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Sport

Basketball-Überraschung Rasta Vechta

Wie ein Dorfklub die Liga aufmischt

Rasta Vechta ist Aufsteiger in der Basketballbundesliga, hat wenig Geld und einen jungen Trainer - und steht nun im Halbfinale der BBL-Playoffs. Dort geht es gegen die Bayern - mit einem zehnmal höheren Etat.

Carmen Jaspersen/DPA

T.J. Bray ist einer der Stars der Kleinstadt-Truppe von Rasta Vechta.

Von und
Samstag, 08.06.2019   15:59 Uhr

"Wor geiht dat noch hen?" - unter diesem Motto auf Plattdeutsch mischt Rasta Vechta die Playoffs der Basketball-Bundesliga auf. Als Aufsteiger wurde der Klub aus der niedersächsischen Kleinstadt sensationell Vierter. Im Playoff-Viertelfinale warf Vechta zudem den neunmaligen Meister Brose Bamberg raus. Wo führt das noch hin?

Derzeit sieht es eher danach aus, dass die unglaubliche Reise von Rasta bald endet.

Als die zweite Niederlage gegen Bayern München in der Best-of-Five-Serie des Halbfinals am vergangenen Dienstagabend in den Schlusssekunden feststand, herrschte auf den Tribünen des Rasta-Domes nicht etwa Traurigkeit. Vielmehr feierten die Fans: ihre Mannschaft um den stark aufspielenden Aufbauspieler T.J. Bray, ihren jungen Trainer Pedro Calles, ihren ganzen Klub aus einer Stadt, die von der Landwirtschaft lebt. Und sie feierten im ersten und womöglich einzigen Heimspiel der Serie auch sich selbst.

Denn neben der beeindruckenden Hauptrunde machte vor allem die Entstehungsgeschichte des Klubs die Runde. Als 1979 mit dem Abitur am Vechtaer Gymnasium Antonianum auch das Ende der Basketball-AG kam, wollten die Abiturienten weiter Körbe werfen. Ein Verein fand sich nicht, deshalb gründeten sie eben ihren eigenen. Nur der Name fehlte, bis "Rastaman Vibration" von Bob Marley aus der Musikanlage gedröhnt haben soll.

Stefan Niemeyer hat die Geschichte schon hundertmal erzählt. Er ist Geschäftsführer und Hauptsponsor von Rasta in Personalunion. Er hat sein Geld mit Futtermittel gemacht. Wie auch sonst? Allein im Kreis Vechta gab es 2010 fast 800 Schweinemastbetriebe, in denen mehr als eine Million Tiere gehalten wurden.

Carmen Jaspersen/DPA

In Vechta ist an Spieltagen fast alles orange.

Eigentlich ist Vechta im Oldenburger Münsterland eine konservative Stadt. Bei der vergangenen Europawahl kam die CDU auf fast 50 Prozent. Der 30.000-Einwohner-Ort lebt von der Landwirtschaft und von der Universität mit immerhin 5000 Studenten.

In der BBL wird nur in zwei weiteren Städten gespielt, die unter 50.000 Einwohner zählen: Weißenfels und Crailsheim. Anders als bei den Syntainics MBC (Weißenfels, früher Mitteldeutscher BC) und den Hakro Merlins (Crailsheim) steckt der Geldgeber bei Vechta nicht im Namen - dafür in der Klubführung. Wie das Magazin "Sponsors" vor der Saison berichtete, liegen die Etats von Weißenfels und Crailsheim bei 2,3 Millionen Euro und 2,5 Millionen Euro.

Nimmt man Vechta mit einem geschätzten Etat von 2,7 Millionen Euro hinzu, dürften alle drei Teams mit dem Etat der laufenden Saison nicht in der BBL starten. Die Etatgrenze wurde für die Spielzeit 2019/2020 auf drei Millionen Euro erhöht. Kein Vergleich zu den geschätzten 20 Millionen Euro, die Bayern München für sein Basketball-Team zur Verfügung haben soll. Und dennoch begegnen sich Vechta und die Bayern im Halbfinale der Playoffs auf Augenhöhe. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison: Im März gelang es der Mannschaft von Calles, den Titelfavoriten in der eigenen Halle zu besiegen. Eine Sensation.

Ein Provinzverein, der nicht provinziell daherkommt

"Wir befinden uns in einem Traum", hatte Niemeyer dem SPIEGEL bereits während des Viertelfinals gegen Brose Bamberg gesagt, das Vechta 3:1 gewann. Erst seit sieben Jahren wird bei Rasta Profibasketball gespielt, 2013 stieg sie erstmals in die Bundesliga auf. Zuvor war Rasta einige Jahre durch die Regionalligen und die Pro A und Pro B gedümpelt. Heute arbeiten fünf Festangestellte auf der Geschäftsstelle. Es ist nicht so, dass der Provinzverein völlig provinziell daherkommt. Und doch bleibt Rasta zumindest im Vergleich mit dem Halbfinalgegner Bayern München ein Dorfklub.

"In der Region sind wir das Non-Plus-Ultra", sagt Niemeyer. Die Frage ist, wie man Region definiert: Vechta gehört zur Metropolregion Bremen/Oldenburg - und in Oldenburg spielt mit den EWE Baskets zumindest ein weiterer BBL-Klub.

EIBNER/ Frank Wenzel/ imago images

Vechtas Trainer Pedro Calles wurde zum Trainer der Saison gewählt.

Der Erfolg von Rasta folgt auf eine mutige Entscheidung vor der Saison. Niemeyer berief Calles zum Cheftrainer, obwohl sein Vorgänger Doug Spradley den Aufstieg geschafft hatte. Calles sicherte sich nach der Hauptrunde direkt die Auszeichnung als Trainer der Saison.

Zusammen mit Niemeyer hat der 35-jährige Calles ein Team aus etablierten und entwicklungsfähigen Spielern zusammengestellt. "Was zählt, ist das Team, nicht unbedingt Talent", sagt Niemeyer. Dabei haben größere Vereine, durch die Playoffs zwangsläufig, ein Auge auf die Kleinstadt-Truppe geworfen. Vor allem T.J. Bray und Austin Hollins haben mit ihren Leistungen Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz geweckt, der junge Philipp Herkenhoff hat sich sogar für den NBA-Draft angemeldet.

Talent hat das Team ohne Frage, ihr Charakter hat es aber bis unter die besten vier Mannschaften Deutschlands gespült. "Charakter schlägt Talent", sagte Calles vor der Serie gegen die Bayern. Die übermächtigen Bayern scheinen vor dem dritten und vielleicht schon entscheidenden Halbfinalspiel in München am Samstag (20.30 Uhr; Stream: Magenta Sport) aber wohl doch eine Nummer zu groß.

Anderseits: Neben den vielen orangenen Shirts im Rasta Dome mit der Aufschrift "wor geiht dat noch hen?" waren am Dienstagabend auch orangene Shirts mit dem Motto der Vorsaison zu sehen: "Ick glöw dat wi dat moakt".

insgesamt 3 Beiträge
co2nogo 08.06.2019
1.
Wo das hingeht ? Ganz klar nach unten. Noch so eine Saison wird Rasta so schnell nicht mehr gelingen.
Wo das hingeht ? Ganz klar nach unten. Noch so eine Saison wird Rasta so schnell nicht mehr gelingen.
yhz 08.06.2019
2. Mal nicht so abwertend
1. Vechta ist kein Dorf 2. der Landkreis und aiuch die umliegenden Landkreise gehören zu den prosperierendsten in Deutschland 3. Als Ex-Berliner kann ich nur sagen, eine Wohltat, wenn man zu Behörden muss. Das sind wohl viele [...]
1. Vechta ist kein Dorf 2. der Landkreis und aiuch die umliegenden Landkreise gehören zu den prosperierendsten in Deutschland 3. Als Ex-Berliner kann ich nur sagen, eine Wohltat, wenn man zu Behörden muss. Das sind wohl viele Städte mehr wir hinterwäldlerische Dörfer organisisert. 4. Geld ist im Landkreis reichlich vorhanden, da nicht nur Schweine, Hühner und andere landwirtschaftliche Dinge produziert werden, sondern auch eine florierende mittelständische Wirtschaft mit industrieller Produktion existiert - siehe Behörden. Neuansiedlungen sind immer willkommen und man kümmert sich. Nicht wie im Rot-Grünen Berlin, wo wirklich nichts richtig funktioniert. Es würde mich daher wundern, wenn die notwendigen Mittel nicht irgendwie aufgetrieben werden würden, um die Erfolgsbeschichte voranzutreiben.
widower+2 08.06.2019
3. 50%
Knapp 50% Prozent für die CDU in Vechta sind eigentlich kein Erfolg, sondern ein erdrutschartiger Verlust im Vergleich zu früher. Da waren es oft 70 % und mehr, da in dieser katholischen Enklave im überwiegend protestantischen [...]
Knapp 50% Prozent für die CDU in Vechta sind eigentlich kein Erfolg, sondern ein erdrutschartiger Verlust im Vergleich zu früher. Da waren es oft 70 % und mehr, da in dieser katholischen Enklave im überwiegend protestantischen Niedersachsen die Pfarrer bei Androhung von Hölle und ewiger Verdammnis von der Kanzel dazu aufriefen, nichts anderes als die CDU zu wählen. Anders als bei Rezos Video von Seiten Kramp-Karrenbauers, hat damals niemand von der CDU empört gegen diese Beeinflussung der Wählerschaft protestiert. Ein sympathischer Club zwar, aber den Landkreis sollte man weiträumig umfahren, wenn möglich. Die Massentierhaltung da stinkt im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel.

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