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Sport

Pferdesport in der Kritik

Können Galopprennen tiergerecht sein?

Die kalifornische Rennbahn Santa Anita Park hat den Galoppsport in Verruf gebracht. Doch nicht nur dort, sondern auch in Deutschland sterben dabei Pferde.

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Jockeys und Pferde bei einem Galopprennen in Düsseldorf im August, vorne ein reiterloses Tier

Von
Dienstag, 03.12.2019   14:48 Uhr

Fast 40 tote Pferde in weniger als einem Jahr, dazu erschreckende Bilder von Tieren mit gebrochenen Beinen. Das ist das schockierende Resümee der Galopprennbahn Santa Anita Park in Kalifornien. Doch das Problem geht weit darüber hinaus. Insgesamt starben in den USA im vergangenen Jahr 493 Pferde bei rund 36.000 Rennen.

Die Bedingungen sind nicht identisch, doch auch in Deutschland sterben Galopper auf Rennbahnen - allerdings seltener. Liegt die Quote in den USA bei 1,68 Todesfällen pro 1000 Starts, sind es hierzulande 0,9. 2019 kamen bei insgesamt 1144 Rennen neun Tiere zu Tode, 2018 waren es sieben. Das teilte das zuständige Direktorium für Vollblutzucht und Rennen (DVR) auf SPIEGEL-Anfrage mit. Zahlen zu Todesfällen während des Trainings gibt es nicht.

Unglückliche Einzelfälle oder systematische Überforderung?

Die häufigste Todesursache in Deutschland sind Brüche. Die Pferde verletzen sich während der Rennen so schwer, dass sie teilweise noch auf der Bahn eingeschläfert werden müssen.

Können Galopprennen also überhaupt tiergerecht sein?

"Das Wohl der Pferde hat für den gesamten Galopprennsport oberste Priorität", teilt das DVR auf SPIEGEL-Anfrage mit. Jede einzelne Verletzung eines Pferdes sei "sehr bedauerlich", die Zahl der Unfälle mit Todesfolge liege jedoch "im Promillebereich". Um sie zu vermeiden, würden regelmäßig alle Rennbahnen, Trainingsanlagen und Stallungen geprüft, Tiere mit Verletzungen von Wettbewerben ausgeschlossen.

DPA

Ein Galopprennen in Ascot, England. In Deutschland dürfen die Jockeys weniger oft die Peitsche einsetzen als in Großbritannien.

Für Peta sind die Tode keine Unfälle. Die Pferde würden vielmehr "für Preisgelder und Prestige systematisch überfordert und häufig in den Tod getrieben", schrieb die Tierrechtsorganisation. Peta erstattete Strafanzeigen gegen Beteiligte - ohne Erfolg.

Maximilian Pick kennt beide Seiten des Galopprennsports. Der 82-Jährige ist Sachverständiger für Pferde und schreibt Gutachten, unter anderem für Peta. Über 20 Jahre war er Rennbahntierarzt auf der Galoppbahn München-Riem, bis er sich von diesem Sport abwandte. "Ich wollte nicht mehr an der Bahn stehen und mir ansehen, wie die Pferde mit der Peitsche geschlagen werden - oder jene mit gebrochenen Beinen einschläfern", sagt Pick dem SPIEGEL. Die Pferde würden im Rennen immer an ihre Leistungsgrenze herangeführt - und manchmal darüber hinaus.

Todesfälle sind nicht das einzige Problem

Wie weit es im Pferdesport um den Tierschutz bestellt ist, hängt von vielen Faktoren ab. Mit Aufzucht, Haltung, Trainingsbedingungen, Fütterung und tierärztlicher Versorgung sind nur einige genannt. Das betrifft ebenso Dressur- und Springpferde. Auch die Anti-Doping-Regeln spielen eine Rolle. Die sind bei den Galoppern in Deutschland zwar besonders streng. Organisationen wie Peta und der Deutsche Tierschutzbund vertreten dennoch die Position, dass der Sport generell nicht tiergerecht gestaltet werden könne. Grundlegende Punkte, neben den Brüchen auch der Einsatz sehr junger Pferde im Rennen, seien bereits tierschutzrelevant, schreibt der Tierschutzbund. Ein Aufreger ist auch der Gebrauch der Peitsche.

An beiden Punkten zeigt sich jedoch, wie wirkungslos die Kritik bisher ist. Denn das DVR ist nicht nur die nach dem Tierzuchtgesetz anerkannte Züchtervereinigung für die Pferderasse Englisches Vollblut in Deutschland. Als Dachverband für den Galopprennsport beaufsichtigt es darüber hinaus auch die Rennen und erlässt das Regelwerk, die Rennordnung.

"Es ist ein Meinungsstreit"

Pferderennen sind nicht nur Sportereignisse, auf die man wetten kann. Die Rennen sollen auch dazu dienen, die besten Vollblüter für die Zucht auszuwählen. Das Alter, in dem die Pferde zum ersten Mal an den Start gehen, ist dabei laut DVR immer weiter gesunken, von sechs auf zwei Jahre. Aktuell debütieren rund 22 Prozent eines Fohlen-Jahrgangs in Deutschland bereits mit 24 bis 28 Monaten - insofern ihre physische und psychische Eignung tierärztlich bestätigt wurde. Das ist zum Teil deutlich früher als bei Warmblutpferden, die im Turniersport eingesetzt werden.

Aus Sicht des Verbandes ist das kein Problem: Ausbildung und Training der Vollblüter unterschieden sich von anderen Pferderassen, zum Beispiel aufgrund der geringeren Gewichtsbelastung der leichten Jockeys und Sättel. Vollblüter seien überdies "frühreif". Zudem bestritten die Pferde im Alter von drei Jahren die national und international wichtigsten Zuchtrennen. "Hierzu bedarf es auch im Sinne des Tierwohls einer pferdegerechten Vorbereitung, die zwingend im Zweijährigen-Alter beginnen muss", schreibt das DVR.

Tierschützer vertreten die Ansicht, dass sich zweijährige Pferde weder physisch noch psychisch für die Belastungen auf der Rennbahn eignen. Der Deutsche Tierschutzbund geht nicht von einer Frühreife bestimmter Pferderassen aus und ist gegen Zweijährigenrennen. Esther Müller, die zuständige Fachreferentin, schreibt auf SPIEGEL-Anfrage: "Argumente wie die Konkurrenzsituation mit dem Ausland und der Verpflichtung zur Zuchtauswahl sind Argumente rein wirtschaftlicher Natur."

Auch Pick hält die Frühreife für ein "Märchen". Er fordert, das Alter für Debütanten auf drei Jahre hochzusetzen.

Unklar ist, wer politisch zuständig ist: Gemäß der "Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport" des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) legen die Pferdezucht- und Sportverbände das Mindestalter für den frühesten Einsatz der Pferde fest. Die Leitlinien sind von 1992 und nicht rechtsverbindlich. Unter anderem das DVR, der Tierschutzbund und Pick haben selbst daran mitgearbeitet. Die Aufsichtsbehörde des Direktoriums, das NRW-Umweltministerium, hat eine SPIEGEL-Anfrage unbeantwortet gelassen.

Wer zu viel peitscht, wird nicht disqualifiziert

Wäre da noch der Einsatz der Peitsche. Auch hier streiten Verband und Tierschützer, zumal nicht ausgeschlossen ist, dass sie den Pferden Schmerzen zufügt. Bis zu fünf Mal dürfen Jockeys die Peitsche in Deutschland bei einem Rennen benutzen, zwei- bis dreimal weniger als in England. Das regelt die Rennordnung - ebenso die Art und Weise, wie sie eingesetzt werden darf.

Der Peitscheneinsatz werde laut DVR derzeit national und international "auf den Prüfstand gestellt", aus Verbandssicht ist die Peitsche für den Reiter dennoch ein notwendiges Hilfsmittel, um zum Beispiel ein ausbrechendes Pferd seitlich zu begrenzen und damit Unfälle zu verhindern. Für Tierschützer verstößt der Einsatz gegen das Tierschutzgesetz. "Ein Pferd zu schlagen ist fürchterlich", sagt Pick.

In Deutschland werden Jockeys bei fehlerhaftem Peitscheneinsatz zwar mit Geldstrafen und Sperren belegt. Eine Disqualifikation gibt es nicht. Bestätigt hat dies das Oberlandesgericht Köln.

Es gilt die Rennordnung - und die möchte das DVR an dieser Stelle auch nicht ändern. Das Pferd, das seine Leistung erbracht hat, solle nicht disqualifiziert und damit für das fehlerhafte Verhalten des Reiters bestraft werden, schreibt der Verband.

Es bleibt also erst einmal alles beim Alten. In einem bekannten Kinderlied heißt es: "Hopp, hopp, hopp! Pferdchen lauf Galopp! Über Stock und über Steine, aber brich dir nicht die Beine." Das Lied ist von 1807. Es ist gerade wieder sehr aktuell.

insgesamt 15 Beiträge
sh.stefan.heitmann 03.12.2019
1. Kann Tierhaltung überhaupt Tiergerecht sein?
Wer Tiere liebt, hält sich keine!
Wer Tiere liebt, hält sich keine!
fischersfritzchen 03.12.2019
2. Es ist ja nicht verboten.
Ebenso wie Dressurreiten, Hunderennen, Stierkampf (in einigen Ländern), der mit Keksen verwöhnte bewegungsarme Mops auf dem Wohnzimmersofa oder der stark bespielte Hamster. "Gerechtigkeit" im menschlichen Sinne gilt [...]
Ebenso wie Dressurreiten, Hunderennen, Stierkampf (in einigen Ländern), der mit Keksen verwöhnte bewegungsarme Mops auf dem Wohnzimmersofa oder der stark bespielte Hamster. "Gerechtigkeit" im menschlichen Sinne gilt eben weder für Tiere noch Pflanzen und so lange es einen halbwegs vernünftigen Grund gibt, darf man mit Tieren so einiges machen. Letztendlich darf man die auch töten und aufessen.
w.glsener 03.12.2019
3. Kein Hobby sondern Quälerei.
Diese Art des Pferdesports sollte verboten werden befriedigt sie doch nur Spieler/Wetter und Besitzer die sich auf Kosten der Tiere und mit Quälereien Geld verdienen.
Diese Art des Pferdesports sollte verboten werden befriedigt sie doch nur Spieler/Wetter und Besitzer die sich auf Kosten der Tiere und mit Quälereien Geld verdienen.
i.dietz 03.12.2019
4. Tiere
sind keine Sport-Geräte ! Basta !
sind keine Sport-Geräte ! Basta !
tomdooley 03.12.2019
5.
Es steht sicherlich ausser Frage, das im Pferdesport einiges im Argen liegt und ebenso einiges verbessert werden könnte. Allerdings tu ich mir mit einem kategorischen Verbot schwer. Sollte dieses denn kommen, könnte ich mir [...]
Es steht sicherlich ausser Frage, das im Pferdesport einiges im Argen liegt und ebenso einiges verbessert werden könnte. Allerdings tu ich mir mit einem kategorischen Verbot schwer. Sollte dieses denn kommen, könnte ich mir durchaus vorstellen, das es bald nicht mehr viele Pferde in Deutschland gibt, die es zu schützen gilt... Das gilt vermutlich ebenso für andere Tiere

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