Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Neues Tottenham-Stadion

Ein Prachtbau für die Profitmaschine

Die neue Arena von Tottenham Hotspur hat das Zeug zur Kultstätte - der Klub will zu den wichtigsten der Welt gehören. Im Geldverdienen sind sie in Nordlondon schon jetzt die Größten.

AP
Aus London berichtet
Donnerstag, 04.04.2019   16:42 Uhr

Am Ende eines bewegten Abends saß Mauricio Pochettino im Pressesaal des neuen Stadions, der mit seinen Ledersesseln riecht wie das Innere eines Neuwagens, und sprach über Druck. Natürlich, sagte der argentinische Trainer von Tottenham Hotspur: "Es gab ein bisschen Druck. Aber unsere Leistung war gut. Es fängt schon an, sich nach Zuhause anzufühlen."

Sein Klub hatte mit der Partie gegen Crystal Palace (2:0) endlich sein rund eine Milliarde Pfund teures Stadion eröffnet, mit fast einer kompletten Saison Verspätung. Es wurde nur leicht versetzt zu der Stelle errichtet, an der bis 2017 die White Hart Lane gestanden hatte. Der Anstoßpunkt der alten Spielstätte ist im Boden des South Stand der neuen Arena markiert.

Der Abend wurde als große Heimkehr inszeniert. "Welcome Home" stand auf Bannern an den Laternenmasten an der Tottenham High Road, an der die Arena liegt wie ein riesiges Raumschiff, das in dem dicht besiedelten Viertel gelandet ist. "Welcome Home" leuchtete es von den Videowänden an der Fassade, als die Zuschauer vor dem Anpfiff mit schnellen Schritten durch den plötzlich einsetzenden Schneeregen zu der neuen Spielstätte strömten. "Welcome Home" stand auf Zehntausenden blauweißen Fahnen, die der Verein im Stadion hatte verteilen lassen.

"Solche Momente behält man für immer im Herzen"

"Es gab ein bisschen Druck": Nicht nur den Druck, den jede Premiere mit sich bringt. Nicht nur den Druck, der sich in der langen Wartezeit aufgebaut hatte, sondern auch den sportlichen Druck: Ins Eröffnungsspiel gingen die Spurs mit der schlechtesten Serie, die sie in fünf Jahren unter Pochettino je erlebt hatten: vier Niederlagen aus fünf Premier-League-Spielen. Nach einer mäßigen ersten Hälfte gegen Crystal Palace gelang die Eröffnung aber durch zwei Tore im zweiten Durchgang. Tottenham rückte wieder auf den dritten Platz vor.

Fotostrecke

Fußballstadien: Europas Top-Arenen

Bei der Eröffnungszeremonie vor dem Anpfiff waren zuvor auf den riesigen Anzeigetafeln in den vier Ecken des Stadions Bilder von der alten White Hart Lane gezeigt worden, Chöre traten auf, ein Feuerwerk erhellte den grauen Himmel über Nordlondon. Die Gesänge der Fans wurden mit besonderer Euphorie vorgetragen nach der Heimkehr aus dem Exil im Wembley-Stadion nach fast zwei Saisons. Nach der Partie sprach Trainer Pochettino davon, dass er "so stolz und so glücklich" sei: "Solche Momente behält man für immer im Herzen und in den Erinnerungen."

Seine Begeisterung war verständlich. Das neue Stadion mit Platz für mehr als 62.000 Zuschauer ist ein Prachtbau, der sich mit den bedeutendsten Arenen Europas messen kann. Die Zuschauer sind nah am Spielfeld, die Ränge sind steil. So fühlt sich die Spielstätte trotz ihrer Größe kompakt an. Der South Stand soll die englische Variante der Dortmunder Südtribüne sein. Hier entsteht die Stimmung.

Der Klub will einer der größten der Welt werden

Die Akustik des Stadions ist herausragend. Es mag nicht so laut sein wie zum Beispiel die Anfield Road in Liverpool an guten Tagen, dafür klingt es anmutiger und voller, wenn die Zuschauer ihr langgezogenes "Ooooooooh when the Spurs... gooooooo marching in" singen. Die Arena ist ein zentraler Baustein in Tottenhams Plan, zu "einem der größten Klubs der Welt" (Vorstand Daniel Levy) aufzusteigen, und hat beste Voraussetzungen, eine Kultstätte des modernen Fußballs zu werden.

Allerdings wurde gegen Crystal Palace auch ersichtlich, dass das Stadion allein noch keine Stimmung erzeugt. Wenn auf dem Rasen nichts passierte, war es oft auch auf den Rängen still. Wie in jeder anderen Spielstätte der Premier League waren zeitweise nur die Gästefans zu hören. "Is this the Emirates?", höhnten sie nach einer knappen halben Stunde, als Anspielung auf das als nicht besonders mitreißend bekannte Ambiente im Stadion des Lokalrivalen FC Arsenal.

Beim Abpfiff blieben größere Feierlichkeiten aus. Tottenhams Fans jubelten kurz, schwenkten noch einmal ihre Fahnen und verließen die neue Heimat zügig.

Die Eröffnung ist gelungen. Crystal Palace war ein dankbarer Gegner, den die Mannschaft wohl auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit besiegt hätte. Am Dienstag (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV Sky) ist Manchester City im Viertelfinalhinspiel der Champions League zu Gast im Norden Londons. Die Champions League, das ist der Maßstab für den sportlichen und auch für den finanziellen Erfolg des Klubs.

Die Voraussetzungen dafür sind gut: Am Tag nach dem Spiel veröffentlichte Tottenham seine Geschäftszahlen der Vorsaison. Der Gewinn betrug demnach 2017/2018 113 Millionen Pfund nach Steuern. Das entspricht 132 Millionen Euro - und ist der größte Profit, den je ein Fußballklub auf der Welt gemacht hat.

insgesamt 5 Beiträge
japru 04.04.2019
1. Was ist das für eine Auswahl an angeblichen "Top-Stadien"...?!
Olympiastadion in Kiew, Atatürk-Olympiastadion, das Olympiastadion Berlin, San-Siro oder Stadte de France sind alles andere als Top-Arenen. Gerade das San-Siro ist total veraltet und die restlichen Stadien sind noch nicht mal [...]
Olympiastadion in Kiew, Atatürk-Olympiastadion, das Olympiastadion Berlin, San-Siro oder Stadte de France sind alles andere als Top-Arenen. Gerade das San-Siro ist total veraltet und die restlichen Stadien sind noch nicht mal Fußballstadien...! Da fehlt das Juventus Stadion, das Old Trafford sowie Etihad Stadium in Manchester oder das Wanda Metropolitano Stadium von Atletico Madrid! Auch das Nationalstadion von Polen in Warschau könnte man da eher erwähnen... sogar die Schalke Arena hätte besser rein gepasst...
ha-es 04.04.2019
2. Wo ist Dortmund?
In einer solchen Auflistung kann doch nicht DAS deutsche Vorzeigestadion aus Dortmund fehlen! Die Südtribühne ist ja weltweit als eine der Stimmgewaltigsten gerühmt, darf international zwar nicht als Stehtribühne genutzt [...]
In einer solchen Auflistung kann doch nicht DAS deutsche Vorzeigestadion aus Dortmund fehlen! Die Südtribühne ist ja weltweit als eine der Stimmgewaltigsten gerühmt, darf international zwar nicht als Stehtribühne genutzt werden, aber bevor man alte Bruchbuden wie Berlin aufführt in denen eher Leichtathletik als Fußball ein zuhause hat oder nie ausverkaufte Häuser aus Kiew oder Paris benennt...
Stadionfan 04.04.2019
3. Made in Germany
Die Fassade des neuen Stadions ist übrigens Made in Germany. Geplant und hergestellt von der renommierten Fassadenbaufirma Josef Gartner aus Gundelfingen (Schwaben).
Die Fassade des neuen Stadions ist übrigens Made in Germany. Geplant und hergestellt von der renommierten Fassadenbaufirma Josef Gartner aus Gundelfingen (Schwaben).
bcpt8 05.04.2019
4.
Traumrendite für den Klub, dessen Gewinn nach Steuern noch den von Liverpool zuletzt übertrifft. Ein erklecklicher Teil davon dürfte für die nächste Tilgungsrate des milliardenschweren Stadionneubaus (= Kostenverdopplung seit [...]
Traumrendite für den Klub, dessen Gewinn nach Steuern noch den von Liverpool zuletzt übertrifft. Ein erklecklicher Teil davon dürfte für die nächste Tilgungsrate des milliardenschweren Stadionneubaus (= Kostenverdopplung seit Planung 2008) verwendet werden, der nach Medienberichten zur Hälfte kreditfinanziert ist. Und wird somit wohl die Tradition der kurzen Finanzleine des Klubmiteigentümers Levy für die eigentlich dringend nötige qualitative Kaderverbreiterung fortsetzen. Ihrem Frust über dieses Spardiktat verschaffen Trainer Pochettino und Spieler wie Danny Rose längst auch medial vernehmbar Luft. Einerseits zwar löblich, prioritär das Prinzip der klubeigenen Nachwuchsförderung zu verfolgen und daraus Topspieler wie Kane entwickelt und bislang gehalten zu haben. Andererseits fehlt bei Verletzungsausfällen der Bestbesetzung annähernd gleichwertiger Ersatz in der zweiten Reihe. Durchaus beachtlich also, dass sich Tottenham dennoch inmitten wesentlich transferausgabenfreudigeren PL-Topklubs im Bereich der Tabellenspitze behaupten kann und nach fünf Jahren auch wieder die CL-Finalrunden erreicht hat. Sollte die CL-Teilnahme in näherer Zukunft allerdings verpasst werden, könnten auch bislang klubtreue Stars wie Kane den Verlockungen der int. Klub-Beletage erliegen.
powaaah 07.04.2019
5. @4
Kreditraten sind Teil der GuV Rechnung und daher im Gewinn bereits inbegriffen. Sehr unwahrscheinlich, dass die Tilgung des Kredites erst nach Fertigstellung beginnen würde...
Kreditraten sind Teil der GuV Rechnung und daher im Gewinn bereits inbegriffen. Sehr unwahrscheinlich, dass die Tilgung des Kredites erst nach Fertigstellung beginnen würde...

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP