Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Leichtathletin Klosterhalfen

Im Eiltempo in die Weltspitze

Konstanze Klosterhalfen gilt als Leichtathletik-Jahrhunderttalent. Seit 2018 trainiert sie in den USA und hat kürzlich einen erstaunlichen Rekordlauf hingelegt. Ihr Trainer und seine Methoden sind umstritten.

Maja Hitij/Getty Images

Konstanze Klosterhalfen ist in die Weltspitze gelaufen

Von Marie-Julie May
Montag, 12.08.2019   18:55 Uhr

Überlegenheit war in der deutschen Leichtathletik selten so deutlich zu spüren wie bei dem Auftritt von Konstanze Klosterhalfen bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin. Die 22-Jährige flog über 5.000 Meter an ihren Gegnerinnen vorbei, sie überrundete die Drittplatzierte Miriam Dattke. Am Ende stand ein neuer deutscher Rekord, Klosterhalfen unterbot die 20 Jahre alte Bestmarke von Irina Mikitenko um knapp 16 Sekunden. Nach dem Rennen setzte Klosterhalfen mit strahlendem Gesicht zur Ehrenrunde an.

Klosterhalfen gilt nicht erst seit diesem Wunderlauf als Jahrhunderttalent auf der Mittel- und Langstrecke. Aber überragende Leistungen in der Leichtathletik, zumal auf diesen historisch belasteten Strecken, gehen einher mit Fragen.

Bei Klosterhalfen sind es Fragen zu ihrem Training im umstrittenen "Nike Oregon Project" (NOP) in den USA. Seit Herbst 2018 ist Klosterhalfen Mitglied der Trainingsgruppe. Ihre persönliche Entwicklung hat seitdem an Fahrt aufgenommen.

Nike zahlt den Leichtathleten 200.000 Dollar

2001 hatte der Sportartikelhersteller das Oregon-Projekt initiiert, mit dem Ziel, amerikanische Distanzläufer auf der internationalen Bühne wieder relevant werden zu lassen. Das Trainingszentrum der Sportler liegt in Beaverton im Bundesstaat Oregon, auf dem Gelände des Nike-Hauptquartiers. Geld spielt kaum eine Rolle. Rund 200.000 Dollar verdienen die Sportler im Jahr, ein Traumgehalt für Leichtathleten.

Dafür bietet Nike den Läufern alles, was sie für den Erfolg benötigen: Unterwasser-Laufbänder, auf denen trainiert werden kann, ohne den Körper weiter zu belasten. Höhenkammern, in denen die Sportler schlafen, um ihre Ausdauer zu verbessern.

Seit Jahren hält sich aber auch die Kritik an Chef-Trainer Alberto Salazar. Im Juli 2015 geriet Salazar unter massiven Dopingverdacht: Läuferin Kara Goucher (USA) berichtete, Salazar habe sie zur Einnahme des Schilddrüsenhormons Thyroxin gedrängt, damit sie nach der Geburt ihres Kindes Gewicht verliert. Und der ehemalige NOP-Trainer Steve Magness sprach von Laborberichten über US-Langstreckenläufer Galen Rupp, in denen stand, dass er mit Testosteron behandelt werde. Für Konsequenzen reichten die Vorwürfe nicht aus, weshalb Salazars Athleten weiterhin an den Start gehen können und teilweise unschlagbar wirken.

Läufer haben in der Leichtathletik schon lange ein Imageproblem. Seit 2004 sind alleine 138 kenianische Leichtathleten positiv auf Doping getestet worden. Erst im April dieses Jahres wurde der dreimalige Weltmeister über 1500 Meter Asbel Kiprop mit einer vierjährigen Sperre bestraft.

Don Ryan/AP/dpa

Der umstrittene Alberto Salazar im Jahr 2015

Dr. Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule in Köln, will sich Vorverurteilungen im Falle des Nike-Projekts NOP allerdings nicht anschließen. Dass Klosterhalfen einen derartigen Leistungssprung hinlegt, ist für ihn kein eindeutiges Indiz für die Einnahme unerlaubter Substanzen. "Sie ist ein Ausnahmetalent und es sollte vielmehr daran gearbeitet werden, dass solche Talente in Deutschland bleiben und gefördert werden." Die Zusammenarbeit in internationalen Läufergruppen könne sehr sinnvoll sein. Bedenklich sei aber vor allem, "dass nicht die Spitzenförderung in Deutschland Konstanze Klosterhalfen den Schritt ins Ausland ermöglichen konnte, sondern nur ihr amerikanischer Sponsor", findet Froböse.

Für die sieben Männer und fünf Frauen des NOP hat sich der Umzug nach Oregon sportlich ausgezahlt. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gewannen sie vier Medaillen: Matthew Centrowitz (USA) holte Gold über 1500 Meter, Landsmann Galen Rupp gewann Bronze beim Marathon und der Brite Mo Farah wurde Olympiasieger über 5000 und 10.000 Meter. Bei den Frauen sticht neben Klosterhalfen die Niederländerin Sifan Hassan hervor, die seit Ende 2016 unter Salazar trainiert und den Weltrekord über die Meile und den Europarekord über 5000 Meter hält.

Mintzlaff vermittelte Klosterhalfen in die USA

Doch wie unterscheidet sich das Training von dem hierzulande? Klosterhalfens Leverkusener Trainer Sebastian Weiß, zugleich Bundestrainer für den Mittel- und Langstreckenbereich der Frauen, beobachtet vor allem eine höhere Intensität des Trainings in Oregon. "In den USA wird weiterhin verstärkt an ihrer Schnelligkeit, Kraft und Tempohärte gearbeitet, so dass sie auch in einem langsamen Rennen im Schlussspurt bestehen können", sagte Weiß dem SPIEGEL. Das wird durch Doppelstarts trainiert. Heißt: Erst wird 800 Meter gelaufen, eine Stunde später 1500 Meter. Allerdings könne nicht jeder Athlet dieses Tempo überhaupt durchhalten.

Klosterhalfens enger Draht zu Oliver Mintzlaff, dessen Eltern in direkter Nachbarschaft zu ihren Eltern leben, steuerte ihren Weg in die USA. Der Geschäftsführer des Fußballklubs RB Leipzig und ehemalige Leichtathlet lernte sie bei einem Lauf kennen. "Konstanze ist eines der größten Ausnahmetalente, die wir je in Deutschland hatten", schwärmte er. Mintzlaff stellte den Kontakt zum NOP her. "Für ihre persönliche Entwicklung war der Schritt, Deutschland zu verlassen und in ein anderes Trainingsumfeld zu kommen absolut wichtig", sagte er.

Trainer Weiß hätte Klosterhalfens Aufbau zur Weltklasseathletin gern in Deutschland weitergeführt. "Ihre Leistungsentwicklung überrascht mich nicht so sehr, da ich Konstanze sehr gut kenne und weiß was sie kann. Diese Entwicklung war abzusehen."

Maja Hitij/Getty Images

Alina Reh war in Berlin über 5000 Meter chancenlos

In Deutschland gibt es indes nicht genug Läuferinnen, die mit ihr mithalten können. Das liege daran, dass die wenigsten Leichtathleten sich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren können, sagt Weiß. Der Kampf um Anerkennung geht mit der Ausübung einer Ausbildung oder eines Berufs einher. "Es wäre schön, wenn wir so ein Projekt auch in Deutschland aufbauen könnten und so Talenten die Möglichkeit bieten, sich komplett auf den Sport zu fokussieren", sagt Weiß. Denn neben Klosterhalfen hätte auch die deutsche Vizemeisterin Alina Reh das Potential, um langfristig mit der Weltspitze mitzuhalten.

"Konstanze war heute Weltklasse, und ich war eher nur Regionalliga", hatte Reh nach dem Rennen in Berlin gesagt, als sie machtlos hinter Klosterhalfen herlief. Ein Umzug für die Karriere kommt für sie dennoch nicht in Frage. Es gebe viele Beispiele, die auch in Deutschland geblieben und Erfolge errungen hätten. "Ich renne lieber zehn Sekunden langsamer und bin dafür glücklich in meiner Heimat. Es gibt noch ein Leben nach dem Sport und dafür opfere ich gern Trainingszeit", sagt Reh.

Für Klosterhalfen ist das keine Option. Bei der Leichtathletik-WM in Doha Ende September kann sie das nächste Ausrufezeichen setzen.

insgesamt 75 Beiträge
dr_gb 12.08.2019
1. Viel Erfolg
kann ich ihr nur wuenschen. Absolut moerderische Strecken die sie laeuft. Und ich wuensche ihr, dass sie wie Mocki (Sabrina Mockenhaupt) auch ihre bodenstaendige Art im Rampenlicht-Trubel nie verliert. Dass Doping natuerlich [...]
kann ich ihr nur wuenschen. Absolut moerderische Strecken die sie laeuft. Und ich wuensche ihr, dass sie wie Mocki (Sabrina Mockenhaupt) auch ihre bodenstaendige Art im Rampenlicht-Trubel nie verliert. Dass Doping natuerlich immer ein Thema ist das sie als Spitzensporterlin "begleitet" weiss sie selbst. Auch hoffe ich und wuensche ich ihr, dass sie im Doping-Kontext nie betroffen sein wird, so wie etwa Jeremy Wariner — der wohl allzeit aesthetischste, eleganteste 400er den wir je bewundern durften : nie selbst auch nur in Doping-Verdacht gewesen, wurde er leider mehr als nur einmal von dem Doper-Phuck-up LaShawn-Merit (u.a. DHEA) um Starts und seine Siege betrogen. Dass LSM in London 2012 ueberhaupt starten durfte war ein Skandal. Dass seine Zeiten noch immer aufgefuehrt werden auch. So etwas, hoffe ich, wird Konstanze Klosterhalfen nicht widerfahren.
aliof 12.08.2019
2. Es freut mich ja zu lesen,
... freut mich ... .. auch mal nüchtern beschrieben zu lesen, daß die Vorbehalte gegen Salazar und seine professionelle Arbeit aus dem Jahr 2015 stammen. .. und Nichts außer dem Nachweis der Borniertheit überkommener [...]
... freut mich ... .. auch mal nüchtern beschrieben zu lesen, daß die Vorbehalte gegen Salazar und seine professionelle Arbeit aus dem Jahr 2015 stammen. .. und Nichts außer dem Nachweis der Borniertheit überkommener Trainer und deren Methoden nachwies, … als die natürlich sinnvolle auch externe und kritische Begutachtung keinerlei Nachweis von Regelverstößen zeitigte. ___ Völlig vernachlässigt, quasi untergegangen vergleichbare Super-Leistungsschauen dieser (unserer?) Läuferin im Februar in einer Halle in Karlsruhe, und Ende Juni in im sonnigen Kalifornien, … jeweils über 3000 m, sensationelle Läufe, sensationelle Zeiten. Aber dann wachte Der Deutsche Blätterwald plötzlich auf, .. mit völlig falschen Aussagen .. zu angeblich UNERKLÄRLICHEN Leistungssprüngen etc. .. was sie , und Sie SPON, mit ein klein wenig Recherche vom Sessel aus hätten erledigen können. Nun gut, Sie hatten Ihr Sommerloch gefüllt, das Mißtrauen, und der Neid allerorten aber war angefacht .. bis daß die Foren vor Gift geiferten. Gruß auch an Ihren Herrn Lobo in dieser Sache! ____ Leid tun mir dabei aber die Jungen, Kinder noch und Jugendliche, die tatsächlich noch fairen Sport mit Spaß und Freude machen wollen. Denn der Mensch ist DAS Bewegungsgenie unter den Tieren. Und jawoll, auch Hochleistungssport geht fair und sauber, aber profitiert eben auch von Unterstützung durch gute Technik, Anwendung von Medizin und Psycho-Logie. Und noch was : Frau Klosterhalfen ist bereits seit einem Jahrzehnt dermaßen gut im Laufen, wie Sie es jetzt erst zu bemerken scheinen. Und das hat rein gar nichts mit Salazar zu tun. Daß aber nicht viel mehr Talente ihren Spaß an der Lauffreude behalten, hat sehr viel mit Deutschlands Umgang mit diesen zu tun.
RalfHenrichs 12.08.2019
3.
Niemand hat behauptet, dass dies ein eindeutiges Indiz sei. Wäre es so, müsste sie gesperrt werden. Aber es ist ein Indiz. Umgekehrt wird es auch nicht dadurch widerlegt, dass sich die Entwicklung möglicherweise auch ohne [...]
Niemand hat behauptet, dass dies ein eindeutiges Indiz sei. Wäre es so, müsste sie gesperrt werden. Aber es ist ein Indiz. Umgekehrt wird es auch nicht dadurch widerlegt, dass sich die Entwicklung möglicherweise auch ohne Doping erklären lässt. Es gibt ausreichend inzwischen bekannte Doper, bei denen der Leistungssprung auch nicht so überraschend gekommen ist (weswegen sie ja nicht aufgefallen sind). Am Ende bleibt daher nur, dass jeder glauben kann, was er will. Es gibt Argumente für das eine wie für das andere. Ich persönlich gehe davon aus, dass sie gedopt ist. Wenn in einer repräsentativen, anonymen Studie 2011 30% der Leichtathleten Doping einräumen, würde mich alles andere sehr überraschen. Aber nein, beweisen kann ich es nicht.
1848 12.08.2019
4. Oha
Schönes Bild - ausgemergelt - überall Haare...das ist wohl der Preis jetzt...und SPÄTER ??????
Schönes Bild - ausgemergelt - überall Haare...das ist wohl der Preis jetzt...und SPÄTER ??????
gumbofroehn 12.08.2019
5. Fröbose und Weiß ...
... beklagen leider die unzureichende Spitzensportförderung hierzulande vollkommen zu Recht. Das Bundesinnenministerium (als zuständiges Fachministerium) schließt vor Olympischen Spielen regelmäßig turmhohe Zielvereinbarungen [...]
... beklagen leider die unzureichende Spitzensportförderung hierzulande vollkommen zu Recht. Das Bundesinnenministerium (als zuständiges Fachministerium) schließt vor Olympischen Spielen regelmäßig turmhohe Zielvereinbarungen mit den jeweiligen Fachverbänden. Die Mittelausstattung bleibt aber (auch in den olympischen Kernsportarten) vollkommen unterirdisch. Dass es für Konstanze Klosterhalfen (und manch anderes Spitzentalent) ensprechend kein Angebot gibt, hierzulande auf höchstem Niveau zu trainieren und dabei auskömmlich alimentiert zu werden, ist davon nur eine logische Konsequenz.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP