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Sport

RB Leipzig unter Trainer Nagelsmann

Das Beste aus zwei Welten

In Hoffenheim war Julian Nagelsmann meist ein Ballbesitz-Trainer. In Leipzig führt er nun eine Elf, die radikales Umschaltspiel gewöhnt ist. Gelingt ihm die Verschmelzung, könnte RB den Bayern gefährlich werden.

AP / Martin Meissner

RB-Trainer Julian Nagelsmann und sein Angreifer Timo Werner diskutieren das Geschehen auf dem Feld

Von Tobias Escher
Freitag, 13.09.2019   14:46 Uhr

Als Julian Nagelsmann 2016 mit nur 28 Jahren Trainer der TSG Hoffenheim wurde, erklärte er einmal seine Sicht auf den Fußball und seinen Beruf. "Viele gute Trainer können vor dem Spiel einen Plan entwickeln und den durchziehen", sagte Nagelsmann. "Aber die richtig guten Trainer ändern den Plan nach sieben Minuten, wenn es nicht läuft."

Seit dieser Saison coacht Nagelsmann die Mannschaft von RB Leipzig. Jetzt bietet sich dem 32-Jährigen die Gelegenheit, seiner Aussage einen neuen Satz hinzuzufügen: "Und die richtig, richtig guten Trainer schaffen es, ihren eigenen Plan mit dem des Vereins zu kombinieren und daraus Erfolg zu machen, selbst wenn sich beide Pläne eigentlich zu widersprechen scheinen."

Ist RB sogar ein Kandidat für die Meisterschaft?

RB Leipzig ist unter Nagelsmann sehr gut in die neue Bundesligasaison gestartet und gewann als einziges Team alle drei Spiele. Am Samstag empfangen sie als Spitzenreiter den FC Bayern (18.30 Uhr/live im SPIEGEL-Ticker, TV: Sky). Und man fragt sich: Kann Leipzig mit Nagelsmann den Münchnern im Rennen um die Meisterschaft gefährlich werden?

Die Antwort lautet: Wenn Nagelsmann und RB Leipzig ein Spagat gelingt. Wenn der immer noch junge Trainer es schafft, seinen ballorientierten Stil mit der Vereinsphilosophie des radikalen Umschaltspiels zu verschmelzen. Doch das ist kompliziert.

DPA

2016 wurde Julian Nagelsmann mit nur 28 Jahren Trainer der TSG Hoffenheim

In Hoffenheim stellte Nagelsmann seine Elf drei-, viermal während eines Spiels um. Sein Team sollte das Spiel kontrollieren und Überzahl erzeugen für das eigene Passspiel. Hoffenheim hatte mehr Ballbesitz als die meisten anderen Bundesligisten.

Ein Eingriff in die Klub-DNA

RB Leipzig pflügte bisher mit einem völlig anderen Ansatz durch die Liga. Ralf Rangnick etablierte als Sportdirektor und auch als Trainer eine klare Philosophie: RB-Teams sollten Tempo mit Intensität verbinden, den Gegner nach eigenen Ballverlusten jagen und nach Ballgewinnen schnell wieder nach vorn spielen.

Nagelsmann mag kein Ballbesitzidealist sein wie Pep Guardiola oder Peter Bosz. Seine taktischen Anweisungen hatten aber stets das Spiel mit dem Ball im Fokus. Rangnick dagegen dachte den Fußball in Leipzig in erster Linie als ein Spiel gegen den Ball. Trotzdem folgte Nagelsmann in Leipzig auf Rangnick. Das ambitionierte Projekt RB wollte sich das größte Trainertalent des Landes nicht entgehen lassen.

In den ersten Wochen bei RB betonte Nagelsmann, dass er seine Philosophie an die Arbeitsweise in Leipzig anpassen wolle. Gleichzeitig sagte er aber auch: "In Phasen der Dreifachbelastung ist es nicht verkehrt, Phasen im Spiel zu haben, in denen der Ball in den eigenen Reihen läuft, um im Umkehrschluss die RB-DNA zu 100 Prozent aufs Feld zu kriegen."

Das Beispiel Hasenhüttl

Nagelsmann träumt von einer Kombination des Besten aus beiden Welten: "Meine Idee vom Spiel mit dem Ball verstärkt die Idee bei gegnerischem Ballbesitz", sagt er. Die Ballbesitzphasen sollen bereits das Gegenpressing bei Ballverlust vorbereiten. Seine Elf soll in allen Phasen eines Fußballspiels brillieren: bei eigenem Ballbesitz, bei gegnerischem Ballbesitz sowie in den Momenten nach Ballgewinn und -verlust.

Doch dieser Spagat ist nicht ungefährlich für den Trainer. Nur wenigen Teams gelingt er. Jürgen Klopps Liverpool gehört dazu genauso wie die Weltmeister-Mannschaft aus Frankreich.

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Ralph Hasenhüttl (Mitte) scheiterte in der Saison 2017/18 daran, sich bei RB Leipzig vom Gegenpressing zu emanzipieren

In Leipzig ist schon einmal ein Trainer bei dem Versuch gescheitert, das Team vom Umschaltspiel zu emanzipieren. Ralph Hasenhüttl wollte in der Saison 2017/18 Leipzig weniger ausrechenbar machen. Leipzig kassierte deutlich mehr Gegentore (mit 53 die viertmeisten aller Mannschaften in der Saison) und stand am Ende auf Platz sechs. Rangnick löste den Österreicher in der Spielzeit darauf ab und drehte das Rad zurück: Unter ihm wurde RB Dritter - auch dank der mit 29 Gegentoren besten Defensive der Liga. Und Leipzig zog ins Pokalfinale ein.

Nagelsmann sagt: "Ich will nicht schmälern, was hier vorher war. Ich würde drei Kreuze machen, wenn ich auch wieder Dritter würde". Doch er deutet auch an, dass ihm das allein nicht reicht: "Aber es geht darum, sich weiterzuentwickeln." Und Rangnick ist nicht mehr in Leipzig.

Sabitzer als idealer Spieler für Nagelsmann

Gerade für die Spieler ist Nagelsmanns Idee komplex: Sie müssen erkennen, wann sie das Spiel schnell machen und wann beruhigen müssen, wann sie vertikal spielen und wann den Ball laufen lassen können. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben im modernen Fußball, in dem Entscheidungen unter Gegnerdruck in Millisekunden getroffen werden müssen.

Spielintelligenz, Anpassungsfähigkeit, technische Klasse: Das alles brauchen Spieler für Nagelsmanns Fußball der Zukunft. Schon in Hoffenheim fühlten sich manche seiner Profis überfordert. In Leipzig dürfte Nagelsmann sogar noch mehr verlangen.

SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Marcel Sabitzer (vorn) ist für Nagelsmanns Ideen der ideale Spieler

Ein Spieler, der besonders prädestiniert ist für das neue Leipziger Duett aus Gegenpressing und Ballbesitz, ist Marcel Sabitzer. Der Mittelfeldspieler ist schnell, aggressiv bei der Balleroberung, aber auch ballsicher und durchaus ideenreich im Passspiel. Ihn hat Nagelsmann zu seinem verlängerten Arm auf dem Platz gemacht.

Gegen den FC Bayern konnte Leipzig von acht Partien bisher nur eine gewinnen. Zuletzt verlor RB das Pokalfinale im Mai 0:3. Nun gibt es die nächste Gelegenheit, die Statistik zu verbessern. Was die Formation betrifft, ist Leipzig jetzt schwerer ausrechnenbar. Nachdem Nagelsmann zuerst sein aus Hoffenheim bekanntes 5-3-2-System spielen ließ, stellte er zuletzt gegen Mönchengladbach auf ein 4-2-2-2 um; ein von Rangnick favorisiertes System, das Nagelsmann in Hoffenheim praktisch nie nutzte.

Es wird Wochen und Monate dauern, bis man beurteilen kann, wie gut Nagelsmann seine Vision umsetzen kann. Eins steht aber jetzt schon fest: Am Samstag treffen die Bayern auf ein RB-Team, das sie so noch nicht kannten.

insgesamt 22 Beiträge
meresi 13.09.2019
1. Nagelsmann
ich hoffe du versaust es nicht. Erwarte einen Sieg gegen den Stern aus dem Süden. period
ich hoffe du versaust es nicht. Erwarte einen Sieg gegen den Stern aus dem Süden. period
jujo 13.09.2019
2. ....
Mal abwarten! Ich hoffe RBL macht nicht den BvB, nutzt die Chance und hält das Niveau.
Mal abwarten! Ich hoffe RBL macht nicht den BvB, nutzt die Chance und hält das Niveau.
spon_2956127 13.09.2019
3. Altersschnitt
Das Problem der Leipziger ist nicht der Trainer, sondern das für die notwendige Konstanz ungesunde Verhältnis zwischen jungen "Wilden" und älteren, erfahrenen Spielern. Die übliche Notlösung für eine Mannschaft, [...]
Das Problem der Leipziger ist nicht der Trainer, sondern das für die notwendige Konstanz ungesunde Verhältnis zwischen jungen "Wilden" und älteren, erfahrenen Spielern. Die übliche Notlösung für eine Mannschaft, die zwar weit kommen will, aber bloß nicht zu viel kosten darf. Zwischen Titel und "gerade noch EL" ist bei RB immer alles drin.
thomaspeschel 13.09.2019
4. Tabellenführer
Wenn die Bayern beim derzeitigen Tabellenführer antreten müssen, wird es mit Sicherheit ein unterhaltsames Spiel.
Wenn die Bayern beim derzeitigen Tabellenführer antreten müssen, wird es mit Sicherheit ein unterhaltsames Spiel.
widower+2 13.09.2019
5. Unentschieden
Ich hoffe auf ein Unentschieden, weil dann die beiden unsympathischsten Vereine jeweils 2 Punkte verlieren und die Spannung erhalten bleibt.
Ich hoffe auf ein Unentschieden, weil dann die beiden unsympathischsten Vereine jeweils 2 Punkte verlieren und die Spannung erhalten bleibt.

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