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Glasbläserkunst für die Wissenschaft

Lupenreine Täuschungen

Vor fast zweihundert Jahren schufen Leopold und Rudolf Blaschka filigrane Meereswesen aus Glas. Mit seinen Fotos bringt Guido Mocafico sie nun ins 21. Jahrhundert. An Faszination haben sie nichts eingebüßt.

Guido Mocafico
Von
Donnerstag, 18.07.2019   16:11 Uhr

Eine Kompassqualle mit langen Tentakeln scheint durchs Wasser zu schweben. Doch das Glibbertier treibt nicht im Meer, es ist auch gar keine Qualle, sondern aus Glas. Die künstliche Meduse gehört zu den lebensechten Nachbildungen, die der böhmische Glasbläser Leopold Blaschka und sein Sohn Rudolf im 19. Jahrhundert hergestellt haben. Sie produzierten Dekorationsobjekte für Privatleute, vor allem aber Anschauungsmaterial für Museen und zur Hochschullehre. Der Fotograf Guido Mocafico hat die schönsten Exemplare nun aufgestöbert und dokumentiert.

Quallen, Tintenfische, Meeresschnecken und Anemonen: Die Tiergestalten der Blaschkas sind wissenschaftlich exakt. Dazu machten sie eigene Beobachtungen und nutzten Skizzen. Wie Vater und Sohn die Glasmodelle genau herstellten ist bis heute nicht komplett geklärt. Die Fertigkeiten dazu hatte Leopold Blaschka auf jeden Fall aus seiner Glasbläserfamilie, außerdem absolvierte er eine Ausbildung zum Goldschmied. Er selbst unterrichtete dann seinen Sohn.

Weil viele Meerstiere sich wegen des fehlenden Skeletts nur schlecht konservieren ließen oder dabei ihr typisches Aussehen verloren, waren Nachbildungen für die meeresbiologische Forschung sehr gefragt. Mit ihren Glastieren belieferten die Blaschkas zahlreiche Museen und Universitäten in Europa und Übersee.

Fotostrecke

Meereswesen aus Glas: Täuschend echt

Bei seiner Recherche nach den Modellen besuchte Mocafico unter anderem das Naturhistorische Museum in Genf, die Naturkundemuseen in Dublin und London, die zoologische Abteilung der Universität Wien sowie weitere Einrichtungen in Straßburg, Lüttich und Utrecht. Meist werden die Modelle heute in Archiven verwahrt und nur zu Sonderausstellungen hervorgeholt. Für Mocafico war es daher teilweise schwer, Genehmigungen zu erhalten und sie fotografieren zu dürfen.

Der Fotograf lichtete die Figuren direkt in den Museen oder Universitäten ab. Wobei großes Fingerspitzengefühl gefragt war. Vorsichtig stellten er oder Mitarbeiter der Einrichtungen die Glastiere auf eine Glasplatte oder befestigten sie an Konstruktionen. Wenn das Licht richtig gesetzt war, kam eine Großformatkamera zum Einsatz. Rund 600 Fotos der faszinierenden Wesen sind so entstanden.

Auf den ersten Blick wirken die Tiere vollkommen echt, erst beim näheren Hinschauen sieht man, dass es sich um Glas handelt. Manche der Figuren sind sehr klein und bestehen aus feinsten Glasfäden. Die Meerestiere sind jedoch nur ein kleiner Teil des beeindruckenden Schaffens der beiden Glasbläser. Ab etwa 1881 konzentrierten sie sich auf Pflanzenmodelle. Allein die Harvard Universität bestellte 1886 mehrere tausend Glasblumen bei den Blaschkas. Nach dem Tod des Vaters 1895 führte Rudolph Blaschka das Geschäft alleine fort. Er starb 1939 und liegt wie sein Vater im Dresdner Stadtteil Hosterwitz begraben.

insgesamt 4 Beiträge
strixaluco 19.07.2019
1. fantastisch
Ich habe einmal eine Ausstellung einiger Blaschka-Modelle gesehen -fantastisch! Die Fotos sind sehr gut, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, Originale anzusehen, lohnt sich das auf jeden Fall.
Ich habe einmal eine Ausstellung einiger Blaschka-Modelle gesehen -fantastisch! Die Fotos sind sehr gut, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, Originale anzusehen, lohnt sich das auf jeden Fall.
WernerWeidemann 19.07.2019
2. Handwerkskunst
Da sieht man mal wieder, wie wichtig das Handwerk ist und wie schade, wenn es nicht gepflegt oder weiter gegeben wird. Erst vor hundert Jahren gemacht und heute weiss man schon nicht mehr wie das gemacht wurde? Echt schade.
Da sieht man mal wieder, wie wichtig das Handwerk ist und wie schade, wenn es nicht gepflegt oder weiter gegeben wird. Erst vor hundert Jahren gemacht und heute weiss man schon nicht mehr wie das gemacht wurde? Echt schade.
Unbeteiligter Dritter 20.07.2019
3. Harvard zeigt Orginale in der ständigen Ausstellung
In Harvards Naturkundemuseum wird eine große Anzahl sowohl der Meeresskulpturen als auch der Pflanzen in der ständigen Ausstellung gezeigt - ein tolles Erlebnis!
In Harvards Naturkundemuseum wird eine große Anzahl sowohl der Meeresskulpturen als auch der Pflanzen in der ständigen Ausstellung gezeigt - ein tolles Erlebnis!
spellbound 21.07.2019
4. Wunderschön
Absolut beeindruckend und wunderschön! Gibt es diese Kunstform noch heute? Kann noch irgendjemand solche Werke erschaffen?
Absolut beeindruckend und wunderschön! Gibt es diese Kunstform noch heute? Kann noch irgendjemand solche Werke erschaffen?

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