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Bestsellerautor John Lewis-Stempel

"Schnecken zu essen, war mein Tiefpunkt"

Sammeln, pflücken, jagen: Davon ernährte sich John Lewis-Stempel ein Jahr lang. Hier spricht er über Löwenzahnwurzelkaffee, essbares Unkraut und die Wertschätzung von Tieren, wenn man sie tötet.

Getty Images

Ein Interview von
Mittwoch, 10.07.2019   21:40 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Mister Lewis-Stempel, ich dachte, Sie sind in England auf Ihrem Bauernhof - was machen Sie in der Charente in Frankreich? Wildschweine jagen?

John Lewis-Stempel: Ich lerne gerade den Bioanbau von Lavendel und Weintrauben. Eigentlich wollten wir nur sechs Monate hier sein, nun haben wir beschlossen, länger zu bleiben. Aber es gibt Wildschweine hier, die trotten dauernd an unserem kleinen Hof vorbei. Sie sehen sehr verlockend aus, das muss ich zugeben.

SPIEGEL ONLINE: Warum Lavendel und Wein?

Lewis-Stempel: Weil ich seit 25 Jahren Schaf- und Viehzucht betreibe, was sehr arbeitsintensiv ist. Wir leben in einer sehr schönen Gegend Englands, direkt an der Grenze zu Wales - aber es ist dort ein bisschen verregnet. Also dachte ich, ich nehme mir ein oder zwei Jahre frei vom Regen und den Schafen. Es ist wichtig, als Bauer mehrere Eier in einem Korb zu haben, um nicht nur von Viehzucht abhängig zu sein. Andere Formen von Landwirtschaft interessierten mich, Lavendel und Wein hielt ich für nicht so betreuungsintensiv, also ab nach Frankreich. Aber es stellt sich heraus, dass Rebstöcke wie Kinder sind, sie brauchen permanent Aufmerksamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Aber was wollen Sie mit Lavendel und Wein in England? Ein Weingut eröffnen?

Lewis-Stempel: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Echt? Aber ich dachte, viel Sonne sei hilfreich für den Weinanbau?

Lewis-Stempel: Nun, die nationale Weinsammlung befindet sich direkt bei uns um die Ecke - ich habe daher Hoffnung. Landwirtschaft basiert sowieso nur auf Hoffnung. Und wenn es am Ende nur ein paar Flaschen für den Eigengebrauch werden.

SPIEGEL ONLINE: Vor zehn Jahren machten Sie immerhin Holunderbeerwein. Damals lebten Sie ein Jahr als Jäger und Sammler und schrieben darüber. Das Buch erscheint aber erst jetzt auf Deutsch - wie kam es damals dazu?

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:21 Uhr
Ohne Gewähr

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John Lewis-Stempel
Mein Jahr als Jäger und Sammler: Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben

Verlag:
DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Seiten:
352
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Sofia Blind

Lewis-Stempel: Die Idee für dieses Jahr hatte ich zu einer Zeit, als das Leben als Bauer für mich entzaubert war. Aber eines Tages lief ich über unser Grundstück, sah wilde Pilze im Gras und Weißdorn, über mir schrie ein Wildvogel und ich dachte: Wäre es nicht toll, von dem zu leben, was dir die Natur bietet? Als Landwirt versuchst du immer, die Natur zu kontrollieren. Und ich entschied loszulassen, habe mich in die Natur hineingeworfen, in ihrem Rhythmus gelebt. Aus nature wurde Nature, großgeschrieben, ein selbstbewusstes Gegenüber. Auf einmal war ich Teil der Nahrungskette. Das fiel mir auf, als über mir ein Bussard kreiste - aber ich sah ihn nicht als Bussard, sondern als Rivale um Beute. Was ich damals gelernt habe, begleitet mich seither. Ich habe mich sehr verändert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Lewis-Stempel: Nicht nur körperlich, nicht nur, weil ich mehr Elemente rieche und schmecke als vorher. Anfangs träumte ich noch lange von Burgern, heute kann ich mit den westlichen Suchtstoffen Kohlenhydrate und Zucker nicht mehr viel anfangen. Ich bin der Natur nähergekommen, ich analysiere weniger, fühle mehr. Und ich bin glücklicher. Dauernd draußen zu sein, produziert Endorphine.

SPIEGEL ONLINE: Wie leicht war es denn, Essbares zu finden?

Lewis-Stempel: Man muss dafür nicht in den Amazonasdschungel, die Wildnis von Westeuropa reicht. Ich hatte nur unsere 40 Hektar. Aber ich rate jedem, unfassbar sorgsam zu sein! Einmal habe ich einen furchtbaren Fehler gemacht und mich fast mit einem giftigen Pilz umgebracht. Ich hatte auch überraschend harte Phasen. Ich dachte, der Sommer würde meine beste Zeit werden - aber sie war die schlechteste.

"Heute kann ich mit den westlichen Suchtstoffen Kohlenhydrate und Zucker nicht mehr viel anfangen."

SPIEGEL ONLINE: Die Liste im Buch mit allem, was Sie im Sommer aßen, ist wirklich ganz schön kurz.

Lewis-Stempel: Es war furchtbar! Von wegen "Summertime, and the livin' is easy". Wenn man ein Raubtier ist, wie ich meine Rolle empfand, ist jedes anderes Raubtier, egal ob Fuchs oder Habicht, ein Konkurrent: Sie suchen nach dem gleichen Essen wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Zum Ausgleich dachten Sie sich zig Variationen aus, damit Ihnen etwa die Hasen nicht fad werden. War Ihre Rezeptkreativität aus der Not geboren?

Lewis-Stempel: Ich wollte nicht nur von der Hand in den Mund leben, nicht nur nicht verhungern. Also verbrachte ich viel Zeit damit, mir Speisen auszudenken, die den Tisch eines guten Restaurants zieren könnten. Ich schmorte Fasanbraten in Cider, an Weihnachten gab es Wildente in Holunderbeerwein. Ich wollte damit auch zeigen, was man aus dem, was man selbst sammelt und schießt, alles machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und was gab's im Alltag?

Lewis-Stempel: Löwenzahnwurzel-Kaffee, den trinke ich immer noch. Wir glauben so sehr an den Fortschritt, dass wir oft vergessen, was in unserer Vergangenheit selbstverständlich war. Löwenzahnwurzel-Kaffee, das klingt heute irre innovativ. Aber das war mal total normal, genauso wie Sauerampfer oder Weißer Gänsefuß.

SPIEGEL ONLINE: Sie konsultierten dafür auch viele alte Kochbücher.

Lewis-Stempel: Die waren eine Offenbarung. Ich hatte etwa keine Ahnung, dass der Weiße Gänsefuß, der heute als Unkraut gilt, im frühen Mittelalter von den Angelsachsen als Gemüse angebaut wurde. Auf Englisch heißt er passenderweise "fat hen", fette Henne: Die Pflanze ist sehr nährreich, aus den Samen kann man Mehl machen. Ich finde es verrückt, wie leicht wir Dinge aus dem Blick verloren haben, die direkt vor der Tür wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Sie aßen sogar Moose, Flechten oder Schnecken: Was war der Tiefpunkt?

Lewis-Stempel: Definitiv die Schnecken. Natürlich war mir klar, dass ich Dinge essen würde, von denen ich mir nicht vorgestellt hätte, sie je zu essen. Eichhörnchen zum Beispiel. Aber Schnecken musste ich als Kind schon essen - meine Mutter war Französischlehrerin. Und ich habe es gehasst. Außerdem kann ich sie nicht einfach pflücken und essen. Ich musste sie erst von allem befreien, was sie vorher gegessen hatten, es könnte ja giftig sein. Also hielt ich sie in einem Container und fütterte sie mit guten Pflanzen. Allerdings hat meine Tochter ihnen Namen gegeben. Es fühlte sich nicht gut an, ihre Haustiere zu essen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr einziger Fokus tagein, tagaus war Essen.

Lewis-Stempel: Es war wirklich harte Arbeit, oft von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends. Als Sammler muss man immer die Gelegenheit beim Schopf packen. Wenn man plant, morgen Nüsse zu sammeln, kann es sein, dass die Eichhörnchen schneller waren. Es war enorm befriedigend, sich selbst zu ernähren. Das ist der Anfang von allem. Das sind die Reste des ursprünglichen Verlangens, ein Mammut nach Hause zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Es muss ja kein Mammut sein. Was schlagen Sie vor, um auf den Geschmack zu kommen?

Lewis-Stempel: Das ist egal, Brombeere, Wildkirsche, Wildapfel: Irgendetwas, das Natur mit dem Mund verbindet. Dann versteht man die Kräfte der Natur. Es ist eine fundamentale, direkte Erfahrung. Man ist am engsten mit der Natur verbunden, wenn man etwas pflückt oder tötet. Dann hörst du auf, ein Beobachter zu sein, du wirst Akteur im Ökosystem. Und ehrlich, ich töte nicht gerne. Aber ich tue es trotzdem. Wenn du einen wilden Vogel im Flug tötest, liegt darin eine tiefe Wahrheit. Du gibst die Last, ein Leben zu nehmen, nicht ab an jemand Unsichtbaren auf einem Schlachthof. Jeder, der Fleisch isst, sollte gezwungen werden, ein Tier zu töten. Ich esse sicher viel weniger Fleisch als so viele andere Menschen. Man lernt das Leben eines Tiers nicht wertzuschätzen, wenn man ein in Plastik eingepacktes Stück Fleisch aus einem Supermarktregal nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Selbsterfahrung im Spiegel der Natur: Das steckt auch in vielen Büchern, die derzeit populär sind, egal ob es um Wildnisküche, Waldbaden oder Paleo-Ernährung geht. Woher kommt diese Begeisterung?

Lewis-Stempel: Ich war meiner Zeit wohl etwas voraus. Mit der Finanzkrise 2008 wuchs bei vielen die Sehnsucht nach Sinn, nach Authentizität. Und immer mehr Menschen finden, dass das Leben im Digitalen kein echtes Leben ist. Die Natur ist das Echteste, was es gibt. Einfach nur Brombeeren für einen Kuchen zu pflücken ist eben etwas sehr Reales.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in Frankreich schon neues Wildes entdeckt?

Lewis-Stempel: Feigen. Ich war auch überrascht, die stehen hier einfach an der Allee zum Wald. Und gestern beging ich wahrscheinlich Mundraub: Ich pflückte an einem halbwilden Traubenstock ein paar Weinblätter, darin habe ich später Feta eingewickelt und im Ofen gebacken. Wirklich ein sehr gutes Rezept.

insgesamt 7 Beiträge
Newspeak 11.07.2019
1. ...
Ökoromantiker, die mit ihren Büchern etc. von dem kapitalistischen System profitieren, das sie kritisieren. Wäre es ein Zwang, als Jäger und Sammler zu leben, ohne das moderne Leben hinter sich zu wissen, ohne die [...]
Ökoromantiker, die mit ihren Büchern etc. von dem kapitalistischen System profitieren, das sie kritisieren. Wäre es ein Zwang, als Jäger und Sammler zu leben, ohne das moderne Leben hinter sich zu wissen, ohne die Möglichkeit, jederzeit wieder zu den Segnungen der Zivilisation zurückzukehren, wäre es nämlich bedeutend weniger hip.
Otziotzi 11.07.2019
2. Ökoromantiker
Wieso hat sich die Menschheit weiterentwickelt, wenn es in der Steinzeit so toll und ursprünglich war?
Wieso hat sich die Menschheit weiterentwickelt, wenn es in der Steinzeit so toll und ursprünglich war?
solid_matter 11.07.2019
3. Sie haben nicht begriffen, worum es dem Autor geht
Soweit ich es dem Interview entnehme, geht es nicht darum, irgend jemandem zum Jäger&Sammler-Dasein zu überreden. Es handelt sich schlicht um ein Experiment, um Eindrücke und Erlebnisse zu erforschen, die uns in der [...]
Soweit ich es dem Interview entnehme, geht es nicht darum, irgend jemandem zum Jäger&Sammler-Dasein zu überreden. Es handelt sich schlicht um ein Experiment, um Eindrücke und Erlebnisse zu erforschen, die uns in der "modernen Welt" fremd geworden sind. Eine Undankbarkeit gegenüber den "Segnungen der Zivilisation", wie sie sie ihm vorwerfen, kann ich nicht erkennen.
solid_matter 11.07.2019
4. Wonach bemisst sich denn der "Entwicklungsstand"?
Am BSP? Am Grad der Umweltzerstörung? "Weiter"-Entwicklung ist ein undankbares Wort. Ich sehe eher eine bessere oder schlechtere Anpassung an die jeweiligen Lebensumstände.
Zitat von OtziotziWieso hat sich die Menschheit weiterentwickelt, wenn es in der Steinzeit so toll und ursprünglich war?
Am BSP? Am Grad der Umweltzerstörung? "Weiter"-Entwicklung ist ein undankbares Wort. Ich sehe eher eine bessere oder schlechtere Anpassung an die jeweiligen Lebensumstände.
mkdrsdn 11.07.2019
5.
Solche Leute machen mich fertig. Zurück zur Natur - Rufe als Pseudo-Erweckungserlebnis für Städter. Gibt es seit der Industrialisierung. Bei uns regen sich die Winzer auf, weil Balkan-Migranten gerne Weinblätter klauen um [...]
Solche Leute machen mich fertig. Zurück zur Natur - Rufe als Pseudo-Erweckungserlebnis für Städter. Gibt es seit der Industrialisierung. Bei uns regen sich die Winzer auf, weil Balkan-Migranten gerne Weinblätter klauen um damit zu kochen. Aber unser englischer Öko-Messias erklärt es kurzerhand für Mundraub (was es nicht ist) und schon finden wir es "authentisch" (ein Wort, was ohnehin verboten gehört). Und Schnecken stehen im übrigen unter strengem Naturschutz. Sammeln ist also verboten. Bleibt also nur noch Werbung für sein Buch. Ich hab also gerade eine lange Werbeanzeige gelesen.
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