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Was wurde eigentlich aus Dieter Baumann?

Dieter Baumann kennt keine Ziellinie. Der Olympiasieger von 1992 nimmt seine Karriere mit auf die Bühne und tourt als Kabarettist durchs Land. Dabei macht er fast alles - auch das, was er nicht kann.

Frank Kleefeldt/ DPA

Dieter Baumann beim Olympiasieg 1992 in Barcelona (5000 Meter)

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Sonntag, 24.03.2019   07:29 Uhr

"Ich weiß ja gar nicht, ob ich lustig bin", sagt Dieter Baumann. In zwei Stunden werden im Saal T4 des Theaterhaus Stuttgart die angereisten Zuschauer auf die erste Pointe warten, sie wollen unterhalten werden und lachen. Sie haben Tickets für den Kabarettisten Dieter Baumann gekauft. Der sagt: "Ich sehe mich jetzt nicht als Rampensau."

Als das Publikum wenig später noch vor dem Saal wartet, stürmt Baumann, der Kabarettist, der sich nicht als Rampensau sieht, in die wartende Menge, in kurzer Hose und Laufschuhen. "I bin dr Dietr, wer bisch Du?" Mit dieser Frage kreist er durch die Versammlung wie früher über die Stadionrunde - weit aufgerissene Augen, Körper nach vorne gebeugt, voll im Element. Baumann ließ sich einst von Tempomachern, sogenannten Hasen, zu Rekorden ziehen. Nun ist er sein eigener Hase, er macht schon Tempo bevor es ernst wird. Und sein Tempo ist sofort hoch. "Yoga? Nix für mich", erzählt er einem Gast, dann verschwindet er wieder im Saal. "Weiter warmlaufen", auch wenn es so wirkt, als wäre er schon richtig heiß.

Dieter Baumann war einst der "weiße Kenianer", die 5000 Meter lief kein Mensch je schneller, der nicht afrikanischer Abstammung ist. Der Tübinger Baumann war 40 Mal Deutscher Meister, er holte die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 über diese Strecke, da war er gerade einmal 23 Jahre alt. Vier Jahre später triumphierte er in Barcelona, Gold dank eines beeindruckenden Schlusssprints, 11,7 Sekunden auf den finalen 100 Metern.

picture alliance

Baumann wird 1992 Olympiasieger

Baumann wuchs in den Neunzigerjahren über seinen Sport hinaus. Er hatte eine Meinung, die an den Rändern des Tartanbelags nicht endete. Er war auch in zivil ein Tempoläufer, immer in den Wind. Der Schwabe sah das Staatsdopingsystem der DDR damals nicht gänzlich aufgearbeitet, er kritisierte Funktionäre und Trainer. Er wurde vom damaligen Innenminister Otto Schily zu Dopingfragen konsultiert und plante seine Karriere als Sportfunktionär. Baumann war der Inbegriff des sauberen Athleten, ehrlich, gerade heraus, manchmal etwas nervig moralisch. Der Anti-Doper - oder: das perfekte Opfer. So würde er das heute sagen.

Keine Starterlaubnis für Olympia 2000 in Sydney

1999 wird er positiv auf Nandrolon getestet, in winziger Dosierung, aber: gedopt. Baumann kämpft, hat immer noch Nandrolon im Blut, kämpft weiter und erfährt dann: Die Zahnpasta war's, auch seine Frau: gedopt. Experten wie der Dopingforscher Werner Franke sprechen von "Stasi-Methoden" und glauben an seine Unschuld. Allein, seine Karriere ist in diesem Moment auf die Zielgerade eingebogen. Fortan sprintet Baumann etwas schwerfälliger als damals in Barcelona.

An diesem Abend in Stuttgart steht Baumann fast den ganzen Abend auf dem Laufband. Es geht um seinen ersten Ultramarathon, den er erzählerisch noch einmal Revue passieren lässt. "Weltsensation!", nennt er das, weil das eben sonst keiner macht.

Eigentlich blickt Baumann in den 90 Minuten vor allem zurück. "Natürlich lebe ich sehr viel von meiner Vita", sagt er: "Das Schöne und das Schlechte, ich zerre alles mit auf die Bühne. Immer." Irgendwann lässt er dort eine Tonaufnahme einspielen, ein Nachrichtensprecher spricht von manipulierter Zahnpasta und davon, dass Baumann dennoch von den Olympischen Spielen in Sydney 2000 abreisen müsse - keine Starterlaubnis.

AFP

Dieter Baumann am Rande der Olympischen Spiele 2000

Baumann, der sagt, er dürfe auf der Bühne auf keinen Fall schauspielern, weil er das nicht könne, spielt den niedergeschlagenen Läufer. Er spricht davon, wie er das Puzzle seines Lebens wieder neu zusammensetzen musste. Und wie es dann doch alles gut wurde, sobald sich alles sortiert hatte. Ja, er wollte in die Sportpolitik. Ja, er wollte doch eigentlich noch Marathon laufen, am liebsten 2004 bei den Spielen in Athen. Und ja, er glaubte auch an den sauberen Sport.

Und heute? "Mache ich Unterhaltung, Comedy und Kabarett." Anti-Doping-Kampf? "Nichts erreicht."

Die Geschichte mit dem Marathon, seine vorzeitige Aufgabe beim Hamburger Marathon 2002, schlachtet er im Programm genüsslich aus. Im Publikum sitzen vor allem Läufer, für die Baumann eine Art Guru ist. Die hier bekannten schrägen Eigenheiten des Läufertyps werden eifrig belacht.

Auch aus der Funktionärskarriere wurde nichts. Die war nach der Zahnpasta-Affäre gestorben. Aus Sicht des heute 54-Jährigen vielleicht gar nicht so schlimm. "Ich glaube, das System ist so knochenhart durchdrungen von vielen Kleinkriminellen und Großkriminellen. Auch von vielen Ehrlichen, aber da ist es richtig schwer, zu bestehen. Ich bin froh, dass ich raus bin", sagt Baumann.

Als Autor sieht ihn niemand

Unlustig findet er die Thematik dennoch nicht. Er hat ein Programm, das er "Die Götter und Olympia" nennt. "Super Ghostwriter: Thomas Bach", jubelt er über den aktuellen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). "Der Thomas Bach liefert mir meine nächste Show. Er schreibt ganz fleißig, wahnsinnig, ist toll. Ich kann gar nicht alles reinpacken, was der macht." Manchmal habe das dann gar keinen Witz. "Aber da müssen die Leute mit mir durch." Die Sache mit der Politik, sie ist ihm immer noch zu wichtig.

DPA

Baumann (Mitte) verpasst in Seoul 1988 Gold und wird Zweiter

Wie so vieles. Er läuft täglich, zumindest versucht er es, seine Kinder, 22 und 19, beide Leichtathleten, rennen ihm aber davon. Er, der für die meisten "der Olympiasieger" oder "der mit der Zahnpasta" ist, definiert sich als "Künstler". Er hat Kolumnen, fünf Bücher geschrieben, dazu seit 2009 fünf Bühnenstücke. "Eigentlich bin ich Autor. Aber so sieht mich keiner."

Gleichzeitig, so sagt er, habe er das Athletenleben nie aufgegeben. "Und Athletenleben ist Künstlerleben. Ich muss fleißig sein, trainieren, üben, schreiben." Andererseits: "Ich gönne mir sehr viel Müßiggang. Mir sagt ja keiner, was ich tun soll." Er hatte auch schon ein Programm, das keiner sehen wollte. "Ein schlechtes Rennen eben." Kritiker stören ihn schon lange nicht mehr, "da bin ich geschult". 50 Auftritte plant er im Jahr. Mehr will er nicht. "Reisestress", sagt er und nennt sich selbst "semiprofessionell", davon leben könne er trotzdem, "das ist verrückt. Welcher Autor kann denn davon leben, was er schreibt".

DPA

Dieter Baumann, heute Kabarettist, Olympiasieger 1992

Dieter Baumann lebt nun auch davon, dass er auf dem Laufband tanzt. "Dieter Baumann läuft halt, weil singen kann er nicht". So lautet der komplette Titel seines Programms. "Meine Maxime ist: Mache nie etwas auf der Bühne, das du nicht kannst", sagt er und schiebt nach: "Zum Beispiel singen." Dann lacht er laut. "Den Witz muss ich mir merken." Wenig später sitzt er an einem Keyboard auf der Bühne und singt vom Dilemma, nichts mit einer Olympiamedaille anfangen zu können. "Was bekommt man da raus? Ein Seepferdchen?" Baumann macht Tempo, immer noch. "Da muss Gas rein", sagt er. Der Satz passt immer wieder.

Baumann sagt, er ist froh darüber, wo er heute ist. Am Ende des Abends hat er sich zehn Kilometer auf dem Laufband bewegt und dabei Geschichten erzählt. Der Abend war ein Erfolg, es gab sogar eine Zugabe, auch wenn "nach dem Zielstrich doch eigentlich Ende ist". Für Baumann hat das aber sowieso noch nie gegolten.

insgesamt 8 Beiträge
jujo 24.03.2019
1. ....
Es hat sich nichts geändert, das Volk braucht seine Helden. Mit der Zahnpasta sind ja doch viele Fragezeichen verknüpft. Baumann ist mit Sicherheit kein Stasiopfer, vielleicht(?) ein Opfer derer Methoden.
Es hat sich nichts geändert, das Volk braucht seine Helden. Mit der Zahnpasta sind ja doch viele Fragezeichen verknüpft. Baumann ist mit Sicherheit kein Stasiopfer, vielleicht(?) ein Opfer derer Methoden.
gemmah 24.03.2019
2.
Gratulation, Herr Baumann. Schön, dass Sie Ihren Weg auch nach dem Sport fanden. Doping hin oder her, ich bin da ziemlich liberal. Ich denke der Dieter hat da Recht, dass man da gegen allzuviele Klein- und Groß-“kriminelle“ [...]
Gratulation, Herr Baumann. Schön, dass Sie Ihren Weg auch nach dem Sport fanden. Doping hin oder her, ich bin da ziemlich liberal. Ich denke der Dieter hat da Recht, dass man da gegen allzuviele Klein- und Groß-“kriminelle“ ankommen müsste um überhaupt was bewirken zu können. Mal abgesehen davon gibt es nur einen Weg Wettbewerbe gerecht zu machen, und das ist alles freizugeben was irgendwelche Labore produzieren können. Machen wir uns doch nichts vor, die meisten von uns wollen doch Monstermaschinen bei der Arbeit sehen.
w.weiter 24.03.2019
3. Respekt!
Solch ein Menschentyp macht Mut. Nur nicht aufgeben, sich nicht verbiegen. Das Leben ist schön. Danke, Herr Baumann.
Solch ein Menschentyp macht Mut. Nur nicht aufgeben, sich nicht verbiegen. Das Leben ist schön. Danke, Herr Baumann.
verruca 24.03.2019
4. Fragezeichen?
Welche Fragezeichen denn? Etwa: Warum sollte ein Ausdauersportler ein Präparat benutzen, das den Muskelaufbau(!) fördert? Muskelmasse ist das absolute Gegenteil dessen, was ein Langstreckler haben möchte! Und selbst [...]
Zitat von jujoEs hat sich nichts geändert, das Volk braucht seine Helden. Mit der Zahnpasta sind ja doch viele Fragezeichen verknüpft. Baumann ist mit Sicherheit kein Stasiopfer, vielleicht(?) ein Opfer derer Methoden.
Welche Fragezeichen denn? Etwa: Warum sollte ein Ausdauersportler ein Präparat benutzen, das den Muskelaufbau(!) fördert? Muskelmasse ist das absolute Gegenteil dessen, was ein Langstreckler haben möchte! Und selbst FALLS Herr Baumann tatsächlich so blöd gewesen sein sollte eine sowohl verbotene als auch kontraproduktive Substanz einzunehmen: Warum dann in einer Dosis, die wirkungslos verpufft - aber ausreicht, um die Probe positiv werden zu lassen?
afropower 24.03.2019
5. Merkwürdig!
" Die 5000 Meter lief kein Mensch je schneller, der nicht afrikanischer Abstammung ist". Merkwürdig, nur Dieter Baumann schafft das???
" Die 5000 Meter lief kein Mensch je schneller, der nicht afrikanischer Abstammung ist". Merkwürdig, nur Dieter Baumann schafft das???

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