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Stil

Fotoprojekt aus Nigeria

Künstlermähnen

Vierzig Jahre lang dokumentierte der Fotograf Johnson Donatus 'Okhai Ojeikere Frisuren nigerianischer Frauen. Medina Dugger führt seine Arbeit fort. Mit einer Ausnahme: Ihre Bilder sind poppiger.

Medina Dugger
Von
Montag, 16.09.2019   10:41 Uhr

Einfacher Zopf und französischer, Gretchenzopf, mit eingeflochtener Krone, von unten gebunden oder mit vier Strähnen: Es gibt viele Möglichkeiten, Haare zu flechten. Sie sind jedoch alle langweilig im Vergleich zu den Haarskulpturen, die Medina Dugger in ihrer Fotoserie "Chroma" zeigt. Auf dem Hinterkopf einer Frau winden sich 13 Haarsäulen zu einem Kunstwerk aus Haaren und pinkfarbenen Fäden, eine andere trägt ihr Haar geformt zu kleinen Kugeln. "Chroma" bildet außergewöhnlichen Haarputz ab und feiert die vielfältige Frisurenmode nigerianischer Frauen.

Dugger stammt eigentlich aus Texas, lebt aber seit 2011 in Lagos. Durch eine befreundete Künstlerin erfuhr sie von der Arbeit des Nigerianers Johnson Donatus 'Okhai Ojeikere - und war sofort begeistert. Der 2014 verstorbene Fotograf hatte über einen Zeitraum von 40 Jahren hinweg Tausende Frisuren afrikanischer Frauen dokumentiert. Seine "Hairstyles" sind eine unglaubliche Sammlung an Frisuren mit unterschiedlichen afrikanischen Flechttechniken, festgehalten auf rund tausend Schwarz-Weiß-Fotos. Entstanden auf der Straße, bei Hochzeiten, während der Arbeit oder zu Hause bei den Porträtierten.

Dugger war begeistert von Ojeikeres Arbeit und beschloss, eine eigene Serie zu starten, eine moderne und farbenfrohe Variante. Ihre Bilder sind im Gegensatz zum Original poppiger. Sie leuchten fast. Nicht nur die Hintergründe auf ihren Bildern sind bunt, auch die Kleidung der Frauen, ihre Accessoires, die Haarverlängerungen oder Perlen sind farbig. Alles zusammen bildet einen Kontrast, der die Haare perfekt in Szene setzt.

Für ihre Aufnahmen Dugger arbeitet für ihre Aufnahmen mit einer nigerianischen Haarkünstlerin zusammen, ihre Modelle sind Frauen, die in Lagos leben. Die Fotografin betont, dass auf ihren Bildern nicht nur eine amerikanische Sicht auf schwarze Haartraditionen wiedergegeben werde. Ihr ist es wichtig, gemeinsam mit den Menschen vor Ort an den Bildern zu arbeiten. Die Aufnahmen entstehen in Teamarbeit. Vor jedem Shooting zeigt Dugger den Frauen vorab unterschiedliche Stile. Die Models entscheiden dann selbst, wie sie ihre Haare gern tragen würden.

Fotostrecke

Türme, Kugeln und Stacheln: Sie haben die Haare schön

Einige der Frisuren hat Dugger aus Ojeikeres Fotoarchiv nachempfunden, andere sind Eigenkreationen oder Ideen ihrer Hairstylistin. Sie zu frisieren und zu flechten braucht bis zu sechs Stunden, je nachdem wie komplex die Frisur ist. Bei weniger aufwendigen Varianten reichen manchmal bereits zwei Stunden Handarbeit. Als Hilfsmittel und Haarschmuck verwendet sie buntes Garn, Perlen und Muscheln vom Balogun Market in Lagos. Die Kleidung ist von lokalen Designern.

Manche der Frisuren seien unangenehm zu tragen, so Dugger: "Normalerweise sind sie in den ersten Tagen straffer, wenn das Haar wächst, lockert es sich und es fühlt sich besser an." Manchmal halten die Zöpfe nur wenige Tage, manchmal bleiben sie mehrere Wochen geflochten.

Mit ihren Fotos will Dugger nicht nur Ojeikere und dem Handwerk huldigen. Sie möchte auch daran erinnern, woher diese Frisuren stammen. Afrikanische Haarflechtmethoden reichen Jahrtausende zurück, sie sind Teil der Kultur und der Geschichte des Kontinents. Manche hätten ihren Ursprung in bestimmten Stammesregionen, andere würden nur zu besonderen Anlässen getragen, so Dugger. Sie symbolisieren wichtige Lebensereignisse, den sozialen Status, den Familienstand und Brauchtum.

Während der Kolonialisierung kamen Perücken und geglättete Haare in Mode, doch nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 lebten die alten Traditionen wieder auf. Heute werde Nigerias Haarkunst wieder von Generation zu Generation weitergegeben, sagt Dugger. Sie sei bei den Frauen wieder sehr beliebt. Einige Frisuren sind jedoch beliebter als andere und kommen häufiger vor. Dugger experimentiert selbst auch viel mit ihren Haaren. Sie würde sich freuen, sagt sie, wenn ihre Fotos Menschen dazu ermutigten, jede Frisur zu tragen, die sie mögen.

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