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Stil

Goldman Sachs verzichtet auf Dresscode

Kapuzenpulli statt Krawatte

Was wagen ohne Schlips und Kragen? Die US-Investmentbank Goldman Sachs gibt ihren strikten Dresscode auf. Das klingt modern, ist aber in mehrfacher Hinsicht riskant. Vor allem für Frauen.

Happy Socks

Socken im Büro machen froh

Von
Samstag, 23.03.2019   15:11 Uhr

Früher hatten es die Goldman-Sachs-Banker leicht. Zumindest über ihre Garderobe mussten sie sich keine großen Gedanken machen: Anzug und Krawatte - in allem anderen hätte man sich nicht blicken lassen können bei einer der größten Investmentbanken der Welt. Dafür brauchte es viel Geld, aber wenig Fantasie. In Zukunft jedoch müssen die Finanzexperten auch analysieren, welche Kleidung für ihren jeweiligen Auftrag die beste ist. Ihr Chef David Solomon (lesen Sie hier ein Porträt über DJ D-Sol) hat verkündet, dass Schlips und Kragen ab sofort von gestern seien, auf einen neuen Dresscode aber verzichtet.

Von den 28.000 Goldmännern und -frauen wird lediglich erwartet, "sich so zu kleiden, wie es den Erwartungen der Kunden entspricht". So steht es in einem Memo aus der Chefetage. Die Führung der Bank hat dabei weniger die persönliche Freiheit ihrer Angestellten im Sinn. Es geht ums Geschäft. Was sonst? Und das basiert im Bankenwesen hauptsächlich auf Vertrauen.

Die neue Strategie sieht so aus: Will Goldman weiterhin eine breite Kundenschicht ansprechen, muss das Finanzhaus vielfältigen Erwartungen entsprechen. Denn markiert der Nadelstreifen in gewissen Branchen immer Seriosität, ist er bei den Tech-Milliardären im Silicon Valley eher ungewöhnlich. Hier erkennen sich Gleichgesinnte an Hoodie und Jeans. (Das erkannte beizeiten auch der ehemalige "Bild"-Chef Kai Diekmann und ließ nicht nur seine Schmalzfrisur, sondern auch die Zweireiher in Kalifornien, als er 2013 von seiner Studienreise in Sachen Entrepreneurship heimkehrte.)

Und es sind vor allem jene Kapuzenpulliträger, bei denen in Zukunft das große Geld zu holen sein wird. Demnächst stehen mehrere lukrative Börsengänge von Start-ups an, die es mit teurem Finanzsachverstand zu begleiten gilt. Unter anderem wollen Lyft, Uber, Airbnb und Pinterest an den Handelsplätzen frisches Kapital aufnehmen.

Die Tech-Branche ist aber noch aus einem weiteren Grund dafür verantwortlich, dass nun bei Goldman Sachs die Kleiderkultur verroht. Die Bank will neben dem Geld auch das Humankapital aus dem Valley. Als Arbeitgeber konkurriert sie mit den großen Internetfirmen um die schlausten Köpfe. Die wissen, dass Geld nicht alles ist. Bereits 2017 zeichnete sich das ab. Schon damals lockerte das Unternehmen seinen Dresscode, allerdings nur für die Computerspezialisten der Bank.

Frauen sind die Verliererinnen

Schöne neue Welt, möchte man meinen. Problematisch wird die Smart-casual-Philosophie aber nicht nur für all jene, denen es an Urteilsvermögen (hat hier jemand "Finanzkrise" gesagt?) oder Stil mangelt.

Besonders Frauen könnten die Verliererinnen dieser Neuausrichtung sein, skizziert Susan Scafidi, Leiterin des Fashion Law Institute an der Fordham University in New York. Die Adaption männlicher Dresscodes habe es Frauen erleichtert, von Männern ernst genommen zu werden, sagte sie der "Washington Post". "Frauen müssen nun einen anderen Weg finden, um kleidertechnisch gleichzuziehen."

Weibliche Angestellte werden unterschätzt, sollten sie sich leger anziehen, bestätigte auch Laura Sherbin der Zeitung. Sie muss es wissen, denn sie berät Unternehmen in Fragen der Gleichstellung und Diversität. Sherbin sagt: "Wenn sich eine Frau weniger streng kleidet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie für eine Nachwuchskraft gehalten wird."

Kleider bestimmen aber nicht nur das Image, auch das Gehalt beeinflussen sie. Laut einer Untersuchung der Soziologin Jaclyn Wong wird Attraktivität generell mit einem bis zu 20 Prozent höheren Gehalt belohnt. Wie Männer und Frauen dabei abschneiden, hänge aber von unterschiedlichen Faktoren ab. So wirke sich ein gepflegtes Erscheinungsbild nur für Frauen positiv aus. Männer hingegen müssten einfach gut aussehen, könnten ansonsten jedoch nachlässig gekleidet sein.

Schlussendlich bedeutet die neu gewonnene Freiheit aber auch ein größeres Risiko für Fehltritte. Für Männer und Frauen. Insofern wird sich vielleicht gar nicht so viel ändern bei Goldman Sachs. Dann hat die Aktion vor allem eins gebracht: gute PR.

insgesamt 33 Beiträge
vox veritas 23.03.2019
1.
Es wird doch niemand gezwungen sich leger anzuziehen. Jeder hat die Wahl sich so anzuziehen, daß er professionell wirkt. Warum wird da jetzt ein Problem gesucht, wo keines ist?
Es wird doch niemand gezwungen sich leger anzuziehen. Jeder hat die Wahl sich so anzuziehen, daß er professionell wirkt. Warum wird da jetzt ein Problem gesucht, wo keines ist?
dasfred 23.03.2019
2. Ich bin zu schön für Goldman Sachs
Aber der Artikel ist sehr gut. Zeigt er doch, dass selbst die Uniform ihre Grenzen findet, wenn begehrte Mitarbeiter sich verweigern. Das neue Geld erlaubt sich eigene Regeln. Goldman Sachs lernt nun, dass sie nicht die Bestimmer [...]
Aber der Artikel ist sehr gut. Zeigt er doch, dass selbst die Uniform ihre Grenzen findet, wenn begehrte Mitarbeiter sich verweigern. Das neue Geld erlaubt sich eigene Regeln. Goldman Sachs lernt nun, dass sie nicht die Bestimmer sind, für die sie sich lange gehalten haben. Sie müssen nun um Kundschaft buhlen und dafür auch Kompromisse eingehen. Die Frauen im Business haben es natürlich schwer. Für die neue Rolle gibt es noch keinen Dresscode, der sich als Verbindlich festlegen lässt. Dafür gibt es nicht genug Frauen im gehobenen Segment, die zu einer Gewöhnung beitragen können.
ratz1967 23.03.2019
3. 7% mindert der Schlips die Sauerstoffzufuhr...
...zum Gehirn, laut Studien. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Goldmann Sachs nun 7% effizienter arbeitet.... ob das gut ist?
...zum Gehirn, laut Studien. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Goldmann Sachs nun 7% effizienter arbeitet.... ob das gut ist?
Metternich 23.03.2019
4.
So geht weiter Stil und Kultur zugrunde, anbiedernd an die geschmacklose Masse. Damnächst werde sich wohl von tätowieten Bankmitarbeitern mit zerrissenen Jeans und Undercut-Frisuren bedient. Und das ist dann ganz cool.
So geht weiter Stil und Kultur zugrunde, anbiedernd an die geschmacklose Masse. Damnächst werde sich wohl von tätowieten Bankmitarbeitern mit zerrissenen Jeans und Undercut-Frisuren bedient. Und das ist dann ganz cool.
dirkozoid 23.03.2019
5. @ratz1967
Interessante Studie. Aber mit welchen Knoten wurde getestet und wie eng waren die Schlipse angezogen? Welchen Einfluss hat die Kragenweite auf das Ergebnis?
Interessante Studie. Aber mit welchen Knoten wurde getestet und wie eng waren die Schlipse angezogen? Welchen Einfluss hat die Kragenweite auf das Ergebnis?

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