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Gartenbücher

Säen und verstehen

Die frische Ernte Gartenbücher ist da: Sie zeigen Menschen auf Sinnsuche im Saatgut statt praktischer Tipps. Die neuesten Züchtungen: sehr viel Selbsterfahrung und ein wenig Aktivismus. Eine unverblümte Auslese.

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Die Drei von der Samenbank

Von
Sonntag, 04.08.2019   16:02 Uhr

Gartenbücher zu lesen ist ein wenig wie Beete anzulegen. Zuerst diese Sorte, dann eine Reihe von jenen, dann ein paar Ableger von den dritten, dazwischen genug Platz für Sonne oben und Wurzeln unten.

Diese jüngste Züchtung gartenkultureller Texte ist nicht darauf aus, hemdsärmelig aufzuschlüsseln, wann was gesät werden muss, was gegen Blattläuse hilft und welche Stauden sich vertragen. Gegärtnert wird in der aktuellen Pflanzsaison, um sich selbst zu entdecken. Und zwar nicht in der vor Kurzem noch so populären Form des "Urban Gardening": Stattdessen sprießt in den Texten nun die echte Natur - im richtigen Garten eben.

Den Autor*innen geht es um Sinnstiftung und Selbsterkenntnis im Spiegel ihres grünen Bodens: wenn sie ihre Hände in Terra Preta wühlen, bis die Fingernägel vor Dreck starren, wenn sie heldengleich Bohnenstauden vor Ungezieferbefall retten, Tomaten ausgeizen und die ersten eigenen Salatblätter, Blumenkohlköpfe, Gojibeeren ernten, zubereiten, verzehren. All das ist der Rückzug auf die eigene Scholle, weg vom Alltag als soziales, politisches Wesen. Heimat ist der selbst kultivierte Mikrokosmos, Gärtnern solitäres Tun.

Preisabfragezeitpunkt:
15.07.2019, 15:06 Uhr
Ohne Gewähr

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Meike Winnemuth
Bin im Garten: Ein Jahr wachsen und wachsen lassen - Mit vielen Fotos und Illustrationen

Verlag:
Penguin Verlag
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00

In den fruchtbareren Exemplaren zeigen die Autor*innen, was es mit ihnen macht, sich der Natur und ihren Gezeiten zu unterwerfen. Und stiften so auch Gartenlose an, sich in dieser Selbstbeackerung zu spiegeln. "Mir fällt gerade nichts anderes ein, das einen durch so viele Emotionen trägt, die man alle, das ist ja das Tolle, höchstpersönlich hergestellt hat", schreibt Meike Winnemuth in ihrem tagebuchartigen "Bin im Garten" und zählt gleich mal auf: "Überraschung, Dankbarkeit, helles Entzücken. Zuversicht, Stolz, Hoffnung." Soweit die Bilanz im Juni, drei Monate nach Projektbeginn.

Winnemuth hat in der Vergangenheit immer wieder Selbstversuche auf Zeit dokumentiert - nach einem Jahr im gleichen Kleid und Weltreise nun also das Gartenleben. Dafür ist sie gleich ganz rausgezogen ins Grüne. Bei ihr geht es ums Wachsen: dem eigenen, inneren - während sie dem der Pflanzen zuschaut. Dass sie nerdig britische Garten-YouTuber glotzt, ist sympathisch. Winnemuth demonstriert so schlau wie wissenshungrig, wieviel Selbstreflektion möglich ist, wenn man im Garten rumwurschtelt - statt eben einfach nur zu säen, zu gießen, zu ernten. Wichtigste Lektion: "Das mache ich jetzt mal, dann sehe ich schon".

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