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Sport

Ryder Cup

Kontinentalkampf der Golfgiganten

Der Ryder Cup gilt als Ausnahmeturnier im Golf. Jetzt steht die 39. Auflage des Kontinentalkampfes zwischen Amerika und Europa - und der sonst so gediegene Sport zeigt seine emotionale Seite. Selbst abgezockte Einzelkämpfer werden hier zu leidenschaftlichen Mannschaftsspielern.

AP
Von
Freitag, 28.09.2012   08:28 Uhr

Die Luft im London des Jahres 1908 war mies. 7,5 Millionen Einwohner machten die britische Metropole zur größten Stadt der Welt. Dichter Smog, verursacht vor allem durch die Abgase der damals üblichen Kohleheizungen, hüllte alles ein. "Erbsensuppe" nannten die Londoner die gesundheitsschädlichen Schwaden. Was harmlos klingt, kostete viele Menschen das Leben. Der wohlhabende Blumensamenhändler Samuel Ryder hatte genug davon. Er brauchte dringend frische Luft.

50 Jahre alt war Ryder, als er begann, Golf zu spielen. Ein Freund hatte ihm den Sport empfohlen, um das Gift aus den Lungen zu bekommen. Schnell wurde aus der Vernunftentscheidung Leidenschaft, aus dem siechenden Ryder wurde ein süchtiger Ryder. Golf war sein neuer Lebensinhalt.

Der Sport war damals im Golf-Mutterland Großbritannien den Gutbetuchten vorbehalten, die Clubs hatten strikte Aufnahmebedingungen. Das große Geld wurde in den USA verdient, die US-amerikanischen Top-Spieler hatten Sponsoren und reisten um die Welt, die englischen Talente hingegen wurden wenig gefördert und blieben auf der Insel. Samuel Ryder beschloss, dies zu ändern.

Eine Auswahl an US-Spielern sollte gegen die besten britischen Golfer antreten, alle zwei Jahre und mit jeweils wechselndem Heimrecht. 1927 spielten die Teams erstmals um den 43 Zentimeter hohen und zwei Kilogramm schweren Pokal - den Ryder Cup.

85 Jahre später glänzt die kleine Golf-Figur auf dem Deckel des Pokals noch immer. Doch einiges hat sich geändert. Seit 1979 dürfen nicht nur britische, sondern Spieler aus allen europäischen Ländern im "Team Europe" antreten. Nach den Terroranschlägen in New York wurde das Treffen auf 2002 verschoben und findet seither in den geraden Jahren statt. Eines aber ist geblieben: Der Ryder Cup ist der wichtigste Golf-Teamwettbewerb überhaupt. Kaum ein Turnier hat mehr Prestige und erregt die Gemüter in dem sonst so auf Haltung bedachten Sport.

Davon können sich auch die Spieler nicht freimachen. José Marié Olazábal kann seinen Blick bei einer Pressekonferenz vor dem am Freitag beginnenden Wettkampf kaum von dem Pokal abwenden. Siebenmal nahm der Spanier am Ryder Cup teil, viermal gewann er ihn. Nun führt er als nicht-spielender Kapitän die europäische Auswahl bei der inzwischen 39. Ausgabe an.

Ryder Cup

Geschichte
Namensgeber des Ryder Cups und Stifter des Pokals war der Engländer Samuel Ryder. Erstmals fand der Wettbewerb 1927 im amerikanischen Worcester statt, damals spielten die USA und Großbritannien gegeneinander. Seitdem wechselt der Austragungsort immer zwischen den Kontinenten. In den ersten Jahrzehnten allerdings dominierten die USA den Cup. Um die Chancengleichheit zu fördern, durften ab 1973 auch Golfer aus Irland, seit 1979 aus ganz Europa teilnehmen. Beim Ryder Cup gibt es kein Preisgeld zu gewinnen, es geht ausschließlich um den Sieg und die Ehre.
Spieler
Jedes Team tritt mit zwölf Spielern an, die von einem Kapitän geführt werden. In den USA werden acht Plätze automatisch über die Weltrangliste vergeben, dazu kommen vier weitere Wild-Cards, sogenannte "Captain's picks". Das Team Europa setzt sich aus den jeweils fünf besten Spielern der europäischen Geldrangliste und der Weltrangliste zusammen. Nur noch zwei Plätze kann der Ryder-Cup-Kapitän per Wildcard vergeben.
Bisherige Ergebnisse
2014 Europa - USA 16,5:11,5
2012 USA - Europa 13,5:14,5
2010 Europa - USA 14,5:13,5
2008 USA - Europa 16,5:11,5
2006 Europa - USA 18,5:9,5
2004 Europa - USA 18,5:9,5
2002 Europa - USA 15,5:12,5
1999 USA - Europa 14,5:13,5
1997 Europa - USA 14,5:13,5
1995 Europa - USA 14,5:13,5
1993 USA - Europa 15:13
1991 USA - Europa 14,5:13,5
1989 Europa - USA 14:14
1987 Europa - USA 15:13
1985 Europa - USA 16,5:11,5
1983 USA - Europa 14,5:13,5
1981 USA - Europa 18,5:9,5
1979 USA - Europa 17:11
1977 USA - Großbritannien/Irland 12,5:7,5
1975 USA - Großbritannien/Irland 21:11
1973 USA - Großbritannien/Irland 19:13
1971 USA - Großbritannien 18,5:13,5
1969 USA - Großbritannien 16:16
1967 USA - Großbritannien 23,5:8,5
1965 USA - Großbritannien 19,5:12,5
1963 USA - Großbritannien 23:9
1961 USA - Großbritannien 14,5:9,5
1959 USA - Großbritannien 8,5:3,5
1957 Großbritannien - USA 7,5:4,5
1955 USA - Großbritannien 8:4
1953 USA - Großbritannien 6,5:5,5
1951 USA - Großbritannien 9,5:2,5
1949 USA - Großbritannien 7:5
1947 USA - Großbritannien 11:1
1937 USA - Großbritannien 8:4
1935 USA - Großbritannien 9:3
1933 Großbritannien - USA 6,5:5,5
1931 USA - Großbritannien 9:3
1929 Großbritannien - USA 7:5
1927 USA - Großbritannien 9,5:2,5

2001 wurde der Cup wegen der Terroranschläge vom 11. September um ein Jahr verschoben. Seitdem findet er in den geraden Jahren statt.
"Meine beiden Masters-Siege in Augusta waren die Höhepunkte meiner Karriere als Spieler", so der 46-Jährige, "aber dies ist der stolzeste Moment in meinem Leben", sagte Olazábal. Beim Ryder Cup geht es nicht um üppige Preisgelder wie in Augusta oder gar einen 11-Millionen-Dollar-Jackpot wie bei der Tour Championship. Stattdessen treten die 24 Spieler nur für ihren Kontinent und das Prestige an. "Fünf Pfund pro Spieler und eine Siegesfeier mit Champagner und Hühnchen-Sandwiches" hatte Wettbewerbserfinder Ryder beim ersten Turnier für die Gewinner ausgelobt.

Die Tradition des Nicht-Kommerziellen hat sich der Wettbewerb bis heute erhalten. Es geht um die Ehre. Da zumindest sind sich Europäer und Amerikaner einig. "Beim Ryder Cup gegen Europa zu spielen ist für mich so wichtig wie der Kriegseinsatz meines Vaters in Vietnam", sagte Bubba Watson vor zwei Jahren beim bisher letzten Duell in Wales.

Ausnahmesituationen beim "War by the shore" und "Battle of Brookline"

Ryder selbst erträumte sich zu seiner Zeit, "dass dieser Wettkampf ein herzliches, freundliches und friedliches Gefühl in der Welt schafft". Das Golfspiel bringe "das Beste im Menschen zum Vorschein".

Zu Beginn der Duelle mag diesem Wunschdenken noch entsprochen worden sein, vielleicht ist es aber besser, dass der 1936 verstorbene Ryder die jüngere Geschichte seines Turniers nicht mehr miterlebt hat. Pünktlich zum Ryder Cup driftet das Vokabular im sonst so auf Etikette bedachten Sport ins Martialische ab. Auch die Fairness blieb mitunter auf der Strecke. Eigentlich ein Unding im streng reglementierten Golfsport, wo das Verhalten auf der Runde einen sehr hohen Stellenwert einnimmt.

1991 kam es auf Kiawah Island im US-Bundesstaat South Carolina zu Zeiten des Golfkriegs zum "War by the shore" (Krieg an der Küste). Der Deutsche Bernhard Langer wurde damals zur tragischen Figur. Er konnte den entscheidenden Putt nicht versenken, knapp verloren die Europäer 14,5:13,5. Das US-Team, angetrieben von fanatischen Anhängern, ging für den Sieg bis zum Äußersten. So unterließ es US-Kapitän Dave Stockton, sein Gegenüber Bernard Gallacher über eine Umstellung im Team zu informieren.

1999 lieferten sich die Mannschaften die "Battle of Brookline" (Die Schlacht bei Brookline), als das US-Team beim Abschlussmatch zwischen Justin Leonard und dem heutigen Kapitän Olazábal Leonards erfolgreichen Putt auf dem Grün des 17. Lochs feierten - noch bevor das Einzel entschieden und der Spanier zu Ende gespielt hatte.

Nicht unwahrscheinlich, dass Olazábal genau an diese Szenen denkt, wenn er sagt: "Die Spieler sollen merken, dass es beim Ryder Cup Momente gibt, die bei keinem anderen Turnier passieren."

Kaymer erwartet "fanatische Stimmung" in Medinah

Wie sein Pendant auf US-Seite, Davis Love III, tritt Olazábal nun mit zwölf Spielern an. Für Europa starten die jeweils fünf besten Golfer der europäischen und der Weltgeldrangliste. Hinzu kommen Nicolas Colsaerts und Ian Poulter als sogenannte Captains Picks (alle Spieler beider Teams im Kurzporträt in der Fotostrecke).

In den USA werden acht Plätze automatisch über die Weltrangliste vergeben, dazu kommen vier weitere Captains Picks. "Beide Teams sind sehr ausgeglichen. Das wird ein ganz enges Match. Ich kann da keinen Favoriten erkennen", so Olazábal. Auch die beiden größten Stars, der Nordire Rory McIlroy und der US-Amerikaner Tiger Woods, sind mit dabei.

Der Deutsche Martin Kaymer schaffte wie schon 2010 den Sprung ins Team, zum Auftakt am Freitag (14.20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) darf er allerdings nur zuschauen. Für das Team Europa eröffnen Rory McIlroy und Grame McDowell die ersten vier Foursomes gegen Jum Furyk und Brandt Snedeker aus den USA. Zudem treffen die US-Doppel Phil Mickelson/Keegan Bradley auf Luke Donald/Sergi Garcia und Jason Dufner/Zach Johnson auf Lee Westwood/Francesco Molinari. Die Aufstellungen für die anschließenden vier Fourballs werden nach Abschluss der Foursomes bekanntgegeben.

"Wenn ich meine Leistung abrufen kann, werde ich Punkte holen", sagte der frühere Weltranglistenerste (derzeit 32.) Kaymer dennoch dem "Kicker". Diese sollten "dann hoffentlich zur Titelverteidigung reichen". 2010 blieb der 27-Jährige in den Vierern mit den Engländern Lee Westwood und Poulter ungeschlagen (Alles zum Austragungsmodus im Erklärkasten).

Gespielt wird in diesem Jahr auf dem Kurs des Medinah Country Club, 40 Kilometer vor den Toren Chicagos. Die 28 Spiele der Ryder Cup Begegnung werden auf dem 7000 Meter langen Course 3 ausgetragen. Auch diesmal erwartet Kaymer eine atemberaubende Stimmung. "Die Fans sind fanatisch, laut und zu 80 bis 90 Prozent gegen uns." Das klingt nach dicker Luft. Allemal besser als Smog.

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Namensgeber des Ryder Cups und Stifter des Pokals war der Engländer Samuel Ryder. Erstmals fand der Wettbewerb 1927 im amerikanischen Worcester statt, damals spielten die USA und Großbritannien gegeneinander. Seitdem wechselt der Austragungsort immer zwischen den Kontinenten. In den ersten Jahrzehnten allerdings dominierten die USA den Cup. Um die Chancengleichheit zu fördern, durften ab 1973 auch Golfer aus Irland, seit 1979 aus ganz Europa teilnehmen. Beim Ryder Cup gibt es kein Preisgeld zu gewinnen, es geht ausschließlich um den Sieg und die Ehre.
Spieler
Jedes Team tritt mit zwölf Spielern an, die von einem Kapitän geführt werden. In den USA werden acht Plätze automatisch über die Weltrangliste vergeben, dazu kommen vier weitere Wild-Cards, sogenannte "Captain's picks". Das Team Europa setzt sich aus den jeweils fünf besten Spielern der europäischen Geldrangliste und der Weltrangliste zusammen. Nur noch zwei Plätze kann der Ryder-Cup-Kapitän per Wildcard vergeben.
Bisherige Ergebnisse
2014 Europa - USA 16,5:11,5
2012 USA - Europa 13,5:14,5
2010 Europa - USA 14,5:13,5
2008 USA - Europa 16,5:11,5
2006 Europa - USA 18,5:9,5
2004 Europa - USA 18,5:9,5
2002 Europa - USA 15,5:12,5
1999 USA - Europa 14,5:13,5
1997 Europa - USA 14,5:13,5
1995 Europa - USA 14,5:13,5
1993 USA - Europa 15:13
1991 USA - Europa 14,5:13,5
1989 Europa - USA 14:14
1987 Europa - USA 15:13
1985 Europa - USA 16,5:11,5
1983 USA - Europa 14,5:13,5
1981 USA - Europa 18,5:9,5
1979 USA - Europa 17:11
1977 USA - Großbritannien/Irland 12,5:7,5
1975 USA - Großbritannien/Irland 21:11
1973 USA - Großbritannien/Irland 19:13
1971 USA - Großbritannien 18,5:13,5
1969 USA - Großbritannien 16:16
1967 USA - Großbritannien 23,5:8,5
1965 USA - Großbritannien 19,5:12,5
1963 USA - Großbritannien 23:9
1961 USA - Großbritannien 14,5:9,5
1959 USA - Großbritannien 8,5:3,5
1957 Großbritannien - USA 7,5:4,5
1955 USA - Großbritannien 8:4
1953 USA - Großbritannien 6,5:5,5
1951 USA - Großbritannien 9,5:2,5
1949 USA - Großbritannien 7:5
1947 USA - Großbritannien 11:1
1937 USA - Großbritannien 8:4
1935 USA - Großbritannien 9:3
1933 Großbritannien - USA 6,5:5,5
1931 USA - Großbritannien 9:3
1929 Großbritannien - USA 7:5
1927 USA - Großbritannien 9,5:2,5

2001 wurde der Cup wegen der Terroranschläge vom 11. September um ein Jahr verschoben. Seitdem findet er in den geraden Jahren statt.

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