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Sport

Hoeneß-Abschied

Bayerns Bismarck

Mit Uli Hoeneß verlässt der Mann die Bühne, der wie kein anderer für die Entwicklung der Bundesliga steht. Er hat den deutschen Fußball zu dem gemacht, was er ist. Und wurde selbst davon überrollt.

Hannes Magerstaedt Getty Images
Von
Freitag, 15.11.2019   16:33 Uhr

Als Uli Hoeneß am Sonntag zum Telefonhörer griff, wuchs die Gewissheit, dass seine Zeit zu Ende geht. Der Präsident des großen FC Bayern, der wie ein Rentner live beim Fußballstammtisch "Doppelpass" bei Sport 1 anruft, um seinen Unwillen über die Diskussion zu bekunden! Bei aller Hochachtung vor dem "Doppelpass": Früher saß Hoeneß bei Anne Will und Sabine Christiansen und erklärte einem Millionenpublikum die Welt.

Es gibt einen beliebten journalistischen Kniff, wenn man verdeutlichen will, wie lange jemand in der Öffentlichkeit schon aktiv ist: Man verweist auf historische Ereignisse, die zu der Zeit passierten, als jene Person im Scheinwerferlicht auftauchte. Uli Hoeneß betrat 1970 als junger Spieler die Bühne der Fußballbundesliga. Das war ein Jahr nach der Mondlandung, in Deutschland hatte Willy Brandt gerade das Regieren aufgenommen, die Amerikaner kämpften in Vietnam, die Beatles lösten sich auf, seit drei Jahren gab es immerhin schon Farbfernsehen. Man kann also sagen, dass es schon ganz schön lange her ist.

Seit 1970 bis zum heutigen Tag gehören Uli Hoeneß, der FC Bayern München und die Fußballbundesliga zusammen, untrennbar, und der Bundestrainer Joachim Löw hat schon recht, wenn er sagt, Hoeneß habe den deutschen Fußball geprägt "wie kein anderer". Mehr noch als Beckenbauer, in jedem Fall auch mehr als Löw.

Foto: Ulmer/ imago images

Otto Rehhagel ist gerne als "Kind der Bundesliga" bezeichnet worden, Hoeneß war dann der Heranwachsende, der Pubertierende und dann der Erwachsene der Bundesliga. All die Entwicklungen, die der Fußball in jenen Jahrzehnten seit Mondlandung und Farbfernsehen genommen hat, kann man an dem Namen Uli Hoeneß festmachen: die Kommerzialisierung, die Globalisierung, die Modernisierung, die Boulevardisierung, die Überhöhung dieses Sports.

Es ist fast schon ein lustiges Phänomen, dass ausgerechnet Hoeneß sich stets als der Bewahrer, der Fußballkonservative stilisiert hat, der das Internet verabscheut, die Mannschaft im krachledernen Outfit auf die Wiesn schickt und mit den Spielern eine Runde Schafkopf drischt. Wobei er in Wirklichkeit der Treiber war, den Fußball in Deutschland zum ganz großen Geschäft zu machen.

Er selbst hat dabei versucht, seine alten Methoden durch die Zeiten des Big Business zu retten und gleichzeitig am großen Rad der Eventmaschine Bundesliga zu drehen. Das machte ihn wahrscheinlich so besonders: dieser Spagat zwischen Laptop und Lederhose, zwischen Folklore und Big Money. Dass die Art, Transfers als eine Art Freibeutertum zu betreiben, um der Konkurrenz die besten Spieler wegzufischen, in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch funktioniert haben mag, aber mittlerweile nicht mehr Stand der Dinge ist, hat er erst spät begriffen. Geheimtreffen an Autobahnraststätten waren irgendwann nicht mehr State of the Art.

In der Außendarstellung unberechenbar

Überhaupt war seine zweite Präsidentschaft, die Rückkehr nach seiner Gefängnisstrafe, keine glückliche mehr. Hoeneß machte mehr und mehr den Eindruck, die Fäden nicht mehr in der Hand zu halten. Das machte ihn fahrig, in der Außendarstellung unberechenbar, auch für den eigenen Verein. Früher waren seine Attacken, die vermeintlichen Wutausbrüche in Wirklichkeit bewusst gesetzte Nadelstiche, im Verein abgesprochen und ausgeklügelt und dann kalkuliert eingesetzt. Jetzt nicht mehr.

Sein Tonfall wurde rauer, zuweilen am Rand des Vulgären. Den feinen Herren im Bayern-Vorstand, die mittlerweile das Kommando übernommen haben, kann und muss das nicht gefallen haben. Immer mehr wurden seine Auftritte unter "Ach, ja, der Uli eben" abgebucht, gerade gut genug noch fürs Entertainment im Privatfernsehen und in den sozialen Medien. Es gab kaum noch Texte über ihn, die ohne den Dauerbrenner "Aus der Zeit gefallen" auskamen. All das gipfelte in den Pfiffen bei der Jahreshauptversammlung im Vorjahr. Hoeneß hat gesagt, er wolle gehen, bevor er wie andere vom Hof gejagt werde. Diesen Zeitpunkt hat er so gerade noch erwischt.

Als Hoeneß seinen Abschied verkündete, tauchten Karikaturen auf, die ihn als stilisierten Bismarck zeigten, nach der berühmten "Punch"-Zeichnung: Der Lotse geht von Bord. Der Vergleich ist nicht so falsch. Bismarck, der Polarisierer, der Machtmensch, der Mann, der alles bestimmte, war am Ende auch einer, der als gestrig dargestellt wurde und es vielleicht auch war. Und dessen Bedeutung dennoch unbestritten bleibt.

Üppige Zitatsammlung hinterlassen

Hoeneß war über so viele Jahre der Mister Bundesliga. Seine Duelle mit Werder-Manager Willi Lemke, mit Kölns Christoph Daum sind Ligageschichte geworden, seine Scharmützel mit den Medien sind es ebenso, in 50 Jahren hat er eine üppige Zitatsammlung hinterlassen von Sprüchen, die jeder kennt, von der "Scheißstimmung, für die ihr doch selbst verantwortlich seid" bis hin zum berühmten "Das wars noch nicht". Nicht zuletzt hat er schon als Aktiver durch seinen kapitalen Elfmeterfehlschuss im EM-Finale 1976 die Sportberichterstattung um das Wort "Nachthimmel" bereichert. Womit sich der Kreis zur Mondlandung wieder schließt.

In dieser Woche überbieten sich die Laudatoren im Vorfeld der Jahreshauptversammlung am heutigen Freitag mit Abschiedsworten, die schon aufpassen müssen, nicht zum Nachruf zu werden. Hoeneß hat daher auch rasch versucht, jeden Eindruck zu zerstören, hier ziehe sich jetzt jemand aus der Öffentlichkeit zurück. Sich heraushalten, das hat Hoeneß nie gekonnt, so oft er es im Vorfeld auch angekündigt hatte. Die Frage ist nur, wie viel Gewicht sein Wort dann noch haben wird, wenn er kein verantwortliches Amt mehr ausübt. Wenn der Hoeneß-Kommentar aus dem Off dann wirklich nur noch Fußballfolklore ist.

Das hätten er und sein Leben für den FC Bayern wahrlich nicht verdient.

insgesamt 84 Beiträge
guido_lux 15.11.2019
1. Was für ein Fehlgriff...
einen verurteilten Steuerbetrüger mit dem Baumeister der deutschen Reichsgründung von 1871 in einem Satz zu nennen. Jeglicher, wie auch immer gearteter Vergleich, verbietet sich in meinen Augen. Herr Hoeneß mag seine Verdienste [...]
einen verurteilten Steuerbetrüger mit dem Baumeister der deutschen Reichsgründung von 1871 in einem Satz zu nennen. Jeglicher, wie auch immer gearteter Vergleich, verbietet sich in meinen Augen. Herr Hoeneß mag seine Verdienste für den FC Bayern haben, für mich bleibt er trotzdem ein Krimineller, der dem Staat und dem Allgemeinwohl erheblich geschadet hat.
Klaugschieter 15.11.2019
2. Personenkult
Gewiss, der Uli Hoeneß hat seine Verdienste, hat mit seinen Tricks als skrupelloser Geschäftsmann für den FC Bayern viel erreicht. Hat dafür gesorgt, dass den anderen Vereinen talentierte Spieler vom Platz weggekauft wurden, [...]
Gewiss, der Uli Hoeneß hat seine Verdienste, hat mit seinen Tricks als skrupelloser Geschäftsmann für den FC Bayern viel erreicht. Hat dafür gesorgt, dass den anderen Vereinen talentierte Spieler vom Platz weggekauft wurden, von denen dann später einige beim FCB nur auf der Ersatzbank schmorten. Hauptsache, sie spielten nicht mehr für die Konkurrenz. Es ist auch okay, wenn heute sein Abgang in den Medien thematisiert wird, auch wenn er sich dabei größtenteils selbst inszeniert. Aber ab morgen ist dann der Personenkult um den rechtskräftig verurteilten Steuerhinterzieher hoffentlich für immer vorbei!
Nonvaio01 15.11.2019
3. Danke Uli
mehr muss man nicht sagen.
mehr muss man nicht sagen.
evalotta 15.11.2019
4.
Er hat Größenvorstellungen und ist ein verurteilter Verbrecher, der keinerlei Reue zeigt. MAn kann froh sein, dass ein Mensch wie er "nur" an der Spitze eines "Sportvereins" steht. Menschen von solcher Art [...]
Er hat Größenvorstellungen und ist ein verurteilter Verbrecher, der keinerlei Reue zeigt. MAn kann froh sein, dass ein Mensch wie er "nur" an der Spitze eines "Sportvereins" steht. Menschen von solcher Art und Charakter haben schon viel Leid über die Menschen gebracht.
cup01 15.11.2019
5.
Wann verschwindet der endlich. Den will doch wohl niemand mehr sehen.
Wann verschwindet der endlich. Den will doch wohl niemand mehr sehen.

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