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Sport

Karriereende von NBA-Spielmacher Tony Parker

Ein ganz Großer

Auf seiner Position wurden andere NBA-Spieler mehr gefeiert. Dabei war Tony Parker einer der Hauptverantwortlichen für den Erfolg der San Antonio Spurs, des konstantesten Teams seit der Jahrtausendwende.

Mike Segar / REUTERS
Von
Mittwoch, 12.06.2019   13:49 Uhr

Von allen Point Guards, die seit der Jahrtausendwende in der NBA gespielt haben - welche waren wohl die besten? Die Liste reicht von heutigen Superstars wie Stephen Curry und Chris Paul bis zu den großen Spielmachern der Nullerjahre, Steve Nash und Jason Kidd. Dabei gerät ein Spieler in Vergessenheit, der mit seinem Team erfolgreicher als jeder einzelne seiner Kollegen war: Tony Parker.

17 Jahre verbrachte der 1,88 Meter große Franzose bei den San Antonio Spurs und anschließend eine weitere Saison bei den Charlotte Hornets. Nun hat Parker seine Karriere beendet. In Erinnerung bleiben wird er wegen seiner Zeit bei den Spurs.

Dort war Parker das letzte Puzzlestück des Quartetts aus Trainer Gregg Popovich, Tim Duncan und Manu Ginóbili. Gemeinsam holten sie vier Titel (2003, 2005, 2007 und 2014) - kein Spielertrio gewann mehr NBA-Spiele zusammen (575). Aus seinen ersten 1000 Partien holte Parker 718 Siege, ebenfalls Rekord.

In die Bratpfanne geworfen

Parker ist 1982 in Brügge zur Welt gekommen und in Frankreich aufgewachsen. Anfänglich interessierte er sich eher für Fußball, erst Michael Jordans Erfolge weckten seine Begeisterung für Basketball. Nach zwei Saisons bei Paris Basket Racing in der französischen Profiliga meldete er sich 2001 für die NBA-Draft. Dort wählten ihn die San Antonio Spurs an 28. Stelle aus.

Popovich musste erst von den Qualitäten seines neuen Point Guards überzeugt werden. "Ich war sehr hart zu ihm, weil ich wissen wollte, ob er die mentale Stärke hat, um in dieser Liga zu spielen", sagte Popovich 2017: "Also habe ich ihn in die Bratpfanne geworfen."

Die harte Schule der Trainerlegende machte Parker zu schaffen. "Oh ja", sagte Parker auf die Frage, ob "Pop" ihn jemals zum Weinen gebracht hätte: "In meinem Rookie-Jahr war es ein paar Mal schwer. Er ist sehr anspruchsvoll." Der damals 18 Jahre alte Parker kam in seiner ersten Saison auf 77 Einsätze. In seinem zweiten Jahr stand er in allen 82 regulären Saisonspielen in der Startaufstellung und gewann seinen ersten Titel. Das Vertrauen seines Trainers hatte er gewonnen - später überließ Popovich seinem Spielmacher sogar Taktikbesprechungen während Timeouts.

Auftritt auf der größten Bühne

In der Saison 2006/2007 festigte Parker seinen Status als Star-Spielmacher mit einer historischen Leistung. Erneut standen die Spurs im NBA-Finale, und mit 24,5 Punkten bei einer starken Wurfquote von 56,8 Prozent führte Parker seine Mannschaft zu einem 4:0-Triumph über die Cleveland Cavaliers mit LeBron James. Dafür wurde er zum wertvollsten Spieler der Finalserie (Finals MVP) gewählt - eine Auszeichnung von besonderem Prestige: Vor ihm war das keinem anderen Europäer gelungen.

Beinahe wäre Parker sogar der erste Europäer mit zwei Finals MVPs geworden. Ein halbes Jahrzehnt war San Antonio in den Playoffs stets vorzeitig ausgeschieden, bis es 2013 mit der Rückkehr in die NBA Finals klappte. Dort wartete Miami Heat mit den drei Superstars LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh. Das erste Spiel in Miami gewannen die Spurs dank eines vorentscheidenden Treffers von Parker in den Schlusssekunden.

Die Spurs hatten den Titelverteidiger im sechsten Spiel an den Rand einer Niederlage gebracht, verloren die Finalserie letztlich aber - nicht zuletzt wegen eines legendären Dreipunktewurfs von Ray Allen. Wenige Zentimeter weiter links oder rechts, und Parker wäre wohl zum zweiten Mal als Finals MVP ausgezeichnet worden. In der darauffolgenden Saison kam es zum Rematch, das San Antonio 4:1 für sich entschied - Titel Nummer vier für Parker. Der Award für den wertvollsten Spieler ging aber an Kawhi Leonard für seine überragende Abwehrleistung gegen James, damals der unumstritten beste Spieler der Welt.

Parkers Karriere wird nicht von individuellen Auszeichnung und Statistiken definiert. Mehr als ein Jahrzehnt lang war er für den Spielaufbau der schönsten Offense der Liga verantwortlich. Sein Spiel resultierte nie in auffälligen Statistiken oder großen Werbeverträgen. Das lag aber auch am Popovichs System: Uneigennützig und teamorientiert war die Spielweise der Spurs - viele kluge Pässe statt spektakulärer Einzelleistungen. Auch Bankspieler kamen in wichtigen Situationen zum Zug.

Bei der Umsetzung dieser Philosophie war Parker einer der vier Hauptverantwortlichen, was vier Meisterschaften und 16 Saisons hintereinander mit mindestens 50 Siegen zur Folge hatte. Die anderen großen Spielmacher mögen bessere Distanzschützen, komplettere Spielmacher, oder schlicht athletischer sein als Parker. Wenn es um reinen Erfolg geht, hat der Franzose die Nase vorn.

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