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Denise Scott Brown

Mehr als nur "die Frau von..."

Denise Scott Brown hat die Architekturtheorie geprägt. Zu Ruhm gelangte jedoch nur ihr Mann Robert Venturi. Ein bemerkenswertes Buch rückt nun die Bedeutung der Architektin ins rechte Licht.

Clive Hicks/ Park Book/ AZ Wien
Von
Donnerstag, 11.04.2019   10:29 Uhr

Architektin, Stadtplanerin, Soziologin, Universitätsdozentin in Berkeley und Yale, Fotografin, Autorin: Denise Scott Brown, 87, ist vieles. Die meisten kennen sie aber nur als die Witwe und lebenslange kreative Weggefährtin des 2018 verstorbenen Architekten Robert Venturi, einer der unangefochtenen Könige der Postmoderne. Wenn die beiden gemeinsam mit dem Auto unterwegs waren, spielten sie gern ihr Lieblingsspiel - "Ich kann etwas noch Schlimmeres mögen als du": Einer würde etwas Scheußliches entdecken, ein Gebäude oder eine Leuchtschrift vielleicht, und dann Begeisterung heucheln, der andere musste lauthals protestieren. Aber hässlich und schön sind bekanntlich fließende Kategorien.

"Irgendwie, auf welche Weise auch immer, internalisierten wir diese Dinge, die wir hassten, und sie kamen an irgendeiner Stelle unserer Arbeit wieder heraus," erklärt Scott Brown in dem Buch "Downtown Denise Scott Brown: Ein Reiseführer", das bei Park Books erschienen ist. Zunächst nur gedacht als Katalog zur weltweit ersten Einzelausstellung über die Architektin, werden die 160 Seiten nun auch als eigenständiger Titel vom Verlag beworben. Eine gute Gelegenheit für alle, die es nicht zur Schau im Architekturzentrum in Wien geschafft haben.

Herausgegeben hat den "Reiseführer" Jeremy Eric Tenenbaum, ein enger Mitarbeiter der Architektin, der auch an der Wiener Ausstellung mitgewirkt hat. Fotografien, Erzählungen und Kommentare von Denise Scott Brown rücken erstmalig ihre Person wie auch ihren Anteil am architektonischen Erbe Venturis ins Licht. (Den Pritzker-Preis bekam er 1991 trotzdem allein, daran konnte auch eine Petition später nichts mehr ändern.) Man kann Scott Browns Ansichten zur weiblichen Perspektive in der Gestaltung, zum Manierismus und zur Postmoderne nachschlagen und nachvollziehen.

Fotostrecke

Denise Scott Brown: Architektin, Stadtplanerin, Soziologin

Es ist auch Scott Browns Initiative zu verdanken, dass das Paar in den Siebzigern Studierende über den Strip von Las Vegas führte, um Gesetzmäßigkeiten abzuleiten für die moderne Stadtplanung. Wochenlang fotografierte die Truppe so unvoreingenommen wie möglich, um von den vermeintlichen Scheußlichkeiten zu lernen: Warum ist diese Stadt genau so und nicht anders geworden? Aus dem Uniprojekt entstand das Buch "Learning from Las Vegas", heute ein Klassiker der Architekturtheorie.

Warum ist diese Stadt so geworden?

Das Architektenpaar befand sich quasi im permanenten Austausch über alles, was ihnen im Alltag über den Weg lief. Der Mensch, so eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse, sehnt sich nach Architektur, die repräsentativ funktioniert. Nach diesem Credo bauten die beiden eines ihrer bekannteren Gebäude, das Mielparque Nikko Kirifuri Hotel in Japan. Die Lobby gestalteten sie im Stil einer japanischen Dorfstraße: "Ein wenig Museum, ein wenig Märchen", wie das Buch treffend beschreibt.

Preisabfragezeitpunkt:
19.05.2019, 19:40 Uhr
Ohne Gewähr

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Downtown Denise Scott Brown: Ein Reiseführer. Hintergrund 56

Verlag:
Park Books
Seiten:
160
Preis:

"Downtown Denise Scott Brown: Ein Reiseführer" ist kein weiteres Buch über Architektur. Es versucht gar nicht erst, zu trennen zwischen Profession und Persönlichem, zwischen ernst zu nehmender Fachlektüre und hemmungsloser Do-it-yourself-Ästhetik. So prangt neben dem Glossar ein Foto von Hund Aalto, benannt nach der finnischen Designikone. Das Layout: Selbstbewusst unprofessionell, angesiedelt zwischen Englisch-Lehrbuch aus den frühen Neunzigern und ersten Gehversuchen mit den Gestaltungsfunktionen in Microsoft Word. Da fließt auch schon einmal gelbe und braune Schrift unleserlich über einen doppelseitigen Sonnenuntergang in Vegas.

Puristen und Venturi-Gegner werden auch mit Denise Scott Browns Arbeit, wie sie in dieser Form präsentiert wird, wenig anfangen können. Doch wer das vitale Chaos umarmt wie die beiden, der dürfte belohnt werden: Selten erhält man einen solch ungefilterten Einblick ins Denken und Empfinden einer großen Gestalterin. Am Ende macht dann plötzlich vieles Sinn, ähnlich vielleicht wie auch die Bauten des Architektenpaars, und wie irgendwann diese bekloppte Casinometropole in der Wüste Nevadas.

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