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Sport

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul

König von Katar

Keiner hatte damit gerechnet: Niklas Kaul ist der jüngste Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte. Mit 21 Jahren hat er sich die Krone der Leichtathletik aufgesetzt - dank einer dramatischen und unerwarteten Aufholjagd.

Kai Pfaffenbach / REUTERS
Aus Doha berichtet
Freitag, 04.10.2019   10:39 Uhr

Als den Konkurrenten auf den finalen 1500 Metern die Puste ausging, begann Niklas Kaul zu schweben. Zumindest wirkte das so, da sein Vorsprung mit jedem Schritt größer wurde. Tatsächlich lief er diesen Schlussakt zwar schnell, aber ziemlich gleichmäßig. Kein Kontrollverlust. Nach 4:15,70 Minuten hatte er dann auch diese letzte von zehn Disziplinen gemeistert. Erschöpft fiel er nach dem Zieleinlauf zu Boden. Als Weltmeister im Zehnkampf (8691 Punkte).

Es ist eine Leistung zwischen Überraschung und Sensation. Kaul wollte sich da nicht so genau festlegen, also sagte der 21-Jährige: "Es fühlt sich sehr surreal an." Er habe sich zwar gedacht, dass der Tag gut werden würde. Aber so gut? "Damit hätte ich nie gerechnet." Nun sei er "umso happier". Dann versuchte er das Geschehene auch schon zu analysieren. "Ich habe Disziplin für Disziplin abgearbeitet." Es klang beinahe so, als wäre der Zehnkampf irgendein Bürojob. Kann doch jeder machen.

Der Zehnkampf ist aber der Sport der Könige. Wer hier besteht, ist ein Alleskönner, Zehnkämpfer müssen die ganze Bandbreite der Leichtathletik beherrschen: Laufen im Vollsprint, hoch springen und weit fliegen, Werfen mit Diskus und Speer. Vor allem müssen Zehnkämpfer aber durchhalten können, in Doha begann der Wettkampf am Mittwoch und endete in der Nacht auf Freitag gegen 0.30 Uhr Ortszeit. Schmerzen sind fast immer Thema. Kaul plagten während der Wettkampftage Magenschmerzen, er aß dann mehr und trank weniger Wasser. In der Hitze von Katar klang das nicht wirklich nach einer empfehlenswerten Therapie.

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Niklas Kaul: "Nicht der beste Zehnkämpfer, aber der konsistenteste"

Kaul ist als großes Talent zu dieser WM gereist. In diesem Jahr hatte der Lehramtstudent die Europameisterschaft gewonnen, aber bei den U23-Junioren. Drei Jahre zuvor war er U20-Weltmeister geworden. Kaul gilt als großes Versprechen für die Zukunft, aber dass die Zukunft schon in Katar beginnen würde? "Damit hat keiner gerechnet", sagte sein Teamkollege Kai Kazmirek später. Er sprach auch von einem "sehr reifen und sehr bodenständigen" Athleten.

Als Mayer ausfiel, begann die Aufholjagd

Dieses Reifezeugnis legte Kaul bei der achten Disziplin, dem Stabhochsprung, ab. Er hatte gerade die Latte bei fünf Metern übersprungen, ziemlich souverän sogar - um diesen Wettbewerb dann ohne weiteren Versuch zu beenden. Warum Kraft verschenken, wenn er seine große Stärke doch erst noch ausspielen kann? Die wahre Machtdemonstration dieses Abends folgte mit dem Speerwerfen, dem vorletzten Wettkampf. Als Kaul dort im ersten Versuch auf 75,42 Meter kam, begann das große Rechnen: Ist vielleicht Bronze möglich?

Doch im zweiten Versuch flog der Speer noch weiter, bei 79,05 Meter landete er - im Zehnkampf eine historische Bestweite. Nun war klar: Es geht um Gold, das wusste auch Kaul. "Die Chance bekommst du vielleicht nie wieder", habe er sich in diesem Moment gedacht, und für den Abschluss nahm er sich vor: "Jetzt musst du alles geben." Das klingt so einfach, aber auch "alles geben" reicht in diesem Wettbewerb manchmal nicht, um in den zehn Prüfungen bestehen zu können. Das wusste an diesem Abend keiner besser als Kevin Mayer.

Dylan Martinez / REUTERS

Favorit Kevin Mayer schied unter Tränen aus dem Wettbewerb aus

Mayer ist der Weltrekordhalter im Zehnkampf, er war auch für den WM-Titel in Katar vorgesehen und er lag bis in die Nachmittagsstunden sogar in Führung. Aber dann endete sein Tag vorzeitig, mit Tränen im Stabhochsprung. Unter Schmerzen an der Achillessehne hatte der Franzose aufgeben müssen. "Ich war so wütend, dass ich weinen musste", sagte Mayer. Beide Tage habe er "unter schlimmen Schmerzen gelitten", aber irgendwann quälten ihn sogar kleine Tippelschritte. "Ich konnte es nicht mehr ertragen", sagte er, und der 27-Jährige ergänzte: "Aber das ist Zehnkampf."

"Hier hat keiner eine Medaille erwartet"

Der Zehnkampf ist voll von Dramen, und mit Niklas Kaul hat er seinen jüngsten Weltmeister der Geschichte bekommen, den ersten Deutschen seit Torsten Voss im Jahr 1987. Einen Weltmeister, der auch in diesem großen Moment sehr ruhig und nachdenklich wirkte. Andere Wettbewerbe seien schon schwerer gewesen, sagte Kaul trotz einer beeindruckenden Aufholjagd (nach dem ersten Tag nur Elfter), der Druck sei woanders größer gewesen. "In der Jugend musste ich die Titel gewinnen. Aber hier hat keiner eine Medaille erwartet." Er würde sich nun auch nicht als den besten Zehnkämpfer bezeichnen wollen, "aber vielleicht als den konstantesten".

Am Ende lag er sogar mit kleinem Vorsprung vor Maicel Uibo aus Estland (8604 Punkte) und dem Kanadier Damian Warner (8529).

Für die Olympischen Sommerspiele in Tokio 2020 wolle Kaul nun in allen Kategorien noch mehr rausholen, überall etwas besser werden, der Fokus müsse voll aufs Training gerichtet sein. Diesen Rat habe ihm sein Vorbild Ashton Eaton gegeben, der inzwischen vom Profisport zurückgetretene Olympiasieger von 2012 und 2016. Nicht gerade der schlechteste Zehnkämpfer, von dem Niklas Kaul noch dazulernen kann.

insgesamt 36 Beiträge
flytogether 04.10.2019
1. Genieß den Titel, freue dich über den Titel
aber lass es dann auch sein. Denn die meisten Hochleistungssportler leiden später an der enormen Beanspruchung des Sportes. Wäre doch schade wenn man im Alter nur noch mit Krücken gehen kann.
aber lass es dann auch sein. Denn die meisten Hochleistungssportler leiden später an der enormen Beanspruchung des Sportes. Wäre doch schade wenn man im Alter nur noch mit Krücken gehen kann.
würstl 04.10.2019
2. Megasuperklasse
Erst einmal GLÜCKWUNSCH... nicht nur zum Weltmeistertitel, sondern auch vor allem zu der hohen Punktzahl. Wenn man selbst mal EINE von den 10 Disziplinen leistungsmäßg betrieben hat und dann das sieht, was er (aber auch der [...]
Erst einmal GLÜCKWUNSCH... nicht nur zum Weltmeistertitel, sondern auch vor allem zu der hohen Punktzahl. Wenn man selbst mal EINE von den 10 Disziplinen leistungsmäßg betrieben hat und dann das sieht, was er (aber auch der Rest) drauf hat- ist König der Leichtathleten ein absolut treffender Titel!
dickidoro 04.10.2019
3. Niklas kaul
Ganz große Klasse, wie dieserjunge Sportler zeigt, was möglich ist, wenn man engagiert und motiviert in einen Wettkampf geht. Die Mehrzahl der deutschen Athleten haben nicht annähernd ihre Bestleistungen erreicht und sind [...]
Ganz große Klasse, wie dieserjunge Sportler zeigt, was möglich ist, wenn man engagiert und motiviert in einen Wettkampf geht. Die Mehrzahl der deutschen Athleten haben nicht annähernd ihre Bestleistungen erreicht und sind sang- und klanglos ausgeschieden. Gerade einmal etwa 20 Prozent der Deutschen strarter haben sich gut präsentiert, aber 80 % könnten oder wollten nicht. Schade, es geht immerhin um eine Weltmeisterschaft, das größte Sportereignis des Jahres. Bravo Niklas kaul, aber auch Christina schwanitz und f. Krause,
OhMyGosh 04.10.2019
4.
Ein sehr emotionaler und bedeutsamer Abend für die Leichtathletik... da wird ein junges Riesentalent scheinbar mühelos Weltmeister im Zehnkampf, der anspruchsvollsten und zudem schmerzhaftesten Disziplin der Leichtathletik. Dass [...]
Ein sehr emotionaler und bedeutsamer Abend für die Leichtathletik... da wird ein junges Riesentalent scheinbar mühelos Weltmeister im Zehnkampf, der anspruchsvollsten und zudem schmerzhaftesten Disziplin der Leichtathletik. Dass Niklas Kaul ein Riesentalent ist, wurde letztes Jahr bei der EM deutlich, als er Vierter wurde, aber da konnte man noch den Heimvorteil und anderes in Spiel bringen. Aber gestern? Diese grandiose Vorstellung, nach bereits einigen Teildisziplinen? unfassbar, vor allem der Speerwurf und dann der lange Lauf zum Gold, den dieser junge Mann bravourös und mit Köpfchen absolvierte. Eine Schande aber ist, dass dieser Wettkampf vor nahezu leeren Rängen zu Ende gebracht wurde, in einer Disziplin, in der die Sportler bekanntermaßen eine große Gemeinschaft bilden und am Ende der harten zwei Tage viele Emotionen miteinander teilen. Hoffen wir, dass bei den OS in Tokio das Publikum diese Athleten mehr zu würdigen weiß. Sie haben es nämlich alle mehr als verdient. Der internationale Leichtathletikverband wäre gut beraten, nicht nur aufs Geld zu schielen, welches profilsüchtige Potentaten und/oder Geldhaie auf die Theke legen. Ohne Sportler, die derartige Leistungen vollbringen und Emotionen auslösen können, wäre die Leichtathletik nämlich schon längst tot. Und dann hilft auch kein Doping mehr.
xismus 04.10.2019
5. Niklas Kaul, "The true King of Doha"
Congratulaton Niklas Kaul - a star was born. Die ARD mit F.Busemann und C.Lufen staunten. Busemann, selbst ein Ex-König der Athleten, zollte uneingeschränkten Respekt und freute sich ob dieser Leistung. Bei den TV- [...]
Congratulaton Niklas Kaul - a star was born. Die ARD mit F.Busemann und C.Lufen staunten. Busemann, selbst ein Ex-König der Athleten, zollte uneingeschränkten Respekt und freute sich ob dieser Leistung. Bei den TV- Übertragungen wurde alledings die Trainersperre "Salazar" in unangemessener Art und Weise zu eheblichen Spekulatinen mißbraucht. Immer wieder wurde K.Klosterhalfen (Doha-Start 5.000 m), als bei Nike trainierende Athletin in die Spekulationen, unterschwellig ob ihrer Leistungen/Zeiten, mit einbezogen. Gleichwohl Klosterhalfen zu dem Zeitpunkt auf den sich die Untersuchung zur jetzigen Sperre bezieht (2011/2014) erst 1o/14 Jahre alt und noch lange nicht in den USA war und in keienr Weise damit in Verbindung zu bringen ist. Es ist einfach ungehörig, eine wandfreie Sportlerin so penetrant in dieser Angelegenheit - insitierend und nahezuu anklagend - zu bedrängen, wie es seitens der TV- Reporter/Experten geschehen ist. Der obligatorische Spekulations- Bericht zu Doping von dem vermeintlichen Investigativ- Journalisten Hajo Seppel passte dann ebenfalls ins Programm. Nichts ist bewiesen, Seppel darf unge- und unbehindert, sanktionslos spekulieren. Das ist kein Investigativ- Jousnalismus, das ist billiger Boulevardjournalismus......und das noch auf Kosten und mit den Geldern der ARD/ZDF- Gebührenzahler in Millionen- Höhe.

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