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Stil

New York Fashion Week

Nehmen Sie's sportlich

Die Fachwelt hat diesmal ganz genau hingeschaut bei der New York Fashion Week: Top-Designer wie Victoria Beckham hatten sich rar gemacht - wer gab also den Ton an - und was hängt demnächst in Ihrem Kleiderschrank?

Fernanda Calfat/ Getty Images
Von Trisha Balster und
Mittwoch, 11.09.2019   19:58 Uhr

Weniger Schauen, mehr umsatzstarke Mode: Das war der Plan für die erste Ausgabe der New Yorker Fashion Week unter Tom Fords Regie als neuer Präsident des US-amerikanischen Modeverbands CFDA.

Die Betonung des "Weniger ist mehr" war natürlich auch ein geschickter PR-Schachzug, um davon abzulenken, dass New York in der Vergangenheit einige Absagen verkraften musste, unter anderem Victoria Beckham kehrte der Stadt den Rücken. Doch Ford war nicht nur Organisator, sondern auch Vorführer.

Für die Mitte der Woche war seine eigene Schau angesetzt - unter der Erde in einer U-Bahnstation. Dazu muss man wissen, als Anregung für seine Entwürfe dienten Ford diesmal Szenen aus Luc Bessons Thriller "Subway". Von seiner Ideenwand blickten dem Designer außerdem Andy Warhol und Edie Sedgwick aus einem New Yorker Abflussschacht entgegen.

Dieser Mix aus Pop-Art und Filmschönheiten inspirierte den Designer zu einer sportlich angehauchten Kollektion, bei der es vor allem um Einfachheit ging, so Ford. Zunächst einmal war da also viel Schwarz, was gut funktioniert als Bikerjacke, zweireihiger Mantel, oder - eleganter - als Top mit Wasserfallkragen zu einem langen weißen Rock mit Bundfalten.

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Frühjahrsmode aus New York: Politisch, sportlich und luxuriös

Auffälliger waren die durch Abguss hergestellten Brustpanzer. Die gab es so ähnlich schon bei Yves Saint Laurent. Der hatte solche bereits 1969 bei der Bildhauerin Claude Lalanne für seine Herbstkollektion bestellt. "Atemberaubend schön", fand Ford - und kopierte die Idee. Seine Referenzmodelle glänzten damals golden, Ford entschied sich stattdessen für die Farbpalette von Jeff Koons' "Balloon Dog"-Serie: Dunkelblau, Lila, Grün und Kupfer.

Geschichtsstunde mit Pyer Moss

Wie YSL oder Tom Ford arbeiten viele Designer mit Künstlern zusammen. Die wenigsten entscheiden sich aber für Künstler, die 45 Jahre lang unschuldig im Gefängnis saßen. Bei Kerby Jean-Raymond gehören Kooperationen wie diese zum Grundgerüst. Für die Druckmotive der aktuellen Kollektion seines Labels Pyer Moss verwendete er Bilder des schwarzen Malers Richard Phillips. Der 73-Jährige war 2018 von einem Mordvorwurf freigesprochen worden, den er stets bestritten hatte.

Kerby Jean-Raymond geht es in seiner Mode stets auch um die Stellung der Schwarzen in den USA und den allzu oft unterschätzten Wert des afroamerikanischen Kulturerbes. Nachdem er vergangene Saison ausgesetzt hatte, weil er keine halbgare Show zeigen wollte, meldete sich der 32-Jährige nun zurück mit dem Finale seiner dreiteiligen Kollektions-Serie "American, Also".

War es im Herbst 2018 um die schwarzen Cowboys des neunzehnten Jahrhunderts gegangen und danach um schwarzen Alltag in den USA, lautete das Thema diesmal: "Sister". Eine Anspielung auf Sister Rosetta Tharpe. Die Sängerin gilt als eine der Begründerinnen des Rock'n'Roll, wird in der Historie des Genres aber oft übersehen. Ihr zu Ehren machte der Designer Gitarrenkästen zu Umhängetaschen und Klaviertasten zu Säumen.

Begleitet wurde das ganze von einem 65-köpfigen Chor und einem einleitenden Text des Schriftstellers Casey Gerald über die Ankunft der ersten Sklaven in den USA vor genau 400 Jahren. Die Pause hat sich gelohnt. Kerby Jean-Raymonds Geschichtsstunde war absolut sehenswert.

Power Dressing für die Arbeiterklasse

Auch Jack McCollough und Lazaro Hernandez, die Köpfe hinter Proenza Schouler, haben sich bereits eine Pause von der New Yorker Fashion Week genommen - aber nur, um zweimal Haute Couture in Paris zu zeigen. Seit einem Jahr ist das Duo zurück und mit ihm ein bisschen vom Couture-typischen Spiel mit voluminösen Silhouetten. Was sich in dieser Saison besonders in ausladend drapierten Midikleidern und breitschultrigen Anzügen zeigte.

Die haben McCollough und Hernandez nicht aus dem Achtziger-Fundus stibitzt, sondern, so erklärten sie, bei den "working women" der Gegenwart abgeguckt. Die hetzen durch New York, bekommen Kinder, tragen High Heels an den Füßen und das bequeme Schuhwerk für hinterher mal eben in der Hand mit zur Arbeit. In diesem Fall die für Birkenstock entworfenen Schlappen. Eine clevere Platzierung, passte sie doch ins Narrativ der Kollektion: "Power Dressing" bedeutet heute auch, uneingeschränkte Macht über das eigene Erscheinungsbild zu haben.

Eröffnet wurde die Show mit einem beigen Anzug über schwarzem Shirt wie bereits im Februar. Auch zweckentfremdete Gürtel und asymmetrische Kleider gehören mittlerweile zum Repertoire von Hernandez und McCollough. Diese Saison war aber weniger bloße Repetition etablierter Codes, sondern erfrischende Präzisierung. Zu starrer Denim wurde glücklicherweise gegen feinere Stoffe ausgetauscht, die exakt zugeschnitten waren, nicht hingen, sondern saßen. Genau, wie es sein soll.

insgesamt 1 Beitrag
meresi 12.09.2019
1. Was hängt demnächst in meinen...
na was schon, die alten Klamotten der Stardesigner aus den 70ern bis Mitte der 90er. Das war noch echte Qualität und zeitloses Design. Diese Dinger kann man für 8 Jahre im Kasten, Mottengeschützt, versenken. Dann holt man sie [...]
na was schon, die alten Klamotten der Stardesigner aus den 70ern bis Mitte der 90er. Das war noch echte Qualität und zeitloses Design. Diese Dinger kann man für 8 Jahre im Kasten, Mottengeschützt, versenken. Dann holt man sie wieder raus und alle die sich nicht mehr daran erinnern können, und das sind viele, sagen Aahhh und Ooohhh, wo hast denn das her?

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