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Berühmte Schreiber

Geschichte aus dem Handgelenk

Queen Elizabeth I. schnörkelte, Marcel Proust schmierte, Sitting Bull malte Herzchen als i-Punkte: Handschrift ist ein Stilmittel. Ein neuer Bildband zeigt Autografen aus 900 Jahren.

Taschen
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Sonntag, 21.07.2019   20:20 Uhr

Trifft ein Stift auf Papier, kann Großes entstehen: Skizzen Michelangelos, Briefe Franz Kafkas, eine Oper von Giacomo Puccini oder Marcel Prousts "Im Schatten der jungen Mädchen" - nur vier Beispiele aus dem Handschriftenschatz des Schriftstellers und Verlegers Pedro Corrêa do Lago. Seit seiner Jugend hat der Brasilianer eine der weltweit größten Privatsammlungen für Autografen aufgebaut. Mittlerweile besitzt er fast 100.000 Dokumente. "Eigentlich müsste ich in einer Zwangsjacke stecken", sagt er über seine Leidenschaft.

Beim Taschen-Verlag waren sie anderer Meinung und gaben Corrêa do Lago einen Buchvertrag. Das Ergebnis sind 140 Handschriften aus fast 900 Jahren: Briefe, Notizen, Tagebuchseiten, Autogramme, Partituren, Manuskripte, Widmungen - verfasst von Politikern, Schriftstellern, Philosophen, Regisseuren, Musikern, Wissenschaftlern und anderen Personen der Zeitgeschichte. Jede für sich gibt einen kleinen Einblick in das Leben und Denken ihrer Urheber.

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Trotz aller Begeisterung für Handarbeit: Die auf 464 Seiten versammelte Auswahl in "Zauber der Schrift" gibt es nur in gedruckter Form. Es gibt nämlich durchaus Gelegenheiten, bei denen die Maschinenschrift der handgeschriebenen eindeutig überlegen ist. Ansonsten hat es aber durchaus Vorteile, selber zu schreiben.

Kinder, die nur elektronisch schreiben, haben die schlechtere Feinmotorik und den kleineren Sprachschatz. Wir merken uns auch besser, was wir handschriftlich festhalten, weil wir so die Wortbedeutung zusätzlich über die Motorik verinnerlichen. Außerdem steigt die Konzentration, wenn wir Gedachtes in eine Stiftbewegung überführen müssen.

Einzigartig wie ein Daumenabdruck

Früher musste alles von Hand geschrieben werden. Einen Großteil der Arbeit erledigten Mönche. Sie gehörten zur gebildeten Elite, die des Lesens und Schreibens mächtig war. Erst ab dem 15. Jahrhundert, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit, lernten mehr Menschen Schreiben - und wenn es nur dazu diente, eine Unterschrift zu leisten, um etwas zu dokumentieren, einen Vertrag etwa.

Die Signatur unter einem Text gilt bis heute als Zeugnis der Gegenwart eines Menschen, auch weil unser Schriftbild fast so einzigartig ist wie ein Daumenabdruck. Wie eine Unterschrift gestaltet sein muss, ist genau geregelt, in der Passverwaltungsvorschrift zum Beispiel.

In Paragraf 6 Absatz 2 wird gefordert, die Unterschrift "soll so geleistet werden, wie die Person dies im täglichen Leben zu tun pflegt". Gültig ist ein Autogramm demnach nur, "wenn der Schriftzug individuell ist und sich als Wiedergabe eines Namens darstellt". Handzeichen, Abkürzungen und Symbole sind verboten. Vornamen dürfen weggelassen, akademische Titel vorangestellt werden.

Preisabfragezeitpunkt:
07.12.2019, 18:46 Uhr
Ohne Gewähr

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Nelson, Christine
Zauber der Schrift. Sammlung Pedro Corrêa do Lago

Verlag:
TASCHEN
Seiten:
464
Preis:
30,00 €

Abgesehen von wichtigen Urkunden schreiben wir heute aber kaum noch von Hand (weswegen auch das Briefporto ständig teurer wird). Mitgeteilt wird sich fast ausnahmslos in elektronischer Form. Ob langsam suchend mit zwei Zeigefingern oder im Zehnfingersystem über die Buchstaben fliegend - die QWERTZ-Tastatur macht unsere Gedanken für andere sichtbar. Auf dem Handy wischen wir Botschaften über das Glas und lassen unsere Wörter automatisch vervollständigen.

Früher gab es keine Smartphones und digitale Assistenten. Wer es sich leisten konnte, hatte aber andere Helfer, Hofschreiber etwa. So kommt es, dass in Corrêa do Lagos Schatz zwar ein Brief der englischen Königin Elizabeth I. enthalten ist. Aus der Feder der Regentin stammt allerdings nur die Unterschrift: majestätisch raumgreifend und verschnörkelt - wobei Schrifttrainer einwenden würden, es mache mehr Eindruck, am Ende der Unterschrift nach oben zu ziehen, nicht nach unten. Bekanntlich hat die Dame trotzdem Geschichte geschrieben.

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