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Sport

Japan bei der Rugby-WM

Kirschblütenzauberei

Japan sorgte bei der Rugby-WM mit einem Sieg gegen Irland für die größte Überraschung. Nun steht das Team vor dem ersten Viertelfinaleinzug der Geschichte.

Stu Forster/Getty Images

Bei der Rugby-WM in Japan begeistert die Gastgebernation, nicht ganz zufällig

Von und
Freitag, 04.10.2019   16:57 Uhr

Der Pressebereich des Epoca Stadions in der japanischen Präfektur Shizuoka am vergangenen Samstag: Michael Leitch, 1,89 Meter groß, 105 Kilo schwer, steht vor Dutzenden Journalisten, einen Karton mit Aufnahmegeräten vor seiner Brust. Der Kapitän der japanischen Rugby-Nationalmannschaft ist eingesprungen, um den Journalisten zu ihren Zitaten zu verhelfen. Das Interesse nach dem Sieg seines Teams gegen Irland bei der Heim-WM sprengt schlicht den Rahmen.

Die Szene steht beispielhaft für die Begeisterung, die Rugby gerade in Japan auslöst. Und sie steht für ein Team, das bodenständig ist und dessen Erfolg in den vergangenen Jahren akribisch geplant worden ist.

Leitch ist einer von insgesamt 16 nicht in Japan geborenen Spielern des Nationalteams. Er wuchs in Neuseeland auf und zog fürs Studium nach Tokio, 2013 wurde er japanischer Staatsbürger. Damit hat er einigen Teamkollegen etwas voraus. Zum Beispiel seinem Co-Kapitän Pieter Labuschagné, der erst 2016 in die japanische Liga kam und nun einer der wichtigsten Spieler der "Kirschblüten" ist.

Im Rugby dürfen Spieler nach drei Jahren, die sie durchgehend in einem Land spielen, für das jeweilige Nationalteam debütieren.

Der Erfolg ist geplant

Die Rugbystrukturen wurden in Japan seit der Jahrtausendwende reformiert, um das Land wieder konkurrenzfähig zu machen. 2004 entstand aus der bis dahin eher schwachen einheimischen Liga die sogenannte Top League. Teams der Liga gehören japanischen Konzernen wie Honda oder Panasonic, die Spieler anstellen. Zusätzlich wurden vor fünf Jahren die Sunwolves gegründet: eine Auswahl der japanischen Liga, die in der internationalen Liga Super Rugby gegen die besten Teams der Südhalbkugel antritt.

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Rugby-WM: Japanische Sensation

Japan ist so auch für internationale Spieler wieder attraktiv geworden. Mehr als zwölf von ihnen haben es in das Nationalteam geschafft.

Der Erfolg des japanischen Teams bei dieser WM sorgt im Land für große Euphorie. Nach dem Sieg gegen Irland wurden in den sozialen Netzwerken Videos von feiernden japanischen Fans geteilt. Bilder, die es in Deutschland so nur im Fußball geben würde.

Rugby hat in Japan eine lange Tradition: Im Jahr 1899 sollen zwei Professoren der Keio-Universität in Tokio, die zuvor in Cambridge studiert hatten, ihre Studierenden in das Spiel eingeführt haben. Bereits zuvor wurde in Japan Rugby gespielt, allerdings war der Sport bis dahin den Briten vorbehalten. Das berichtet ein Historiker der Zeitung "Japan Times".

Rugby ist in Japan Nationalsport. Rund 109.000 aktive Spieler sind beim japanischen Verband registriert - mehr als in Wales, Italien oder auch Irland.

Außenseiter, aber nicht chancenlos

Die großen Erfolge blieben in der Vergangenheit aber aus. Zwar war Japan seit der WM-Einführung 1987 durchgehend qualifiziert, holte bis 2015 jedoch nur einen Sieg und kam nie über die Gruppenphase hinaus. 1995 stellten die "Kirschblüten" mit einem 17:145 gegen Neuseeland sogar einen Rekord für die höchste Niederlage der WM-Geschichte auf, der bis heute Bestand hat.

Durch die Systemänderungen im Land ist Japan spätestens seit der WM vor vier Jahren zwar noch immer Außenseiter, aber nicht mehr chancenlos. Das Team gewann drei Spiele, unter anderem sensationell gegen Südafrika. Durch Extrapunkte, die Schottland und Südafrika damals durch eine hohe Anzahl an Versuchen erlangten, scheiterte Japan als erstes Team der Geschichte mit drei Siegen dennoch am Weiterkommen.

Tsuyoshi Ueda/AP

Die japanischen Fans sind von ihrem Team begeistert

Im August holte Japan mit Siegen gegen Fidschi, Tonga und die USA den Pacific Nations Cup. In der Weltrangliste stehen die "Kirschblüten" erstmals unter den besten Acht.

Nun steht das japanische Rugby vor dem größten Erfolg der Geschichte, dem erstmaligen Einzug in das WM-Viertelfinale. Ein Sieg gegen Außenseiter Samoa am Samstag (12.15 Uhr, TV: ProSieben Maxx) wäre der nächste Schritt.

insgesamt 2 Beiträge
Bärthold 04.10.2019
1.
Mich fasziniert immer wieder, mit welcher Leidenschaft die Japanische Mannschaft spielt und kämpft. Ich drücke den Kirschblüten ganz kräftig die Daumen!
Mich fasziniert immer wieder, mit welcher Leidenschaft die Japanische Mannschaft spielt und kämpft. Ich drücke den Kirschblüten ganz kräftig die Daumen!
olicrom 04.10.2019
2. Japan und Rugby
Da findet in Japan seit über einer Woche der Weltsport-Höhepunkt des Jahres statt, bei dem endlich mal keine jeimelnden Frisurenmodells und keine Pharmaavatare sondern einfach echte Kerle den fairsten Sport der Welt betreiben. [...]
Da findet in Japan seit über einer Woche der Weltsport-Höhepunkt des Jahres statt, bei dem endlich mal keine jeimelnden Frisurenmodells und keine Pharmaavatare sondern einfach echte Kerle den fairsten Sport der Welt betreiben. Und was sehen wir davon in Jammerland ? Nüschte. Japan zeigt, dass man auch als "Exot" in diesem besonderen Sport hervorragend mithalten kann. Wenn man halt nur genug echte Kerle zusammenbringt. Dafür reichts hier schon lange nicht mehr. By the way, und damit man das auch richtig versteht: auch zum Thema "schwul sein" sind die im Rugby weiter. Auch nicht ohne Probleme, aber eben weiter als die DFB-Spießer.

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