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Paris Fashion Week

Das ist das neue Chanel

Verneigung vor dem großen Karl und Madame Coco, außerdem eine Verjüngungskur für das Design: Virginie Viard hat ihre erste Haute Couture gezeigt - und bewiesen, sie ist mehr als Lagerfelds Nachlassverwalterin.

CHRISTOPHE ARCHAMBAULT/ AFP
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Dienstag, 02.07.2019   14:30 Uhr

Es war die wohl am meisten erwartete Modenschau in Paris. Virginie Viard, langjährige rechte Hand und Nachfolgerin Karl Lagerfelds, zeigte ihre erste Haute-Couture-Kollektion für Chanel. Als Kulisse für ihr Debüt in der Champions League der Modekunst wählte Lagerfelds Erbin eine Bibliothek. Tausende Bücher - Flaubert, Stendhal, Verlaine - standen in runden Regalen unter der Glaskuppel des Grand Palais, wo Chanel traditionell seine Kreationen vorführt. Ganz klar eine Huldigung des im Februar verstorben Couturiers, dem das Modehaus so viel zu verdanken hat. Lagerfeld war Büchernarr und besaß rund dreihunderttausend Exemplare.

Bücher also. Vor dieser Szenerie zeigte die neue Kreativchefin eine Kollektion mit zahlreiche Anspielungen auf Lagerfeld: Die Models trugen Zöpfe im Stile des verstorbenen Modezaren sowie Vatermörderkragen und gestärkte Manschetten. Der Großteil der 70 Looks ist aber erstaunlich tragbar.

Weite Hosen in Dunkelblau, Burgunderrot oder Smaragdgrün für die Tagesgarderobe, teilweise mit gefransten Säumen. Dazu doppelreihige Blazer mit Spitzkragen und bodenlange Mäntel mit Stehkragen oder - sehr schön - ein zweireihiger Mantel mit Schalkragen, weißem Seidenfutter und kristallverzierten Kamelienknöpfen. Natürlich alles aus Bouclestoff. Typische Chanel-Codes.

Die Kostüme hat Viard verkürzt und deren Linie verjüngt. Nur um die Ärmel und an der Schulterpartie gibt es teilweise etwas mehr Volumen. Die klaren Konturen und das zurückhaltende Design tun dem Klassiker gut. Die Schnitte wirken jünger. Bolerojäckchen werden Ton in Ton gestylt oder im Kontrast zum darunter getragenen Kleid. Manche haben dreilagige Revers aus hauchdünner Seide.

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Fotostrecke: Debüt geglückt

Die Abendkleider sind zart und haben größtenteils eine schmale Silhouette. Das Material ist vor allem Seide oder Samt. Manche Modelle sind komplett mit Stoffblumen bestickt, jede in Handarbeit gefertigt und drapiert. Ein Modell mit angedeuteter Hemdbrust und Schleife am Kragen ist eine unverkennbare Verbeugung vor der Historie des Hauses. Die darf in keiner Show fehlen.

Als Accessoires dienen Brillen, mehr nicht. Ansonsten kein Schmuck, keine Ohrringe, Perlen oder sonstige Ketten. Bis auf ein Paar Pumps sind alle Schuhe flach. Auch die Kleidung kommt aufgeräumt daher. Es gibt - außer den Stoffblumen - wenig Zierrat. Hier und da eine Schleife. Das war's. Die Muster dagegen hat Viard aufgepeppt. Das Karo an einem schulterfreien Kleid wirkt durch eine asymmetrische Linienführung modern. Der Kontrast zwischen schwarzen und leicht neonfarbenen Fäden verstärkt diesen Effekt.

Am Ende der Schau gab es dann aber doch eine kleine Revolution: Viard verzichtete auf das unter Lagerfeld übliche Brautkleid zum Abschluss.

Erbe bewahrt, Premiere geglückt

Es war nicht Viards erste Soloschau für Chanel. Drei Monate nach dem Tod Lagerfelds stand bereits die Cruise-Show an. Schon diese Zwischenkollektion beeindruckte durch ihre Alltagstauglichkeit. Mit ihrer Premiere in der "gehobenen Schneiderei" hat die 57-Jährige nun eine Kollektion vorgelegt, die das Designerbe des Hauses ehrt, aber durchaus Züge ihrer eigenen Handschrift erkennen lässt. Sie hat damit bewiesen, dass sie mehr sein könnte als eine Übergangslösung.

Es wäre der Französin zu wünschen. Seit 1987 arbeitet Viard für Chanel. Bevor sie Lagerfelds Chefposten übernahm, verantwortete sie alle kreativen Abteilungen des Unternehmens. Als Studiochefin übersetzte sie die Skizzen des nimmermüden Designers in Schnittmuster und beaufsichtigte deren Ausführung im Atelier. Heute hat sie gezeigt, dass sie auch ohne Lagerfeld das Design bei Chanel weiterentwickeln kann. Behutsam genug, um niemanden zu verschrecken, aber mutig genug, um aktuell zu bleiben.

"Als ich sie vor 30 Jahren kennengelernt habe, hätte ich nie gedacht, dass sie eines Tages alle kreativen Abteilungen von Chanel leiten würde. Da sind wir zusammen reingewachsen", sagte Lagerfeld in einem seiner letzten Interviews über die Zusammenarbeit mit Viard. Ihm hätte die heutige Vorstellung wohl gefallen. Nicht nur der Bücher wegen.

mit Material von AFP

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