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Sport

Zum Karriereende von Felix Neureuther

Das letzte Rennen des Ski-Rebellen

Mit Felix Neureuther beendet eine der interessantesten Sportler-Persönlichkeiten seine aktive Laufbahn: Wie aus einem sympathischen Chaoten ein Athlet mit klarer Haltung wurde.

REUTERS
Von Florian Kinast, München
Sonntag, 17.03.2019   20:08 Uhr

Unten im Ziel, nach dem letzten zweiten Durchgang seiner Sportlerkarriere, warteten sie schon. Julien Lizeroux etwa, Stefano Groß, Manuel Feller. Konkurrenten im Weltcup, vor allem aber Weggefährten und Freunde. Felix Neureuther umarmte jeden einzelnen. Ein inniger Abschied von seinen Kollegen, dazu mit Platz sieben beim Slalom in Andorra das beste Saisonresultat dieser Saison, ein würdiger Abschluss einer großen Karriere.

Dass Neureuther tags zuvor seinen Rücktritt vom Skisport bekannt gab, war abzusehen gewesen. Er hat erkannt, dass es keinen Sinn mehr macht, sich und seinen geschundenen Körper noch länger zu quälen.

Freilich verliert der Skizirkus, der gesamte Sport eine große Persönlichkeit. Einen Rennläufer, der in den 16 Jahren seiner Karriere vom schelmischen Lausbub zu einem mündigen Athleten mit Vorbildfunktion reifte - und der es schnell schaffte, sich vom berühmten Namen seiner Eltern zu emanzipieren.

Heimlich Fußballspieler

"Der Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther" - diesen Zusatz hörte man anfangs immer, wenn der junge Felix an den Start ging. Daheim war die erfolgreiche Karriere der Eltern kein Thema; dass die Rosi 1976 Doppel-Olympiasiegerin war, erfuhr der kleine Felix erst beim Durchblättern eines Bildbandes der Winterspiele von Innsbruck. "Mama", rief er aus, "das bist ja du".

"Wenn der Felix ein erfolgreicher Skifahrer wird, ist das wunderbar. Aber viel wichtiger ist nächstes Jahr das Abitur", sagte Vater Christian, als der damals 18-jährige Felix in St. Moritz 2003 zu seiner ersten WM antrat: "Der Skisport ist ein schöner Moment im Leben. Aber ein kurzer. Und deshalb auch nicht der wichtigste."

Dieser kurze Moment dauerte immerhin 16 Jahre.

Und Felix nahm den Skisport lange unbeschwert. Engagiert, aber ohne finale Konsequenz. Es passte, dass er bis 2006 beim FC Garmisch - wegen der Verletzungsgefahr verbotenerweise - Fußball spielte. Aber weil er gute Beziehungen in die Redaktion vom "Garmischer Tagblatt" hatte, stand am Montag in der Zeitung immer ein anderer Name in der Mannschaftsaufstellung.

Anruf vom Papa

An einem sonnigen Herbsttag 2013, hoch oben an der Sprungschanze von Garmisch-Partenkirchen, erinnerte Neureuther sich an den Wendepunkt seiner Karriere. Jener Moment im Dezember 2009, als er nach einem 25. Platz als bislang bestem Saisonergebnis im Slalom von Alta Badia im ersten Durchgang ausschied.

"Der Papa rief mich noch im Zielraum an und sagte, ich könne ruhig so weitermachen, aber dann kann ich das Skifahren auch gleich sein lassen", erzählte er. "Wenn ich was reißen will, dann müsse ich meine Einstellung verändern. Die Ansprache vom Papa war ein entscheidender Moment in meinem Leben." Fünf Wochen später holte Felix Neureuther seinen ersten Weltcup-Sieg beim Slalom von Kitzbühel, kurz darauf triumphierte er beim Heimrennen in Garmisch.

Es folgten elf weitere Weltcup-Erfolge, drei WM-Medaillen und immer wieder auch Rückschläge. Die verpatzte Heim-WM 2011 in Garmisch oder der Autounfall kurz vor Olympia 2014, als er auf der Fahrt zum Abflug nach Sotschi auf der A95 in die Leitplanke rauschte, ein Schleudertrauma erlitt, noch nachflog nach Russland, in Slalom und Riesenslalom aber ohne Medaille blieb.

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Felix Neureuther: Eine Karriere wie ein Slalomrennen

Mochte die Karriere auch in Höhen und Tiefen verlaufen - in seinem Charakter blieb er geradlinig. Anders als viele andere Spitzensportler, die sich in Worthülsen flüchten, aus Sorge, es sich mit Verband, Trainern oder Sponsoren zu verscherzen, sagte Neureuther stets, was er dachte. Zeigte Haltung, gerade wenn es um seine Kritik am IOC ging, sei es bei der Profitgier, dem Ausverkauf des Sports oder dem Umgang mit russischem Staatsdoping.

Neureuther wird fehlen. Auch den Mitstreitern, von denen viele zu engen Freunden wurden. Ted Ligety, zum Beispiel, den er mal nach einem Rennen in Garmisch mit nach Hause nahm. Mama Rosi bekochte den Gast aus Amerika, wusch ihm die Wäsche und bügelte sogar die Unterhosen. Und natürlich Marcel Hirscher, der österreichische Seriensieger, der Neureuther mal "meinen großen Bruder" nannte. Und jetzt zum Abschied in Andorra über ihn sagte: "Ein beeindruckend feiner Kerl."

Neureuther selbst sagte am Sonntag: "Es war genau so richtig für mich. Ich bin noch einmal ein gutes Rennen gefahren. Ich freue mich jetzt einfach auf die Zeit Zuhause, auch wenn mir die Jungs sehr fehlen werden. Was mir nicht so abgehen wird, sind die engen Skischuhe und die Reiserei. Ich bin jetzt wirklich happy."

Ob und wie Neureuther dem Skisport erhalten bleiben wird, bleibt zunächst offen. In jedem Fall ist nun Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens, für seine Frau Miriam, für seine 17 Monate alte Tochter Matilda. In gut einer Woche wird er 35, vielleicht gibt er ja bald im Fußball sein Comeback, bei den Alten Herren des FC Garmisch. Beim "Garmischer Tagblatt" dürfen sie ab sofort wieder seinen richtigen Namen in der Mannschaftsaufstellung nennen.

insgesamt 9 Beiträge
archie21 17.03.2019
1. Klare Haltung?
"Wie aus einem sympathischen Chaoten ein Athlet mit klarer Haltung wurde." Das klingt, als wäre Neureuther ein 150%iger Regierungsanhänger, der sich jederzeit für deren politische Zwecke einspannen lässt. Aber [...]
"Wie aus einem sympathischen Chaoten ein Athlet mit klarer Haltung wurde." Das klingt, als wäre Neureuther ein 150%iger Regierungsanhänger, der sich jederzeit für deren politische Zwecke einspannen lässt. Aber wahrscheinlich tut man ihm mir so einer Einschätzung unrecht. Und das mit der "klaren Haltung" bezieht sich in Wirklichkeit auf ganz andere Dinge.
schorsch_69 17.03.2019
2. Och Joh!
Ein oft guter und auch halbwegs erfolgreicher Sportler durchaus. "Rebell" seiner Profession, ist allerdings völlig an mir vorbei gegangen! Vermutlich wird der auch in Bälde, ganz im Sinne der diesbezüglich für [...]
Ein oft guter und auch halbwegs erfolgreicher Sportler durchaus. "Rebell" seiner Profession, ist allerdings völlig an mir vorbei gegangen! Vermutlich wird der auch in Bälde, ganz im Sinne der diesbezüglich für nichts zu schade seienden Eltern, für "Knobi-rektal" o.ä. permanent über die "Leinwand" flimmern!
günterjoachim 17.03.2019
3. Abwarten...
Neureuther mit klarer Haltung - man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.
Neureuther mit klarer Haltung - man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.
ortibumbum 17.03.2019
4. Theater
Ich verstehe diesen Hype nicht; nur weil rosi's Sohn in den Ruhestand geht. So ein Aufstand; selbst in den Nachrichten wird dieser Umstand an 1. Stelle berichtet, noch vor den Weltnachrichten. Sind denn jetzt alle bescheuert? Ist [...]
Ich verstehe diesen Hype nicht; nur weil rosi's Sohn in den Ruhestand geht. So ein Aufstand; selbst in den Nachrichten wird dieser Umstand an 1. Stelle berichtet, noch vor den Weltnachrichten. Sind denn jetzt alle bescheuert? Ist ja genauso, wie gestern am Abend 5 Stunden Roland Kaiser; nur deswegen, weil er Geburtstag hatte. Damit hat er Helene Fischer um 2 Stunden geschlagen, die darf nur 3 Stunden zur besten Fernsehzeit jodeln. Aber dafür auf allen 3. Programmen wird sie wiederholt. Oh je, armes Deutschland.
verruca 18.03.2019
5. Pfüadi!
Ein erfrischend ehrlicher, charismatischer und intellektuell auf Augenhöhe auftretender Sportler. Ich hoffe er bleibt uns als Reporter, Experte, oder auch einfach nur als Interviewgast medial erhalten. Toller Typ!
Ein erfrischend ehrlicher, charismatischer und intellektuell auf Augenhöhe auftretender Sportler. Ich hoffe er bleibt uns als Reporter, Experte, oder auch einfach nur als Interviewgast medial erhalten. Toller Typ!

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