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Sport

Girosieger Carapaz

Ab sofort ein Volksheld

Richard Carapaz hat mit seinem Sieg beim Giro d'Italia für eine kleine Sensation gesorgt. Auch der Gewinn der Sprintwertung von Pascal Ackermann kam unerwartet. Der Giro ist derzeit interessanter als die Tour de France.

ALESSANDRO DI MEO/EPA-EFE/REX

Die Giro-Trophäe wandert nach Ecuador

Von
Sonntag, 02.06.2019   19:05 Uhr

Man muss eine Weile überlegen, um berühmte Sportler aus Ecuador aufzulisten. Tennisspieler Andres Gomez, der 1990 die French Open gewann, gehört sicherlich dazu. Den Geher Jefferson Perez kennen außerhalb seines Landes schon weniger - dabei sorgte er mit Gold und Silber bisher für die einzigen Medaillen, die Ecuador bei Olympischen Spielen je errang. Nach seinem Triumph über 20 Kilometer Gehen bei den Spielen von Atlanta 1996 legte Perez anschließend die Entfernung von der Hauptstadt Quito in seine Heimat Cuenza zu Fuß zurück. Das sind 459 Kilometer.

Richard Carapaz brauchte 3546 Kilometer, um zum Volksheld zu werden.

3546 Kilometer, so lang war die große Italienschleife 2019, der Giro d'Italia. Beim abschließenden Zeitfahren standen Hunderte Fans aus Lateinamerika am Ziel in Verona und schwenkten die Flagge Ecuadors. Daheim versammelten sich die Anhänger im Nationalstadion von Quito zum Public Viewing. Der Staatspräsident Lenin Moreno kündigte an, die Steuern auf den Import von Profirädern werde künftig abgeschafft. Richard Carapaz, Gewinner des 102. Giro d'Italia, ist in Ecuador jetzt so etwas wie ein Volksheld.

Dass die Veranstalter das Amphitheater von Verona zum Zielort der diesjährigen Rundfahrt gewählt hatten, hat eine hübsche Symbolik. Die Radsportler, die sich über die Berge gequält hatten, hatten zudem diesmal über einen Gutteil des Giro auch mit Kälte und Regen zu kämpfen. Da liegt es schon nahe, sie mit Gladiatoren zu vergleichen. Das Theater in Verona ist zudem die Stätte berühmter Operninszenierungen. Was Carapaz in den zurückliegenden drei Wochen ablieferte, war große Oper.

Carapaz als der lachende Dritte

Sein Sieg ist mindestens überraschend, die Deutsche Presseagentur spricht sogar von einer "Sensation". Der 26-Jährige hatte zwar die Italienrundfahrt im Vorjahr schon als Vierter abgeschlossen. Dennoch hatte ihn niemand so wirklich auf der Rechnung: Der Sieger von 2017 und Vorjahreszweite, Tom Dumoulin aus den Niederlanden, war schon früh verletzt ausgestiegen, die Rundfahrt sollte danach zum Duell der Radsport-Matadoren Vincenzo Nibali und Primoz Roglic werden. So dachten alle. Carapaz war der Dritte, der lacht.

In Ecuador kennt mittlerweile fast jeder seine Story: Die Geschichte des Bauernsohnes aus dem Anden-Grenzland zu Kolumbien, der schon als Kind die Tour de France am Fernseher verfolgte, dort im fernen Europa, wo die Kletterspezialisten Marco Pantani, Luco Herrera und Claudio Chiappucci ihre Bergankünfte feierten. Da wollte er auch irgendwann einmal hin, und jetzt ist er da.

Seit der 14. Etappe nach Courmayeur in den Alpen trug er das Rosa Trikot, und er trug es danach fast problemlos bis ins Ziel, konterte alle Attacken der Konkurrenz, mustergültig unterstützt von der starken Arbeit seines Movistar-Teams um den Basken Mikel Landa. Landa ist eigentlich der Star im Rennstall, es spricht auch für ihn, dass er sich kommentarlos in den Dienst seines Teamkollegen stellte, als der Gesamtsieg des Ecuadorianers greifbar wurde.

Luk Benies AFP

Pascal Ackermann lässt es knallen

Der Giro d'Italia steht eigentlich jährlich im Schatten der Tour de France - außer in Italien natürlich gilt das Hauptaugenmerk der Frankreichschleife. Aber schon in den Vorjahren war der Giro häufiger die interessantere, abwechslungsreichere Rundfahrt, während die Tour von der Dominanz des Sky-Teams fast erstickt wird. Beim Giro scheint mehr möglich. Ein Überraschungssieger zum Beispiel. Oder ein Punktbester, mit dem zuvor auch nicht viele gerechnet hatten.

Die Sprintqualitäten von Pascal Ackermann waren bekannt. Dass er sie aber bei seiner allerersten großen Rundfahrt gleich dermaßen ausspielen würde, dass er zudem bereits die Chuzpe hat, einen Giro bis zum Ende durchzustehen, das hat den Deutschen womöglich selbst ein wenig überrumpelt. So ist ihm etwas gelungen, das vor ihm noch kein Deutscher geschafft hat. Seit 1958 gibt es das Maglia Ciclamino, das Violette Trikot des besten Sprinters beim Giro, nie zuvor trug es ein Deutscher am Ende noch.

"Es ist ein weiter Weg gewesen bis hierher", sagte er in Verona. "Es ist befreiend, dass ich hier angekommen bin." Jetzt hat der Deutsche das berühmte Violette Trikot und damit die perfekte Übergabe fürs Amphitheater von Verona geschaffen. Die nächste Oper auf dem dortigen Spielplan ist La Traviata, die Geschichte der Violetta.

insgesamt 3 Beiträge
pandora14 02.06.2019
1. Sportlich gesehen
ist der Giro athletisch mehr wert und deutlich schwerer als die Tour. Bergankünfte ohne Ende, Sprintetappen und Einzelzeitfahren. Immer vom Feinsten. Bei der Tour sind allerdings alle Hochkaräter dabei. Das ist der [...]
ist der Giro athletisch mehr wert und deutlich schwerer als die Tour. Bergankünfte ohne Ende, Sprintetappen und Einzelzeitfahren. Immer vom Feinsten. Bei der Tour sind allerdings alle Hochkaräter dabei. Das ist der Unterschied. Aber ansonsten: Zwei- bis drei Bergankünfte, einmal Zeitfahren, dann viele endlos langweilige Sprintetappen mit 200 km Anlau,f auch Flachetappen genannt. Der Giro ist wirklich eine Klasse schwerer.
chense90 02.06.2019
2. Dass der Giro interessanter ist als die Tour
ist unter echten Radsporrkennern wahrlich kein Geheimnis, mehr Fight, spannendere Profile ... die Tour war doch in den letzten Jahren nichtmal mehr das Ansehen der Zusammenfassungen wert.
ist unter echten Radsporrkennern wahrlich kein Geheimnis, mehr Fight, spannendere Profile ... die Tour war doch in den letzten Jahren nichtmal mehr das Ansehen der Zusammenfassungen wert.
guergen 03.06.2019
3. Lucho Herrera
Lucho (nicht Luco) Herrera hat Carapaz als Kind sicher nicht gesehen, Carapaz wurde 1993 geboren, Herrera beendete seine Karriere 1992. Auch Chiappucci halte ich für unwahrscheinlich, der ist zwar bis 1998 gefahren - dann wäre [...]
Lucho (nicht Luco) Herrera hat Carapaz als Kind sicher nicht gesehen, Carapaz wurde 1993 geboren, Herrera beendete seine Karriere 1992. Auch Chiappucci halte ich für unwahrscheinlich, der ist zwar bis 1998 gefahren - dann wäre Carapaz immerhin fünf Jahre alt gewesen - ist aber ab 1995 nicht mehr wirklich in Erscheinung getreten.

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