach, sprintete Tottenhams eigentlich am Knöchel verletzter Kapitän Harry Kane mitsamt fast der ganzen Bank in Richtung Eckfahne. Wunder geschehen immer wieder.

Probleme in der ersten Hälfte

Als Pochettino nach dem ausgelassenen Jubel vor die Kameras trat, bedankte sich der Argentinier nicht zuerst bei seiner Mannschaft, seiner Familie oder etwa seinem Trainerteam. "Thank you, Football", sagte er und sprach damit allen Fußballfans, die es an diesem Abend nicht unbedingt mit Ajax Amsterdam gehalten haben, aus der Seele. "Diese Art der Emotionen - ich denke, ohne Fußball wäre es unmöglich, sie zu erleben."

Dabei hatte Tottenham zunächst große Probleme im Duell der Überraschungsmannschaften dieser Champions-League-Saison. Gegen das hohe Anlaufen von Ajax wusste sich die Defensive der Spurs oft nur mit langen Bällen zu helfen. Problematisch, wenn einer der gegnerischen Verteidiger Matthijs de Ligt heißt, bei 1,89 Metern rund 90 Kilogramm wiegt und fast jedes Kopfballduell gewinnt.

Statt Kane, der sich im Viertelfinale gegen City eine schwere Bänderverletzung zugezogen hatte, kam nach der Halbzeit Fernando Llorente. Der Spanier hatte zwar im Viertelfinale gegen City das entscheidende Tor erzielt, im Hinspiel gegen Ajax aber keine Akzente setzen können. Ganz anders im Rückspiel: Als zentrale Anspielstation in der Spitze brachte er genau das, was Tottenham in der ersten Hälfte gefehlt hatte.

"Sie sind Superhelden"

In 45 regulären plus acht nachgespielten Minuten gewann er 13 seiner 17 Zweikämpfe und schloss sechsmal auf das Tor von Ajax ab, das sind herausragende Werte. Vor allem schaffte er aber Räume für den schnellen Lucas, dessen Drecksarbeit der ersten Hälfte er nun übernahm. Der Brasilianer dankte es seinem Sturmkollegen mit zwei schnellen Treffern zum Ausgleich nach der Pause.

Danach stabilisierte sich die Ajax-Abwehr, auch, weil sie phasenweise mit bis zu zehn Spielern im eigenen Strafraum verteidigten. Erst nachdem Pochettino in der Nachspielzeit sein Sakko auszog und es gefaltet einem Assistenten reichte, erzielte Lucas den Siegtreffer. Als hätten sich Lucas und Co. im gleichen Moment einen Umhang umgeworfen: "Sie sind Superhelden", sagte der Trainer.

Angesprochen auf den Finalgegner FC Liverpool sprach Pochettino hingegen nur von "Helden", die gegen Barcelona das Finale erreicht hätten. Von etwaiger Zukunftsplanung möchte er ohnehin nichts wissen. Auf die Frage, ob Kane zum Finale wieder einsatzbereit sein würde, sagte er kurz und knapp "Ciao" ins Mikrofon, stand auf und verließ das Podium. Genug preisgegeben für heute.

Ajax Amsterdam - Tottenham Hotspur 2:3 (2:0)
1:0 de Ligt (5.)
2:0 Ziyech (35.)
2:1 Lucas (55.)
2:2 Lucas (59.)
2:3 Lucas (90.+6)
Amsterdam: Onana - Mazraoui, de Ligt, Blind, Tagliafico - Schöne (60. Veltman), de Jong - Ziyech, van de Beek (90. Magallan), Tadic - Dolberg (67. Sinkgraven)
Tottenham: Lloris - Trippier (81. Lamela), Alderweireld, Vertonghen, Rose (82. Davies) - Sissoko, Wanyama (46. Llorente) - Dele, Eriksen - Lucas, Son
Schiedsrichter: Brych
Gelbe Karten: Dolberg, Ziyech, Onana / Sissoko, Rose

insgesamt 3 Beiträge
gerechtzz 09.05.2019
1.
Das bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei rein englische Europa Cup Finals. Theresa May wirds freuen.
Das bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei rein englische Europa Cup Finals. Theresa May wirds freuen.
meresi 09.05.2019
2. The winner takes it all
auch die Schlagzeilen. Keiner spricht mehr über das junge Ajax Team das herausragendes geleistet hat gegen Mannschaften die in wesentlich schwereren Ligen ihren Mann stehen müssen. Das Glück war eindeutig nicht auf ihrer Seite. [...]
auch die Schlagzeilen. Keiner spricht mehr über das junge Ajax Team das herausragendes geleistet hat gegen Mannschaften die in wesentlich schwereren Ligen ihren Mann stehen müssen. Das Glück war eindeutig nicht auf ihrer Seite. Dieses Missverständnis Tormann - Verteidiger + Tor, war der Knackpunkt, glaub ich. Das verlieh den Spurs Flügel.
gnarze 09.05.2019
3. Super
Pochettino hat bei Rückstand einen Stürmer eingewechselt....Sensationell... da wäre ein Kreisligatrainer bestimmt nicht drauf gekommen.
Pochettino hat bei Rückstand einen Stürmer eingewechselt....Sensationell... da wäre ein Kreisligatrainer bestimmt nicht drauf gekommen.

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