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Stil

Frisuren im Zeitenwandel

Mach mal halblang

In den Achtzigern wollten die Damen der feinen Zürcher Gesellschaft auf einmal Frisuren mit Namen wie "Cold War Kids" oder "Punk". Ein neues Fotobuch dokumentiert den "Frisurwandel der Öffentlichkeit".

Gaechter+Clahsen/ Edition Patrick Frey
Von Marc Peschke
Donnerstag, 26.09.2019   10:01 Uhr

"Elsässer House Of Hair & Beauty", das ist eine Institution in Zürich. Seit 1929 werden hier, direkt am Paradeplatz, "die neuesten Trend-Frisuren" oder auch der "einzigartige, aufsehenerregende Look für besondere Anlässe" in Szene gesetzt. So steht es noch heute auf der Homepage.

Und so war es auch schon vor Dekaden, wie ein nun in der Edition Patrick Frey erschienenes Buch zeigt. "Fünf Finger Föhn Frisur" heißt der schlicht gestaltete Band, der ein Konvolut von 6x6-Rollfilm-Aufnahmen des Fotografen Peter Gaechter versammelt, die dieser gemeinsam mit seiner Studiopartnerin Bettina Clahsen seit den Siebzigerjahren bis in die Neunziger für den Zürcher Coiffeur angefertigt hat.

Fotostrecke

Kurz, halblang, lang: Frisurentrends aus drei Jahrzehnten

Zwei Mal jährlich fanden die Shootings statt - mit jeweils zwei Models und mehreren Friseuren. Die dabei entstandenen Bilder wurden abschließend von Hand abgezogen, retuschiert und den Kundinnen des Edel-Friseurs in hochwertigen Zeigebüchern vorgeführt.

Keine Amateur-Ästhetik, kein strategischer Trash

Die zusammengetragenen Schwarz-Weiß- und Farbfotografien kann man als einen Gang durch die jüngere Haarmode lesen. Überwogen in den Siebzigern noch sehr klassische, elegante Damenschnitte, brach doch bald der Zeitgeist ein: Frisuren mit Namen wie "Cold War Kids", "Punk" oder "70er-Charlies-Angels-Fransen" verdeutlichen, wie sehr die Populärkultur auch in der Schweiz Einzug hielt - Frisuren als Spiegel eines gesellschaftlichen Wandels.

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Von einem "Frisurwandel der Öffentlichkeit" schreibt auch Jörg Scheller in seinem Text zum Buch. Darin führt er aus, wie sich der Geschmack der "Damen der gehobenen Zürcher Gesellschaftsschicht" nach und nach änderte: "In den Achtziger- und Neunzigerjahren trat dieses in der Schweiz noch vergleichsweise stark vertretene Bürgertum langsam aber sicher in Konkurrenz zu dem betont casual sich gebenden, mit dem Trash liebäugelnden Konsumbürgertum."

Preisabfragezeitpunkt:
25.09.2019, 17:04 Uhr
Ohne Gewähr

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Peter Gaechter, Bettina Clahsen
Fünf Finger Föhn Frisur

Verlag:
Edition Patrick Frey
Seiten:
224
Preis:
EUR 60,00

Heute sehen solche Frisurenfotografien ganz anders aus. Betrachten wir dagegen diese historischen Bilder, so fällt eine grandiose Beherrschung des fotografischen Handwerks auf. Geprägt von Sorgfalt und Präzision, war die Fotografie für Gaechter und Clahsen (Gaechter war unter anderem an der Kunstgewerbeschule in Zürich ausgebildet worden, Clahsen an der Folkwangschule in Essen) kein Experimentierfeld, sondern überaus elegantes Kunstgewerbe. "Keine Schnappschüsse, keine gesuchte Amateur-Ästhetik, kein strategischer Trash" - wie wohltuend, diese perfekt ausgeleuchteten Köpfe vor neutralem Hintergrund zu betrachten, die nicht mehr sein wollen als schlichtweg vollendetes Handwerk.

Noch einmal sei auf die gelungene Buchgestaltung durch "Büro 146", durch Valentin Hindermann, Maike Hamacher und Madeleine Stahel hingewiesen. Ein wunderbares Fotobuch! 800 Exemplare gibt es nur davon - unbedingte Kaufempfehlung, auch für Menschen, die gerade keinen neuen Haarschnitt nötig haben.

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