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Sport

Bayerns Sieg über Belgrad

Der Polterabend des Präsidenten

Nach dem 3:0 gegen Belgrad holt Uli Hoeneß zum verbalen Rundumschlag aus. Er schimpft über Joachim Löw, Marc-André ter Stegen und die Münchner Presse. Liegen die Nerven blank - oder ist das Kalkül?

Foto: Omnisport
Von Florian Kinast, München
Donnerstag, 19.09.2019   11:29 Uhr

Eine halbe Stunde nach dem Sieg über Roter Stern Belgrad kam Uli Hoeneß aus dem Kabinentrakt. In den vergangenen Jahren schritt er in solchen Momenten meist mit forschem Tempo an Kameras und Mikrofonen vorbei. Als Hoeneß am späten Mittwochabend aber abbremste und stehen blieb, war schon zu ahnen, dass er Redebedarf hatte.

Was in den folgenden knapp vier Minuten folgte, war nach einer kurzen noch sachlichen Spielanalyse eine Tirade, ein Rundumschlag, bei dem er über Marc-André ter Stegen schimpfte und den DFB, gegen Jogi Löw polterte und natürlich auch gegen die Presse.

Es war sicher einer seiner letzten Auftritte als Präsident des FC Bayern, knapp zwei Monate vor seinem anstehenden Rücktritt Mitte November. Und es war ein denkwürdiger Auftritt. Es verriet vor allem einiges über den momentanen Zustand beim FC Bayern.

Sportlich ein solider Champions-League-Auftakt

Das 3:0 gegen Roter Stern Belgrad war ein ordentlicher, wenn auch nicht überzeugender Auftakt in die neue Champions-League-Saison, in der die Bayern nach dem Achtelfinal-Aus gegen Liverpool im Frühjahr auf Wiedergutmachung aus sind, als Minimalziel das Halbfinale anpeilen, am liebsten aber den Titel.

Mitunter zeigten sie am Mittwoch gute Ansätze: Philippe Coutinho offenbarte einige nette Tricks und bewies als Spielmacher eine feine Spielübersicht. Ivan Perisic, der überraschend für Serge Gnabry von Beginn an auf dem Flügel ran durfte, machte ein prima Spiel. Und dann gab es ja noch den eingewechselten Thomas Müller, der mit seinem 106. Champions-League-Spiel Philipp Lahm als Rekordspieler der Bayern überholte und sich in der Nachspielzeit mit dem unterhaltsamsten Moment des Abends belohnte, als er bei einem einstudierten Freistoßtrick nach einem Lupfer von Thiago über die Mauer den Ball zum 3:0 ins Tor müllerte.

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Champions League: So siegten die Bayern gegen Belgrad

Das war alles sehr solide, und auch wenn das Team aus Belgrad in seiner Gefährlichkeit äußerst überschaubar daherkam: Man kann so ein erstes Spiel in der Champions League auch versemmeln und gegen einen unangenehmen Gegner Punkte lassen. Siehe Gruppen-Konkurrent Tottenham Hotspur beim 2:2 in Piräus. Und hätte Marko Marin für die Gäste nach 77 Minuten die Chance zum 1:1-Ausgleich verwertet, wer weiß.

Hoeneß sieht wieder Bedarf einzugreifen

Daher war es insgesamt also ein erfolgreicher Abend. Aber eben auch einer, der bewies, dass da noch deutlich Luft nach oben ist. Und dass sich die Bayern mit ihrer neuen Truppe noch finden müssen. Dass sie eben noch lange nicht da sind, wo sie ihrem eigenen Selbstverständnis nach sein sollten.

Irgendwie wissen die Bayern noch gar nicht so richtig, wo sie stehen. In der Liga wurden sie am Samstag von dem neuen, plötzlich ernst zu nehmenden Konkurrenten aus Leipzig geärgert, in der Tabelle sind sie Vierter, noch hinter Freiburg. Eine Momentaufnahme natürlich. Alles nicht so wild. Aber alles auch nicht so optimal. Der richtige Zeitpunkt aus Sicht des Präsidenten, einzugreifen.

Womöglich sorgt genau dieses Gefühl, diese Phase der eigenen Einordnung und der andauernden Selbstfindung bei den Kluboberen gerade wieder für reflexartige Ablenkungsmanöver auf Nebenschauplätze. Wie so oft schon in der Vergangenheit: Kaum lief es mal nicht ganz nach Wunsch oder kriselte es gar, nahmen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge winzige Störgeräusche von außen zum dankbaren Anlass, dieses Thema aufzupumpen.

Diesmal also die Debatte zum Torwart beim DFB. Weil Marc-André ter Stegen es gewagt hatte, nach der Nichtberücksichtigung gegen Nordirland zu sagen, er sei enttäuscht gewesen. Schon vor der Partie gegen Belgrad hatte Karl-Heinz Rummenigge den DFB attackiert, nun meinte also auch Uli Hoeneß, sich erklären zu müssen. "Er hat überhaupt keinen Anspruch, dort zu spielen", lederte der Präsident gegen ter Stegen, der übrigens gerade erst zur Wahl des Welttorhüters nominiert wurde, "es ist doch klar, dass nur Manuel die Nummer 1 ist. Da hätte ich mir vom DFB mehr Unterstützung erwartet, wir kriegen vom DFB nur Theater."

"Von der süddeutschen Presse keine Unterstützung"

Dann schimpfte Hoeneß noch mal über die "unmögliche Ausbootung" von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller durch Jogi Löw im Frühjahr, über die "Art und Weise, wie die Spieler schlecht behandelt wurden", und schoss sich, einmal in Fahrt, auf die Münchner Presse ein. "Die westdeutsche Presse unterstützt den ter Stegen extrem, wie wenn er schon 17 Weltmeisterschaften gewonnen hätte, und hier von der süddeutschen Presse gibt es keine Unterstützung." Für den Manuel, meinte Hoeneß natürlich.

Alexander Hassenstein Getty Images

Er steht im Mittelpunkt: Manuel Neuer

Ach ja, richtig, und dass es zu viele Länderspielpausen gäbe, wütete Hoeneß noch. "Drei Unterbrechungen durch Länderspiele bis Weihnachten, das ist Wahnsinn", klagte er, "immer wenn die Mannschaft im Rhythmus ist, das kann so nicht weitergehen." Freilich sind Länderspielpausen im September, Oktober und November schon seit Jahren Usus und nichts Neues, aber an diesem Abend war das Uli Hoeneß offenbar egal.

Am Ende drohte er gar noch dem DFB, dass man sich so eine Behandlung wie in der vermeintlichen Causa Neuer nicht mehr bieten lassen würde: "Wir werden den Leuten da schon mal bissl Feuer geben. Das können wir." Dann entschwand Hoeneß, nach diesen letzten Worten, die dem Bundestrainer sicher nicht den Schlaf rauben werden, nach denen man sich aber fragte, ob beim Klubchef gerade die Nerven ziemlich blank liegen - oder ob es nicht doch gesteuertes Kalkül war.

Dass jetzt die Torwart-Diskussion eine ungeahnte Eskalationsstufe erreicht, dass sich alle auf das Thema stürzen: Vielleicht gibt das der Mannschaft wie schon so oft in ähnlichen Situationen die Gelegenheit, sich nun in aller Ruhe zu sammeln und zu finden. Vielleicht schweißt das zusammen. Auf dem Weg zum guten alten Mia san Mia, zum überzeugten Selbstverständnis vom eigenen Erfolgsweg.

Dann hätten Hoeneß und Rummenigge doch wieder alles richtig gemacht.

insgesamt 133 Beiträge
cosh 19.09.2019
1. Uli, die Rente ruft
Wie wichtig ist es, ob Herrn Hoeneß der Kragen mal wieder platzt? Zweifellos hat er Ter Stegen in Dortmund spielen sehen und weiß, dass die Zeit von Manuel Neuer als Nr. 1 sich dem Ende zuneigt. Sein Getröte werde ich nicht [...]
Wie wichtig ist es, ob Herrn Hoeneß der Kragen mal wieder platzt? Zweifellos hat er Ter Stegen in Dortmund spielen sehen und weiß, dass die Zeit von Manuel Neuer als Nr. 1 sich dem Ende zuneigt. Sein Getröte werde ich nicht vermissen.
_gimli_ 19.09.2019
2.
ter Stegen hat laut Hoeness also keinen Anspruch auf die Nr. 1 im Tor der Nationalmannschaft. Es wäre interessant gewesen, wie Hoeness diese Position begründet. Und es wird sicher interessant, wie seine Argumentation ausfällt, [...]
ter Stegen hat laut Hoeness also keinen Anspruch auf die Nr. 1 im Tor der Nationalmannschaft. Es wäre interessant gewesen, wie Hoeness diese Position begründet. Und es wird sicher interessant, wie seine Argumentation ausfällt, wenn ter Stegen am 23.9. als Welttorhüter gekürt wird (was meiner Meinung nach eine klare Sache ist). Es ehrt Hoeness, "seinen" Torhüter Neuer zu unterstützen, ihm ist hier aber offensichtlich jede Objektivität abhanden gekommen (oder alles ist Kalkül, wohl wissend, dass die Luft für Neuer in der Nationalmannschaft dünner wird).
Watchtower 19.09.2019
3. Hoeneß und seine Tagesform ....
Mal so, mal so...es wird Zeit, dass er nicht mehr auf diel Presse losgelassen werden darf. Die gilt ebenfalls für seinen Hiwi Rummenigge. Für einen international angesehenen Verein sollten Profis vor das Mikro treten.
Mal so, mal so...es wird Zeit, dass er nicht mehr auf diel Presse losgelassen werden darf. Die gilt ebenfalls für seinen Hiwi Rummenigge. Für einen international angesehenen Verein sollten Profis vor das Mikro treten.
jack14 19.09.2019
4. Angry white man
Wettern gegen die Regierung/ Obrigkeit (DFB, UEFA), Schimpfen auf die Presse, Glaube an Verschwörungstheorien (alle gegen Neuer) Kommt mir irgendwie bekannt vor... Ich könnte Ulli noch nie ernst nehmen.
Wettern gegen die Regierung/ Obrigkeit (DFB, UEFA), Schimpfen auf die Presse, Glaube an Verschwörungstheorien (alle gegen Neuer) Kommt mir irgendwie bekannt vor... Ich könnte Ulli noch nie ernst nehmen.
.patou 19.09.2019
5.
Wenn der anstehende Wechsel an der Bayern-Spitze etwas Gutes hat, dann die Aussicht, dass man einerseits den selbstverliebten Kahn nicht mehr als ZDF-Experten ertragen muss und andererseits der sich ständig im Ton vergreifenden [...]
Wenn der anstehende Wechsel an der Bayern-Spitze etwas Gutes hat, dann die Aussicht, dass man einerseits den selbstverliebten Kahn nicht mehr als ZDF-Experten ertragen muss und andererseits der sich ständig im Ton vergreifenden Hoeneß nicht mehr so oft Gelegenheit haben wird, seine peinlichen Tiraden in ein Mikrofon zu erbrechen. Sollte es sich nicht um eine gewollte Provokation handeln, wäre dringend eine Anger-Management-Therapie anzuraten. Schade, wenn bei einem Verein mit internationalen Spitzen-Ambitionen das Niveau des Vorstands so dermaßen hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt.

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