Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Verschwörungstheorien

Hoeneß will Werder "niedermachen"

Trotz des 2:1-Sieges beim 1. FC Köln hat Bayern München gegenüber Tabellenführer Werder Bremen keinen Boden gut machen können. Im Gegenteil. Nach dem 6:0 über den HSV haben die Bremer sich ein weiteres Polster im Titelkampf geschaffen. Bayern-Manager Uli Hoeneß wittert ein Komplott der Nordrivalen.

Sonntag, 02.05.2004   13:47 Uhr

Hamburg - Obwohl der FC Bayern München seinem Manager zum 25-jährigen Amtsjubiläum mit einem Sieg beim 1. FC Köln ein schönes Geschenk gemacht hatte, war Uli Hoeneß nach dem Schlusspfiff kaum zu beruhigen. Als er das Ergebnis vom 6:0 der Werderaner über den Hamburger SV erfuhr, war Hoeneß die Sache klar: Die beiden Nordrivalen machen im Kampf um die Meisterschaft gemeinsame Sache.

Kein Verständnis für den HSV

"Das ist eine wahnsinnige Sauerei vom HSV, dass er sich in dieser Phase so abschlachten ließ. Dafür habe ich kein Verständnis. Bereits vor zehn Jahren hat der HSV die Bremer schon einmal so zum Meister gemacht", schimpfte Hoeneß. Am vorletzten Spieltag der Saison 1992/93 gewann Werder gegen den HSV 5:0 und verdrängte dank des besseren Torverhältnisses die Bayern vom ersten Tabellenplatz, was eine Woche später zum dritten Meistertitel der Bremer reichte.

Den vermeintlichen Vorwurf der Schiebung im Meisterkampf dementierte Hoeneß am Sonntag aber energisch. "Nein, das habe ich nie behauptet. Und ich habe das Wort Schiebung auch nie in den Mund genommen", wehrte er sich. Werder Bremen habe eine Kungelei auch gar nicht nötig. Unverständlich sei aber, wieso HSV-Coach Klaus Toppmöller in der entscheidenden Phase der Meisterschaft den völlig unerfahrenen Torwart Tom Starke eingesetzt habe. "Die Bundesliga kann kein Tummelplatz für irgendwelche Tests sein", monierte Hoeneß.

Die Bremer Verantwortlichen reagierten auf die Münchner Vorwürfe gelassen. "So etwas muss ich nicht kommentieren", sagte Werder-Coach Thomas Schaaf zu der Hoeneß-Attacke, "jeder kann sich dazu seine Meinung bilden. Ich denke, Hoeneß ist alt genug, um zu wissen, was er sagt." Dass Hoeneß mit seinen Bayern beispielsweise im Jahre 1986 am letzten Spieltag selbst von einem indisponierten Gegner (6:0-Sieg über Mönchengladbach) profitierte und den Bremern die Meisterschale dank des besseren Torverhältnisses noch aus den Händen riss, ist an der Säbener Straße offensichtlich kein Thema mehr.

"Wir müssen die jetzt richtig niedermachen"

Trotz der Verschwörungstheorien will sich Hoeneß im Kampf um die Meisterschaft noch nicht geschlagen geben und heizt seine Mannschaft für das Gipfeltreffen gegen Bremen am kommenden Samstag richtig auf. "Wir haben die Meisterschaft mit unserem Erfolg in Köln offen gehalten und einen wichtigen Schritt im Kampf um Platz zwei gemacht", versucht Hoeneß eine Psychoschlacht loszutreten, "nun freue ich mich auf ein heißes Spiel gegen Bremen. Werder hat nur zwei der letzten sechs Spiele gewonnen. Nächste Woche wird sich zeigen, wie nervös sie wirklich sind. Dann werden wir auch sehen, wer die beste Mannschaft in Deutschland ist. Wir müssen die jetzt mit drei, vier Toren Unterschied wegfegen und richtig niedermachen. Dann wird es noch mal richtig spannend."

Auch die Bayern-Spieler haben die Hoffnung auf die Titelverteidigung noch nicht aufgegeben. Torhüter Oliver Kahn erkennt durchaus noch die "große Chance, auf drei Punkte ran zu kommen". Michael Ballack will nach dem Aus des Cupverteidigers im Viertelfinale des DFB-Pokals bei Alemannia Aachen und dem frühen Scheitern in der Champions League an Real Madrid nur noch eines: "Gegen Bremen gewinnen und die Meisterschaft noch einmal spannend machen." Und Jens Jeremies ist überzeugt, es noch zu schaffen: "Es ist angerichtet."

Zuversicht beziehen die Bayern durch die Erinnerung an das Herzschlag-Finale von 2001, als der FC Schalke 04 für vier Minuten Meister war, ehe Bayern-Libero Patrick Andersson mit einem Freistoßtor in der Nachspielzeit (übrigens mit einem 1:1 beim Hamburger SV) doch noch den Titel sicherte. Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld gibt sich deshalb optimistisch: "Wir haben die berechtigte Hoffnung, auch in diesem Jahr deutscher Meister zu werden."

Kühle Bremer Reaktion

Die Frage ist allerdings, ob die Bremer sich von den Psychotricks der Bayern einschüchtern lassen. Die Bremer Führungsetage ließ sich von Hoeneß' Kampfansage jedenfalls nicht aus der Reserve locken. "Ich kann auf diese Drohungen gar nicht reagieren, weil es in meinem Wortschatz Vokabeln wie niedermachen und wegfegen nicht gibt", kommentierte Werders Marketing-Geschäftsführer Manfred Müller kühl, "eine bessere Motivation für unsere Mannschaft hätte er mit diesen Ankündigungen nicht machen können."

Auch Sportdirektor Klaus Allofs hielt sich deutlich zurück. "Ich sehe Uli vor der Begegnung und werde ihn wahrscheinlich auf die Äußerungen ansprechen. Ob diese Formulierungen richtig sind, muss er selbst entscheiden."

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP