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"Make Ink"-Autor Jason Logan

Das Tinten-Ass

Die Grundformel für Tinte ist einfach: Farbe + Bindemittel + Wasser. Der Illustrator Jason Logan stellt seit Jahren Tinten her. Aus Kippen, Nüssen, Beeren und sogar Straßenbelag macht er einzigartige Farben.

Lauren Kolyn
Interview von
Sonntag, 22.09.2019   17:46 Uhr

"Alle hier beschriebenen Aktivitäten und Materialien sind potenziell giftig oder gefährlich", heißt es in der Einleitung zu Jason Logans Buch "Make Ink - Ein Leitfaden zur Herstellung natürlicher Tinte". Dass die Warnung begründet ist, beweist die Anekdote von Logans Tinte, die im Büro des Bestsellerautors Stephen King explodierte. Doch dazu später mehr.

Zum Tintemachen kam der Kanadier, weil er ungiftige Tinte für seine Arbeit suchte. Seitdem ist Logan eigentlich ständig auf der Suche nach Zutaten, die er in seiner Küche zu Tinte verarbeiten kann. In seinem Heimlabor verarbeitet er inzwischen auch Material, das ihm Menschen aus aller Welt zuschicken. Er verwendet Flechten, die auf Steinen wachsen, gebrannte Pfirsichkerne, geschwärzte Japanische Teemuscheln, Petroleum, wilden Wein, rostige Nägel, Gipsstaub und sogar Schießpulver.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Logan, das Motto Ihrer "Toronto Ink Company" lautet, dass Sie aus wirklich allem Tinte machen. Was haben Sie zuletzt in Farbe verwandelt?

Logan: Das war ein Bruchstückchen römischer Straße, ein paar Tausend Jahre alt. Ein Freund aus Rom hat es mir mit der Post geschickt. Für mich liegt das Herz einer Stadt in ihren Straßen und Wegen. Ich mochte die Idee einer geschichtsträchtigen Römische-Straße-Tinte. Ich arbeite übrigens immer noch daran.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einem eher grauen Farbton…

Logan: Oh, ja, ziemlich. Ich mag die Farbe Grau allerdings auch wirklich sehr! Leute fragen mich oft: "Ich liebe diese oder jene Farbe, wie bekomme ich die am besten hin?" - und da kann ich meist nicht helfen. Für mich ist nicht unbedingt die Farbe allein aufregend, sondern die Geschichte dahinter. Ich starte gern mit den Rohstoffen und lasse mich überraschen, was dabei herauskommt. Wenn ich diese Schuttprobe dann zermahle, ein Bindemittel hinzufüge, dann gehe ich ganz in diesem Prozess auf. Ich liebe es, mich mit einer einzelnen Pflanze oder einem Material so richtig nerdy zu beschäftigen.

Fotostrecke

Mahlen, Mischen, Kochen: So wird Tinte gemacht

SPIEGEL ONLINE: Sie ermutigen Menschen, ihre eigenen Farbpaletten zu finden - passend zu ihrer Stadt oder Umgebung. Irgendwelche Empfehlungen für Einsteiger?

Logan: Was immer funktioniert, sind Nüsse, Beeren oder gelbe Blüten. Außerdem liebe ich Steine und alles, was mit Rost zu tun hat, denn Eisen ist ein großartiges Material. Genau wie Kupfer - und Zigarettenstummel.

SPIEGEL ONLINE: Nicht unbedingt das Paradebeispiel für natürliche, ungiftige Tinte.

Logan: Stimmt, da muss ich etwas zurückgehen: Als ich mit der Tintenherstellung begonnen habe, wollte ich tatsächlich vor allem ungiftige Stoffe nutzen, und die Allerweltdinge, die man so in einer Stadt findet. Irgendwann experimentierte ich dann aber auch mit Chemikalien. Wobei ich immer wieder gern Buckminster Fuller zitiere: Er sagte, dass Umweltverschmutzung bloß etwas ist, mit dem wir noch nicht gelernt haben umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch eine kindersichere Variante?

Logan: Natürlich. Sie können in der Stadt Unmengen an tollen Pflanzen, Gräsern oder Beeren finden, die sich hervorragend für die Herstellung natürlicher Tinte eignen. Die vielleicht einfachste Möglichkeit: Kräftig farbige Beeren zerquetschen.

Jason Logan

Zeichnung aus Kupfersulfattinte

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch zeigen Sie auch, wie ein einziges Material ein ganzes Spektrum an Farben erschaffen kann.

Logan: Oh ja! Nehmen wir violette Farben, Rote Bete oder Blaubeeren zum Beispiel. Ihre Pigmente werden Anthocyane genannt. Ein bisschen Zitrone verfärbt sie pink, mit Backsoda kann es sich in eine blaue Farbe verwandeln. Ganz zu schweigen von Sanddorn. Ich liebe Sanddorn!

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie!

Logan: Hier in Nordamerika gelten die Sträucher als Plage, jeder hasst sie. Es ist eine sehr invasive Pflanze, die übrigens aus Europa eingeschleppt wurde, …aber als Farbstoff hochinteressant: Manchmal schaut die daraus gewonnene Tinte fast grau aus, manchmal grünlich. Das hängt stark vom pH-Wert des jeweiligen Untergrunds ab. Außerdem kann man verschiedene Teile der Pflanze nutzen. Wenn man die Beeren nimmt und etwas Lauge hinzufügt, wird ein wunderschönes Gelb daraus, beinahe wie Gold.

SPIEGEL ONLINE: Nicht immer läuft alles glatt: Versuch und Irrtum gehören für Sie dazu, aber auch handfeste Explosionen. Wie war das, als Sie einmal Tinte an Stephen King geschickt haben?

"Tinte lebt"

Logan: Wenn man hin und wieder selbst gemachte Tinte an berühmte Leute schickt, landet die zuerst bei deren Assistenten. Und wenn man etwas in eine Glasflasche mit einer Gummipipette packt, und das Ganze versehentlich fermentiert, und die Tinte breitet sich aus, …sie ist ja ein sehr, nun ja, lebendiges Ding. Sie verändert sich.

Ich hatte also Stephen King ein paar Sorten zugeschickt, darunter eine aus wilden Trauben. Und weil ich ein wenig aufgeregt war, hatte ich die Flaschen nicht wie sonst sterilisiert. Stattdessen: schnell eingefüllt und ab damit in die Post. Irgendwann bekam ich dann eine Nachricht von Kings Assistentin: Die Tinte war fermentiert und in der Glasflasche explodiert. Keine so schöne Geschichte.

Wobei diese "Tinten-Missgeschicke" gar nicht so selten sind bei mir: Um Schellack klein zu brechen, habe ich es einmal in die Mikrowelle gesteckt. Das gab dann eine andere, schöne Explosion. Meine Küche ist ein ziemliches Labor geworden.

Preisabfragezeitpunkt:
13.09.2019, 11:43 Uhr
Ohne Gewähr

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Jason Logan
Make Ink: Ein Leitfaden zur Herstellung natürlicher Tinte

Verlag:
Haffmans & Tolkemitt
Seiten:
191
Preis:
EUR 30,00

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten hin und wieder noch als Illustrator. Nutzen Sie dafür Ihre eigenen Tinten?

Logan: Vor einer Weile habe ich eine Art Glossar für die "New York Times" gezeichnet, über die neue "Twin Peaks"-Staffel. Dafür habe ich Materialien genutzt, die irgendwie mit der Serie in Zusammenhang stehen - Kaffee, bestimmte Beeren. Ich bin überzeugt: Nutze einfach ein überraschendes Material, und es wird deiner Zeichnung, deiner Geschichte eine neue Ebene hinzufügen!

SPIEGEL ONLINE: Und bemerken Ihre Auftraggeber den Unterschied?

Logan: Selbst, wenn man es nicht bewusst wahrnimmt, vielleicht fühlen die Leute, dass irgendetwas an dieser Illustration ein wenig anders ist…. Zumindest möchte ich das glauben.

insgesamt 5 Beiträge
dasfred 22.09.2019
1. Interessante Farben
Mich erinnert der Artikel an meine Experimente im Wolle färben mit Pflanzen. Der halbe Garten musste Rohstoffe liefern. Was ich allerdings vermisse ist, ob er die Tinten auf Lichtbeständigkeit untersucht hat. Gerade [...]
Mich erinnert der Artikel an meine Experimente im Wolle färben mit Pflanzen. Der halbe Garten musste Rohstoffe liefern. Was ich allerdings vermisse ist, ob er die Tinten auf Lichtbeständigkeit untersucht hat. Gerade Pflanzenfarben neigen stark zum Ausbleichen und dann können die Kalligraphien oder Grafiken nur dunkel gelagert werden.
jpphdec 23.09.2019
2. Nicht nur ein Problem von Pflanzenfarben
Praktisch alles was heute als Tinte verkauft wird ist nicht beständig. Deswegen auch die häufigen Hinweise, daß man "dokumentenecht" nicht mit Füller, sondern mit Kugelschreiber zeichnen solle. Der "gute [...]
Zitat von dasfredMich erinnert der Artikel an meine Experimente im Wolle färben mit Pflanzen. Der halbe Garten musste Rohstoffe liefern. Was ich allerdings vermisse ist, ob er die Tinten auf Lichtbeständigkeit untersucht hat. Gerade Pflanzenfarben neigen stark zum Ausbleichen und dann können die Kalligraphien oder Grafiken nur dunkel gelagert werden.
Praktisch alles was heute als Tinte verkauft wird ist nicht beständig. Deswegen auch die häufigen Hinweise, daß man "dokumentenecht" nicht mit Füller, sondern mit Kugelschreiber zeichnen solle. Der "gute Stoff" sind Eisengallustinten, die verbreitet bis in die 50er verwendet wurden. Heutzutage nur mit gezielter Suche zu bekommen und können bei unzureichender Pflege das, unter Umständen teure, Schreibgerät nahezu irreparabel ruinieren. Letzteres ein Hauptgrund warum man die nicht mehr im Mainstreamsegment findet. Für trotzdem Interessierte: Suche nach ESSRI. Mein Sailor 1911 verträgt sie gut, mit dem runtergeschliffenen FC Model 45 war's eher so lala. Ggf. mit Essigessenz/aq. dest. runterverdünnen, auf keinen Fall mit Federn aus korrosionsanfälligem Material (dh. alles außer Gold) verwenden und niemals(!) eintrocknen lassen.
hman2 23.09.2019
3. Die "Kupferoxidtinte"...
...ist wohl eher eine Kupfersulfattinte. Die Farbe ist charakteristisch blau. Kupferoxid hat eine ganz andere Farbe. Cu2O ist rot, CuO ist schwarz. - - - - - - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben entsprechend [...]
...ist wohl eher eine Kupfersulfattinte. Die Farbe ist charakteristisch blau. Kupferoxid hat eine ganz andere Farbe. Cu2O ist rot, CuO ist schwarz. - - - - - - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben entsprechend weitergeleitet und korrigiert. MfG Redaktion Forum
interstitial 23.09.2019
4. Hm
Der Bildunterschrift "Kupfer, Weissweinessig, Salz" nach würde ich auf Kupferazetat tippen, was auch einen herllichen Türkiston ergibt, aber hochgiftig und leichtlöslich ist, was eine ungute Mischung darstellt. [...]
Zitat von hman2...ist wohl eher eine Kupfersulfattinte. Die Farbe ist charakteristisch blau. Kupferoxid hat eine ganz andere Farbe. Cu2O ist rot, CuO ist schwarz. - - - - - - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben entsprechend weitergeleitet und korrigiert. MfG Redaktion Forum
Der Bildunterschrift "Kupfer, Weissweinessig, Salz" nach würde ich auf Kupferazetat tippen, was auch einen herllichen Türkiston ergibt, aber hochgiftig und leichtlöslich ist, was eine ungute Mischung darstellt. Die Tinte darauf/damit mag vegan, sogar natürlich sein, aber ungefährlich ist sie nicht! Im Gegenteil: Kupferazetat, als Industrieabfall verklappt, löst schwerste Umweltschäden aus, und vor allem für Kleinkinder sind Kuperionen sehr gefährlich. Ich würde die Tinte nicht benutzen, vor allem nicht in einem Haushalt mit Kindern, oder entsprechende Briefe an Haushalte mit Kindern schicken, und vor allem würde ich das niemals in der eigenen Küche herstellen. Mit Kupferazetat aus misshandeltem Küchengeschirr (die "guten" Kupfertöpfe in Verbindung mit Wein, Essig o.ä.) haben sich im Verlauf der Weltgeschichte tausende von menschen umgebracht.
JanaM84 04.10.2019
5. Chemie: giftig, schädlich oder harmlos?
Genau dieses Thema hat mich beschäftigt bzw. wachgehalten, als ich Mutter wurde: Wie werden Tinte und Färbungen hergestellt? Was ist harmloser, ein im Nachhinein bedrucktes Produkt oder ein bereits bei der Produktion gefärbter [...]
Genau dieses Thema hat mich beschäftigt bzw. wachgehalten, als ich Mutter wurde: Wie werden Tinte und Färbungen hergestellt? Was ist harmloser, ein im Nachhinein bedrucktes Produkt oder ein bereits bei der Produktion gefärbter Artikel? Ich gehe davon aus, dass es zwischen "giftig" und "natürlich und ungiftig" ein breites Spektrum an chemischen Tintenzusammensetzungen gibt. Als ich ein paar Kleidungsstücke für den Kleinen etikettieren wollte, habe ich im Internet Textilstempel gefunden, mit der Angabe "Ungiftig, ohne Toxine, dermatologisch getestet" wanapix.de/personalisierte-textilstempel Auf der gleichen Seite gibt es gleiche Angaben für Schnuller, Decken usw. Es wäre aber trotzdem super, wenn jemand etwas Licht ins Dunkle bringen könnte: Viele Färbungen und Tinten werden als "ungiftig" vermarktet und sehen alles andere als natürlich aus. "Chemisch" bedeutet vielleicht nicht direkt giftig, aber sicherlich schädlich oder mindestens ungesund, wenn ein kleines Kind täglich an einem chemisch gefärbten Stoff, Schnuller oder woran auch immer nagt. Oder doch nicht?

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