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Sport

Basketball-Finalist Alba Berlin

Schule machen

Alba steht gegen Bayern im Finale um die Basketball-Meisterschaft. Während die Münchner vor allem auf dem Transfermarkt aktiv sind, durchsucht Berlin auch Kitas und Grundschulen nach Talenten.

Camera 4/ imago images

Nachwuchs-Basketballer von Alba Berlin und Würzburg (Archivbild)

Von , Berlin
Sonntag, 16.06.2019   16:03 Uhr

Auf dem Schulhof der Nürtingen-Grundschule in Berlin-Kreuzberg dachte man am Freitagnachmittag nicht an großen Sport. Es wurde ein kleines Sommerfest gefeiert, die Eltern brachten Essen mit, ein paar Kinder dribbelten sich durch einen Basketballparcours. Was hat das mit dem Endspiel um die Deutsche Basketballmeisterschaft zwischen Alba Berlin und Bayern München zu tun?

Auf den ersten Blick zwar nichts. Doch auf den Grundschulhöfen in Kreuzberg, im Wedding, in Mitte und Reinickendorf, im Märkischen Viertel und in der Gropiusstadt dribbeln die Kinder, die vielleicht 15 Jahre später um den Meistertitel mitspielen. Das ist zumindest die Hoffnung von Alba.

Irgendwann ist auch Tim Schneider mal so mit dem Ball über den Schulhof gerannt, auch Franz Wagner, Bennet Hundt und Lorenz Brenneke. Die vier haben das Schulprogramm von Alba durchlaufen, sie sind schon in der Grundschule von Scouts begutachtet worden, ihnen wurde das Maßband angelegt und ihre Größe gemessen.

Jetzt gehören sie zum Kader, der ab dem heutigen Abend versuchen wird, die Bayern in den Final-Playoffs zu schlagen (Spiel eins ab 18 Uhr, Livestream: Telekom). Um mitzuhelfen, Alba zum Meister zu machen. Es wäre das erste Mal seit elf Jahren.

"Es braucht einen sehr langen Atem"

Die Stars in Berlin sind andere, die Amerikaner Luke Sikma und Peyton Siva, oder der wuchtige Martin Hermannsson aus Island, so weit sind Schneider und Wagner noch nicht. Die Leistungsträger kommen nach wie vor vom internationalen Transfermarkt. Was auch zeigt, wie mühsam der Weg ist, den die Berliner mit ihrem Nachwuchskonzept gehen. "Es braucht einen sehr langen Atem", sagt Manager Marco Baldi.

Und das, obwohl Alba das Projekt, Basketballer von der Schule, von der Kita gar aufzuziehen, in großem Stil aufzieht wie sonst niemand in Deutschland. Mittlerweile kooperieren mehr als 100 Schulen in Berlin und Brandenburg mit dem Verein, die Nürtingen-Grundschule ist eine von ihnen. Alba hat eine eigene Grundschulliga mit über 170 Teams etabliert, in der die Kleinen ihre Meister ausspielen. Es gibt das Programm "Größe zeigen", bei dem die hochgewachsenen Grundschulkinder begutachtet werden. Erst zwölf Jahre alt und schon fast 1,80 Meter groß? So jemand sollte bei Alba landen.

Der Klub hat seit ein paar Jahren einen eigenen Studiengang in Zusammenarbeit mit einer Hochschule entwickelt. Lehrer sind eingebunden, Leiter von Sport-AGs an den Schulen. 8000 Kinder, so hat man ausgerechnet, werden wöchentlich von Alba betreut. Die Nachwuchsabteilung des Klubs hat inzwischen fast 1500 Mitglieder, es gibt 120 Trainer. Man kann sich nicht vorstellen, dass ihnen jemand mit Begabung entgeht.

Talentsuche und Sozialarbeit

Über die Jahre ist das Projekt so groß geworden, dass es längst übers rein Sportliche hinausgeht. "Wir machen damit auch Sozialarbeit in dieser Stadt", sagt Baldi, der das Projekt "Alba macht Schule" vor 14 Jahren gemeinsam mit dem heutigen Vizepräsidenten Henning Harnisch erfand.

Basketball als Integrationsmaßnahme, als soziales Projekt - das klingt selbstlos und romantisch. Das ist es beileibe nicht. Alba ist ein Gigant im deutschen Basketball, einer, der alles für den Erfolg tut. Aber es ist die beste und, nicht unwichtig, immer noch günstigste Methode für den Verein, Talente zu finden, an sich zu binden - und dabei Gutes zu tun.

Alba ist mit dem Konzept, so konsequent auf Nachwuchsarbeit zu setzen, nicht allein. So gilt als beispielgebend, was die Skyliners in Frankfurt betreiben. Aber die Berliner waren die ersten, und sie sind es auch, die es am aufwändigsten durchziehen. Finalgegner Bayern München wählt einen anderen Ansatz. Bei den Bayern, forciert durch Präsident Uli Hoeneß, setzen sie auf rascheren Erfolg. Das ist genauso legitim. Im vergangenen Jahr brachte es den Münchnern die Meisterschaft.

"Es ist ein Bohren dicker Bretter, was wir tun, das ist mir klar", sagt Baldi. 1990 ist er als Alba-Manager nach Berlin gekommen, man darf sagen, dass er im deutschen Basketball schon alles gesehen hat. Er ist so lange dabei, dass er sogar noch die Zeiten erlebte, in denen Alba Serienmeister war. Von 1997 bis 2003 gab es keinen anderen Titelträger, der Erfolg hat die Berliner damals träge werden lassen. Der Gang in die Schulen war auch eine Antwort darauf, dass plötzlich andere oben standen: Köln, Frankfurt, Oldenburg und vor allem Bamberg.

Im kommenden Jahr spielt Alba neben den Bayern wieder in der attraktiven Euroleague, im Halbfinale haben sie die Oldenburger 3:0 besiegt - Baldi sagt: "Die Erwartungen steigen, wenn man oben mitspielt." Die Versuchung, dann doch wieder mehr auf Stars als auf die eigene Jugend zu setzen, steigt mit. Es braucht Stärke, ihr zu widerstehen.

insgesamt 1 Beitrag
nuramnoergeln 16.06.2019
1. Von der DDR lernen heißt Siegen lernen
In der DDR und auch danach gab es dieses System in Deutschland schon in anderen Sportarten. Beim Volleyball gab es diese Konzept auch nach der Wende in Berlin, auch mit großem Erfolg. Viele Ex- Nationalspieler sind in Marzahn vom [...]
In der DDR und auch danach gab es dieses System in Deutschland schon in anderen Sportarten. Beim Volleyball gab es diese Konzept auch nach der Wende in Berlin, auch mit großem Erfolg. Viele Ex- Nationalspieler sind in Marzahn vom SCC Trainern professionell gesichtet und dann an den Spitzensport über die Sportschulen herangeführt worden. Gleichzeitig wurden die nicht so begabten Kinder mitgenommen. Hier wird nur mit viel mehr Geld auch mehr erreicht. Schade das unsere Politik die Chancen des Jugendsports nicht erkennt und durch Sportfeste und gezielte Sichtungen die Kinder nicht näher an den Sport bringt.

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