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Stil

Dior-Modenschau in Paris

Flora, Fauna, Faltenröcke

In ihrer neuen Kollektion hat sich Maria Grazia Chiuri der Natur gewidmet: vom Blumenbeet bis zum Klimawandel. Um dem entgegenzuwirken, lässt die Designerin Bäume pflanzen.

REUTERS
Von Trisha Balster
Dienstag, 24.09.2019   18:42 Uhr

164 Bäume ließ Maria Grazia Chiuri für die Show von Dior im Pariser Hippodrome de Longchamp platzieren. Aufwändige Show-Kulissen als Garantie für Aufmerksamkeit sind in der Mode keine Seltenheit, Chiuri aber hatte sich noch eine weitere Bedeutungsebene überlegt: Das Defilee sollte ein Kommentar zur Klimakrise sein, die Bäume werden nun, in Zusammenarbeit mit dem Umwelt-Kollektiv Atelier Coloco, in und um die französische Hauptstadt gepflanzt. Erstmal aber diente der Wald im Kleinformat als Hintergrund für die neue Frühjahrskollektion - und als medienwirksames Statement für das eigene Bemühen.

Nachhaltigkeit und faire Produktionsbedingungen werden in der Mode für Kunden zu immer wichtigeren Kaufbedingungen. Das weiß auch Chiuri. Die Hinwendung zur Natur prägte nicht nur das Set, sondern auch das Aussehen der Kollektion.

Ausgangspunkt war Christian Diors Vorliebe für Blumen - der Gründer des Modehauses verglich die Form seiner Kleider einst mit Blüten. Auch seine Nachfolger pflegten die Tradition, Raf Simons etwa zeigte seine erste Haute-Couture-Kollektion 2012 in gänzlich mit Blumen verkleideten Räumen. Chirui ging das Thema pragmatischer an: Blumen, das bedeutet bei ihr nicht Silhouetten oder Wandschmuck, sondern eben Blumen. Bodenlange Kleider wurden mit Pflanzenmotiven bedruckt oder bestickt, ein Playsuit war aus bunter Spitze in Blumenmuster gefertigt. Darauf folgte eine knielange Jacke, die mit ihren dichten Federn an Dickicht erinnerte, innen dunkelgrünes Camouflagemuster.

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Frühjahr / Sommer 2020: Dior auf Waldspaziergang

Nicht nur bei der Herangehensweise blieb Chirui ihrer monothematischen Handschrift treu. Auch die schmalen Silhouetten waren Fortführungen der Ästhetik, die sie in den vergangenen drei Jahren als kreative Leiterin des Modehauses etabliert hat. Röcke saßen in der Taille, Kleider flossen um den Körper. Selbst der durch ihre Konstruktion etwas steiferen Bar Jacke - ein Klassiker von Dior - verpasste Chiuri eine erfrischend verspielte Note. Immer sind die Stücke vor allem alltagstauglich, die Kleider sollen nicht nur nett aussehen, sondern auch genau wie auf dem Laufsteg getragen werden können.

Chiuri weiß, wie man begehrliche Produkte kreiert

Der internationalen Fachpresse ist dieses Bestreben mitunter nicht metaphorisch und theatralisch genug, Konsumenten überzeugt die Direktheit der Italienerin dafür umso mehr. So meldete der Branchendienst "Business of Fashion", die Investmentbank Morgan Stanley rechne für 2019 mit einem Umsatzwachstum von 26 Prozent, auf dann 3,2 Milliarden Euro (inklusive der Erlöse der kleineren Herrenlinie). Chiuri weiß, wie man begehrliche Produkte kreiert, die dazu noch eine Message haben - und besonders erfolgreich sind sie, wenn die Botschaft einfach vorne draufgedruckt ist, ob in Buchstaben oder Bildern.

Ihre Kundinnen sind es mittlerweile gewohnt, Kleidung hauptsächlich zweidimensional zu konsumieren. Und auf Instagram oder dem Computerbildschirm machen sich knackige Slogans eben besser als schwer verständliche Entwürfe. 2016 proklamierte sie in ihrer ersten Kollektion für Dior: "We should all be feminists." Ein Jahr später fragte ein gestreifter Pullover "Why have there been no great women artists?" - eine Anspielung auf den gleichnamigen Essay der US-amerikanischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin.

Sprüche gab es in dieser Saison zwar nicht, dafür genug von allem anderen. Insgesamt zeigte Chiuri 89 Looks, die aus mehreren Produkten bestanden - Artikel, die allesamt hergestellt, transportiert, und im Idealfall verkauft werden müssen, um nicht als Restware zu enden. Es ist wichtig, dass Maria Grazia Chiuri, als eine der aktuell einflussreichsten Designerinnen, ein Zeichen gegen das Beitragen der Modebranche zum Klimawandel setzt. Trotzdem ergibt sich aus ihrem Waldspaziergang ein ökologischer Fußabdruck, den allein 164 Bäume erstmal nicht aufwiegen können.

insgesamt 2 Beiträge
kaltmamsell 24.09.2019
1. Die Mode-Welt ist ungerecht, kegelt sich Dior selber aus der Topliga?
Ich bin ja nicht der Schiedrichter, aber Pradasphere ist mehr am Puls der Zeit. Die Pleite-Italiener. Machen "bella Figura" in der Mode und Moderne der kommenden Saisons. Ja, veflixt. Das ist bejahende und doch nicht [...]
Ich bin ja nicht der Schiedrichter, aber Pradasphere ist mehr am Puls der Zeit. Die Pleite-Italiener. Machen "bella Figura" in der Mode und Moderne der kommenden Saisons. Ja, veflixt. Das ist bejahende und doch nicht unkapriziöse sinnliche Präsenz mit einer gewissen Verve. Bleibt den Franzosen das Reich der Düfte von Dior (schon auch von Chanel, logisch). Da gibt es nun mal kein Italo-Pendant.
rivka 24.09.2019
2.
Einer der Erfolgsgründe von Dior ist und bleibt die Tragbarkeit. Auch der Hinweis auf den Klimawandel kann ein Anfang sein. Dior wird eine meiner liebsten Luxusmarken bleiben
Einer der Erfolgsgründe von Dior ist und bleibt die Tragbarkeit. Auch der Hinweis auf den Klimawandel kann ein Anfang sein. Dior wird eine meiner liebsten Luxusmarken bleiben

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