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Sport

NHL-Meister St. Louis

Cinderella on Ice

Letzter im Januar, Meister im Juni: Die Geschichte der St. Louis Blues ist so beeindruckend wie ungewöhnlich. Und sie zeigt, wie wenig Aussagekraft die Vorrunde in der besten Eishockeyliga der Welt hat.

Rich Gagnon/ Getty Images

David Perron

Von , Boston
Donnerstag, 13.06.2019   14:54 Uhr

Sie zählten die Sekunden lautstark herunter, nach der Schlusssirene gab es für die Profis der St. Louis Blues kein Halten mehr. Handschuhe und Helme flogen durch die Luft, Ersatzspieler sprangen über die Bande und bildeten zusammen mit ihren Teamkollegen ein riesiges Knäuel aus blau-weißen Trikots, verschwitzten Haaren und Bärten.

Die St. Louis Blues waren durch einen 4:1-Auswärtserfolg bei den Boston Bruins erstmals in ihrer 52-jährigen Geschichte Meister der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL geworden. Und irgendwo ganz unten im Getümmel lag Jordan Binnington, ihr Torwart.

Die Geschichte des 25-Jährigen ist ebenso verrückt wie die des gesamten Vereins in dieser Saison. Die Blues waren schlecht gestartet, Trainer Mike Yeo musste nach nur sieben Siegen in 19 Spielen Mitte November gehen. Sein Assistent, Craig Berube, übernahm. Doch der Abwärtstrend ging weiter. Am 2. Januar war St. Louis ganz unten angekommen, mit 34 Punkten aus 37 Partien Liga-Letzter.

Dann stellte Berube Keeper Binnington ins Tor. Der Schlussmann war zu Saisonbeginn noch die Nummer vier gewesen, hatte erst einen NHL-Kurzeinsatz aus dem Januar 2016 vorzuweisen. Nun parierte er im wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte 32 von 33 Schüssen. "Du musst einfach an dich glauben und hart arbeiten", sagte Bennington, als er den Cup in den Händen hielt.

Die Blues haben mit dem Titelgewinn eine Cinderella-Story gekrönt. Eine dieser "from worst to first"-Geschichten, die sie in den USA so lieben. St. Louis ist Meister geworden, obwohl das Team nach mehr als einem Viertel der Saison noch Schlusslicht war - das hat es laut NHL noch in keiner der vier großen nordamerikanischen Profiligen NFL, NBA, NHL, MLB gegeben.

Die Mannschaft aus dem Bundesstaat Missouri ist ein Beweis dafür, wie wenig Aussagekraft die Vorrunde hat. St. Louis ist als zwölftes der 16 Teams in die Playoffs gestartet - und nun Meister geworden. Die Los Angeles Kings hatten 2012 gar als Nummer 13 den Titel geholt. Seit der Saison 1985/86 erhält das punktbeste Team der NHL-Vorrunde die President Trophy. Nur achtmal konnte diese Mannschaft auch den Stanley Cup des NHL-Meisters in die Höhe recken.

Das Über-Team übersteht die erste Playoff-Runde nicht

In dieser Saison war Tampa Bay Lightning das Über-Team der Vorrunde. Mit 62 Siegen stellte das Team aus Florida den NHL-Rekord der Detroit Red Wings ein. In der ersten Playoff-Runde gelang Tampa gegen die Columbus Blue Jackets erneut Historisches, nur hätten sie auf diesen Rekord sicher gut verzichten können: Als erster President-Trophy-Gewinner verlor der Verein eine Serie 0:4.

Auf die physische Spielweise von Columbus hatte Tampa keine Antwort. Auch Meister Washington Capitals, die Calgary Flames und die Nashville Predators scheiterten zum Auftakt. So war erstmals in der NHL-Playoff-Geschichte keiner der Sieger der vier Devisions in der zweiten Runde.

"In den Playoffs ist der Charakter ganz wichtig. Und der Wille ist mehr gefragt als Technik", sagt Dennis Seidenberg im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Wenn du gegen technisch begabte Spieler spielst, sie zerstörst, mögen die das manchmal nicht so sehr." Seidenberg gewann 2011 mit den Boston Bruins den Stanley Cup. Das Team spielte damals ebenso körperbetont, wie die St. Louis Blues in dieser Saison. Und die wiederum hatten die diesjährigen Bruins mit ihrem "heavy game" beeindruckt.

Boston, da stimmten die Experten überein, war insgesamt besser besetzt und galt als Favorit. Dennoch ist mit St. Louis das physischste Team dieser K.o.-Runde Meister geworden. Die Blues haben mit Binnington einen starken Torwart, stellten mit Ryan O'Reilly den wertvollsten Spieler (MVP) dieser Playoffs und verfügen zudem mit Vladimir Tarasenko über einen Topstürmer.

Aber sie haben eben vor allem in der Defensive große und kompromisslose Akteure wie Kapitän Alex Pietrangelo (1,91 Meter) oder Colton Parayko (1,98 Meter). Und Trainer Berube lässt so spielen, wie er es früher selbst bevorzugt hat: unnachgiebig und mit einer Vorliebe für harte Checks. Oder, wie es 100-Kilogramm-Stürmer Patrick Maroon sagt: "Das alte Eishockey ist zurück, zum Teufel mit dem Speed."

Tatsächlich führt der Trend in der Liga seit einigen Jahren weg vom überharten hin zum schnellen Eishockey, bei dem es auf läuferisches und schlittschuhtechnisches Können ankommt - und daher auch kleine, wendige Profis wichtig sind. Es wird interessant sein, wie die anderen Teams auf den Titelgewinn der Blues reagieren.

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