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Stil

Debatte über Grünen Knopf

"Ein mit Pestiziden begossenes T-Shirt bekäme das Siegel"

Deutschlands erstes staatliches Nachhaltigkeitssiegel soll Garant für faire Kleidung sein. In der Modebranche hat der Grüne Knopf dennoch viele Kritiker - einer von ihnen ist Streetwear-Designer Jan Thelen.

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Mit dem neuen Siegel will Bundesregierung über Grenzen hinweg soziale und ökologische Standards voranbringen

Interview von Trisha Balster
Mittwoch, 11.09.2019   11:15 Uhr

Ab sofort können sich Bekleidungshersteller mit einem neuen Siegel schmücken. Der Grüne Knopf soll kennzeichnen, dass nachhaltig und zu fairen Bedingungen gearbeitet wurde. Bereits im vergangenen Jahr hatte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) das Label angekündigt, diesen Montag stellte er das staatliche Siegel in Berlin vor. 26 Sozial- und Umweltstandards müssen Produkte erfüllen, um es tragen zu dürfen. Deren Einhaltung wird von unabhängigen Prüfstellen wie dem TÜV kontrolliert. Als Meta-Siegel bezieht sich der Grüne Knopf dabei auch auf bereits vorhandene Siegel. Zum Start des Grünen Knopfs sind 27 Unternehmen dabei, darunter Tchibo und die Otto Group.

In der Pilotphase bis zum Sommer 2021 werden die Produktionsketten der Hersteller aber nicht vollständig untersucht, sondern nur unter den Aspekten "Nähen und Zuschneiden" und "Färben und Bleichen" bewertet. Andere Bereiche sollen erst nach und nach hinzukommen. Bei einer Fertigung in Europa wird gar nicht kontrolliert. Besonders dieses Prüfschema wird von Organisationen wie der "Kampagne für Saubere Kleidung" kritisiert. Auch von Seiten bereits fair produzierender Firmen gibt es kritische Stimmen. Eine von ihnen ist Jan Thelen, Gründer des nachhaltigen Streetwear-Labels Recolution aus Hamburg.

Zur Person

SPIEGEL: Ein staatliches Siegel als Garantie für Kleidungskonsum mit gutem Gewissen. Was halten Sie als Modemacher davon?

Thelen: Generell ist das eine geniale und notwendige Idee. Es gibt einen Haufen privater Siegel, die immer nur Teilaspekte abdecken. Für den Verbraucher ist es am Ende gut, ein staatliches Siegel zu haben. Außerdem hat es das Potenzial, einen extrem hohen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Also: Die Grundidee ist gut.

SPIEGEL: Und die Ausführung?

Thelen: Das Ding wird halbfertig auf den Markt geschmissen. Das wird jedem bewusst sein, der sich damit intensiv auseinandersetzt. Es gibt zwei Aspekte, die bei einem Mindestanspruch für ein nachhaltiges Stück Textil wichtig sind: faire Löhne und umweltfreundliche Fasern. Beim Grünen Knopf wird die gesamte Faserebene ausgeblendet. Es dürfen umweltschädliche Viskosefasern eingesetzt werden oder auf Teflon basierende Membranen, die hinterher Sondermüll sind.

Das heißt, ein normales Baumwoll-T-Shirt, das hoch und runter mit Pestiziden begossen und unter unschönen Bedingungen in Rumänien produziert wurde, würde den Grünen Knopf bekommen. Das ist absolute Verbraucherverwirrung. Das Siegel ist bis zur Hälfte gedacht, und selbst die Hälfte ist nicht fertig gedacht.

Fotostrecke

Faire und ökologische Mode: Labels und Siegel

SPIEGEL: Sie werden Recolution also nicht prüfen lassen?

Thelen: Zum heutigen Stand auf gar keinen Fall.

SPIEGEL: Großen Unternehmen wie Tchibo und Hugo Boss sind dagegen bereits verifiziert.

Thelen: Weil der Anspruch ein anderer ist. Hier spielt auch Greenwashing eine Rolle, dafür hat das Siegel hohes Potenzial. Hinter einem staatlichen Siegel steckt eine hohe Marktmacht und Geld, um es bekannt und für den Verbraucher relevant zu machen. Wenn ein Produkt dadurch als fair erkannt wird, will Tchibo den Grünen Knopf natürlich fix irgendwo vorne drauf schreiben. Genauso wie alle anderen großen Unternehmen.

SPIEGEL: Sie produzieren seit 2010 nachhaltig. Kommt Ihnen der Grüne Knopf nicht reichlich spät vor?

Thelen: Besser spät als nie. Doch der Grüne Knopf macht viel kaputt. Darunter gibt es Siegel wie den Global Organic Textile Standard (GOTS) und die Fair Wear Foundation (FWF), die harte Grundarbeit geleistet haben. Wäre es wirklich das Bestreben, Gutes zu tun, hätte man diese Siegel zusammenfassen können. Der Grüne Knopf ist ein Meta-Siegel, was für den Endverbraucher aber nicht ersichtlich ist. Man sollte für so ein Siegel nicht den Anspruch haben, die Gunst der Stunde zu nutzen, sondern einen Mehrwert für alle zu schaffen. Das passiert hier auf jeden Fall nicht.

SPIEGEL: Auf welche Siegel setzen Sie?

Thelen: Wir sind zu einhundert Prozent GOTS zertifiziert und produzieren ausschließlich in der EU, größtenteils in Portugal. Bei GOTS muss der Ursprung jeder Faser und jedes Details nachgewiesen werden. Das ist ein großer Aufwand, sowohl für den Produzenten als auch für uns.

SPIEGEL: Wann würde der Grüne Knopf für Sie in Frage kommen?

Thelen: Das Siegel muss zu Ende gedacht und es muss klar kommuniziert werden, dass die gesamte Faserebene ausgeblendet wird. Außerdem muss offen angesprochen werden, dass man noch nicht so weit war, und im Detail aufgezeigt werden, bis wann welcher Prozess in Gang gebracht wird. Dann würden wir über eine Prüfung nachdenken.

insgesamt 24 Beiträge
plaudertasche123 11.09.2019
1. Kann mir mal jemand sagen...
...warum der größte Mist immer aus CSU-geführten Ministerien kommt? "Das heißt, ein normales Baumwoll-T-Shirt, das hoch und runter mit Pestiziden begossen und unter unschönen Bedingungen in Rumänien produziert wurde, [...]
...warum der größte Mist immer aus CSU-geführten Ministerien kommt? "Das heißt, ein normales Baumwoll-T-Shirt, das hoch und runter mit Pestiziden begossen und unter unschönen Bedingungen in Rumänien produziert wurde, würde den Grünen Knopf bekommen. " Na, Prost! Für interessierte Firmen bietet es Greenwashing vom Feinsten. Traurig ist, dass damit u.U. auch vertrauenswürdige Zertifizierungen z.B. die der Fair Wear Foundation mit ins Zwielicht gezogen werden - oder der Verbraucher diesem Grünen-Knopf-Gedöns vertraut und damit belasteter Dreck "sauber" auf den Markt kommt.
Legalantos 11.09.2019
2. Nach dem 12- Punkte Plan folgt das Gütesiegel
aber fehlt dazwischen nicht noch ein "Schöne-Saubere-trotzdem spottbillige T-Shirts- Gesetz" ?
aber fehlt dazwischen nicht noch ein "Schöne-Saubere-trotzdem spottbillige T-Shirts- Gesetz" ?
gartenkram 11.09.2019
3. Und nun?
Es gibt mehr siegel u kennzeichen aös ein normaler mensch nachvollziehen kann.was die einzelnen tatsächlich sein sollen muss jedes mal aufwendig recherchiert werden.dass politiker zu schnellschüssen neigen ist ja unübersehbar, [...]
Es gibt mehr siegel u kennzeichen aös ein normaler mensch nachvollziehen kann.was die einzelnen tatsächlich sein sollen muss jedes mal aufwendig recherchiert werden.dass politiker zu schnellschüssen neigen ist ja unübersehbar, dr sinn von noch so einem siegel erschliesst sich mir ebenso wenig wie ich nachvollziehen kann wozu das gut sein ausser noch mehr büroktärarie.für mich ist keins der siegel ein kaufkriterium.für mich zählt nur, wo das teil hergestellt wurde.
doctoronsen 11.09.2019
4. So produziert man Politikverdrossenheit
Bravo. Die CSU übertüncht ihren Umweltzynismus mal eben grün und ein paar Hersteller tun was für die Markenkommunikation, um ihre Marktposition kurzfrisitg zu stärken, ob's der Umwelt und den Menschen nutzt oder nicht - [...]
Bravo. Die CSU übertüncht ihren Umweltzynismus mal eben grün und ein paar Hersteller tun was für die Markenkommunikation, um ihre Marktposition kurzfrisitg zu stärken, ob's der Umwelt und den Menschen nutzt oder nicht - wurscht. So produziert man Politikverdrossenheit.
max-mustermann 11.09.2019
5.
Ganz einfach weil die Union schon seit Jahrzehnten nichts anderes mehr ist als der willige Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft und Konzerne. Die Bürger oder gar die Umwelt interessieren überhaupt nicht, da können Söder und [...]
Zitat von plaudertasche123...warum der größte Mist immer aus CSU-geführten Ministerien kommt? "Das heißt, ein normales Baumwoll-T-Shirt, das hoch und runter mit Pestiziden begossen und unter unschönen Bedingungen in Rumänien produziert wurde, würde den Grünen Knopf bekommen. " Na, Prost! Für interessierte Firmen bietet es Greenwashing vom Feinsten. Traurig ist, dass damit u.U. auch vertrauenswürdige Zertifizierungen z.B. die der Fair Wear Foundation mit ins Zwielicht gezogen werden - oder der Verbraucher diesem Grünen-Knopf-Gedöns vertraut und damit belasteter Dreck "sauber" auf den Markt kommt.
Ganz einfach weil die Union schon seit Jahrzehnten nichts anderes mehr ist als der willige Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft und Konzerne. Die Bürger oder gar die Umwelt interessieren überhaupt nicht, da können Söder und co. noch so viele hohle Phrasen über angebliche Klimaziele usw. dreschen.

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