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Sport

Ausschluss von Sommerspielen 2016

Russland gibt nicht auf

Olympische Spiele in Rio ohne Russlands Leichtathleten: Gegen die Entscheidung des Weltverbandes IAAF regt sich Protest in Moskau. Präsident Putin streitet staatlich organisiertes Doping ab - und sieht noch eine Chance.

AP

Wladimir Putin

Von
Freitag, 17.06.2016   23:15 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es war eine stolze Ausbeute: Sieben Gold-, vier Silber- und vier Bronzemedaillen gewannen die russischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen 2012 in London.

Die Medaillenjagd hätte sogar noch erfolgreicher ausfallen können, wenn den russischen Gehern Sergej Kirdjapkin und Olga Kaniskina nicht nachträglich ihre Gold- beziehungsweise Silbermedaillen aberkannt worden wären. Zwei Athleten, denen Doping nachgewiesen werden konnte und die sich damit in eine lange, wenig ruhmreiche Liste russischer Dopingsünder einreihen.

Mit gravierenden Konsequenzen für die russische Leichtathletik. Bereits im November 2015 suspendierte der Leichtathletik-Weltverband IAAF den russischen Leichtathletikverband WFLA. Es war eine Reaktion auf einen mehr als 300 Seiten umfassenden Bericht der Welt-Doping-Agentur Wada, in dem ausführlich die systematischen und zum Teil auch vom Staat getragenen Dopingmethoden beschrieben wurden. Eine Sperre, die im März verlängert wurde und an der sich auch in der nächsten Zeit nichts ändert.

"Der russische Leichtathletikverband WFLA bleibt weiterhin auf unbestimmte Zeit suspendiert", erklärte IAAF-Präsident Sebastian Coe am Freitagabend in Wien, wo das Council des IAAF über die Fortschritte der Russen im Anti-Dopingkampf beriet. Damit bleiben die russischen Leichtathleten weiterhin von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen, was auch die Teilnahme an den im August beginnenden Olympischen Spielen in Rio unmöglich macht.

"Die Politik siegt über den Sport"

"An der Kultur des Dopings und daran, dass es toleriert wird, hat sich bis heute nichts geändert", sagte Rune Andersen, Vorsitzender der IAAF-Taskorce, auf der Pressekonferenz zur Begründung. Dabei haben russische Sportfunktionäre in den vergangenen Tagen noch das Gegenteil behauptet. "Wir haben alle 44 Reformforderungen des IAAF erfüllt", sagte noch am Montag Gennadi Aljeschin, Präsidiumsmitglied des russischen NOK.

Und Russlands Sportminister Witali Mutko wiederum schrieb diese Woche in einem offenen Brief an IAAF-Präsident Sebastian Coe, man habe alles getan, damit die Sperre aufgehoben werden könne. Beginnend bei personellen Veränderungen in der Spitze des russischen Leichtathletikverbandes bis hin zu Dopingkontrollen, die durch die britische Anti-Dopingagentur durchgeführt wurden. "Angesichts unserer Bemühungen fordere ich Sie auf, die Sperre gegen unsere Athleten zu überdenken", heißt es in dem Brief.

Dass Mutkos Beteuerungen zum Teil nur hohle Phrasen sind, zeigt der jüngste Bericht der Wada.

REUTERS

Sportminister Witali Mutko

Von Dopingkontrolleuren, die bei ihrer Arbeit sowohl von Sportlern als auch von Mitarbeitern des Inlandsgeheimdienstes FSB behindert wurden, ist in dem am vergangenen Mittwoch publik gewordenen Bericht die Rede. Ebenso von Sportlern, die ihren Aufenthaltsort verheimlichen oder von Versuchen, Dopingproben zu manipulieren. Bei diesen Erkenntnissen blieb dem IAAF quasi keine andere Wahl, als die Suspendierung des WFLA aufrechtzuerhalten.

In Russland sieht man das naturgemäß anders. "Leute, die sauber und hart gearbeitet haben, wurden mit den Schuldigen gleichgesetzt", erklärte Sportminister Mutko. "Der Ausschluss ist nicht fair", sagte Russlands Präsident Wladimir Putin und kündigte Gespräche mit der Wada und dem IOC an. "Es hat in Russland keine Unterstützung für Verstöße im Sport - und vor allem nicht im Bereich Doping - gegeben, und es wird sie auch nicht geben", so Putin.

Tatjana Lebendewa, ehemalige Vize-Präsidentin des russischen Leichtathletikverbandes und Weitsprung-Olympiasiegerin von 2004, sagte: "Die Politik siegte über den Sport".

Issinbajewa will vor dem Europäischen Gerichtshof klagen

Ähnlich äußerte sich auch der größte Star der russischen Leichtathletik, die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa: "Das ist eine Menschenrechtsverletzung. Ich werde nicht schweigen, sondern kämpfen." Notfalls wolle sie eine Klage beim Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte einreichen. "Ich werde IAAF und Wada beweisen, dass sie die falsche Entscheidung getroffen haben", sagte die 34-Jährige. "Ich sehe das als Diskriminierung unserer Nation, weil wir aus Russland sind", so die zweifache Olympia-Siegerin.

DPA

Jelena Issinbajewa

In Russland ist die Auffassung weit verbreitet, dass hinter der Suspendierung eine Verschwörung des Westens steckt, die von Russlandhass gespeist wird. Davon konnte sich der ARD-Journalist Hajo Seppelt vergangene Woche persönlich überzeugen. Seppelt hatte durch seine Reportage "Geheimsache Doping" den Substanzmissbrauch in Russland publik gemacht.

Bei einem Interview, das er dem Fernsehsender Rossija1 gab, wurde Seppelt so provoziert, dass er das TV-Team schließlich rausschmiss. Daraufhin wurde er im russischen Fernsehen als ein heruntergekommener, gewalttätiger Russlandhasser dargestellt.

Gleichzeitig werden mit dem Urteil des IAAF die Töne immer lauter, dass russische Leichtathleten unter der Fahne des IOC bei den Spielen in Rio starten sollen. "Der WFLA sollte dies zumindest den besten Athleten ermöglichen", sagte beispielsweise der bekannte Leichtathletiktrainer Jewgenij Zagorulko. Eine Idee, die nicht neu ist. Bereits im November brachte Sportminister Mutko diese Idee ins Spiel. Was rein theoretisch möglich wäre, wenn der IAAF und das Internationale Olympische Komitee mitspielen.

Ob diese Idee auch in die Tat umgesetzt wird oder gar alle russischen Leichtathleten nach Rio fahren können, wird sich in vier Tagen zeigen. Dann wird auch das IOC über die Situation beraten.

Zusammengefasst: "Nicht fair" - so kommentiert Russlands Staatspräsident Wladimir Putin die Entscheidung des Weltverbandes IAAF, die russischen Leichtathleten von den Spielen in Rio auszuschließen. Er will mit dem Internationalen Olympischen Komitee und der Doping-Agentur Wada verhandeln. Stabhochspringerin Issinbajewa sprach von "Menschenrechtsverletzung" und will klagen. Zudem ist in Russland die Auffassung verbreitet, dass hinter der Suspendierung eine Verschwörung des Westens steckt, die von Russlandhass gespeist wird.

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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung

Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)

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