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Stil

Paris Fashion Week

Konservierungsstoff

Die dritte Chanel-Schau von Virginie Viard enttäuschte. Dafür ist die neue McQueen-Kollektion die beste der Saison, vom Design bis zu den teils jahrhundertealten Handwerkstechniken.

Getty Images
Von Trisha Balster und
Dienstag, 01.10.2019   19:16 Uhr

Dritte Schau, dritte Premiere für Virginie Viard. Nach der Cruise-Kollektion und der Haute Couture im Juli hat die Chanel-Designerin heute in Paris ihre erste Prêt-à-porter-Mode gezeigt - und sie war - das gleich vorweg - weniger beeindruckend als ihre bisherigen Arbeiten. Es fehlte das Spektakuläre.

Das fing schon an beim Set: Wie immer im Grand Palais, doch wo Lagerfeld einst bombastische Kulissen aufbauen ließ, herrschte diesmal Tristesse. Die Szenerie waren die typischen Zinkdächer der Stadt. Derartige Zurückhaltung muss nicht falsch sein, im Gegenteil. Es geht hier ja um Mode, weniger um Theater, auch wenn das im Instagram-Fieber oftmals vergessen wird.

Zur Mode also. Der erste Look: Ein knapper Jumper aus kariertem Bouclé, dessen Front einem zweireihigen Blazer nachempfunden war. Keine schlechte Idee, aber rotschwarzweißkariert und mit Kordelbesatz an der Schulter bekommt der Look eine gewisse Strenge. Schwer ging es weiter. Ein Strickkleid wirkte so dick, dass kein Gedanke an Frühjahrsmode aufkam. Es folgten weitere Looks im Karomuster, aber keiner zündete so richtig. Die kurzen Shorts und Röcke sollen den Chanel-Look verjüngen, aber alles wirkt ein wenig nostalgisch.

Über die Dächer schickte Viard außerdem den Prototyp der "klassischen Pariserin". Sie trägt kleine schwarze Hüte, maritime Streifen und knöchelfreie Hosen - zumindest im Grand Palais. Auf den Avenues der Stadt ist dieser Look nur noch selten zu sehen. Klar, das Ringelhemd ist ein Klassiker, von Coco Chanel höchst selbst getragen, und sicher war es eine kleine Revolution, als Madame sich damals der "marinière" bemächtigte - ursprünglich ein Teil der Unterwäsche von Marinesoldaten. Heute ist das wenig aufregend.

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Chanel und Alexander McQueen: Tristesse und Schwarmintelligenz

Die Kollektion war am stärksten, wenn sich Viard am weitesten vom typischen Chanel-Inventar löste. Nicht in Form der Hotpants. Die wirkten vollkommen fehl am Platz, und wären vermutlich auch der Firmengründerin viel zu ordinär gewesen. Ganz anders ein locker geschnittenes gepunktetes Hemdkleid mit Spitzenelementen. Bezaubernd! Genauso wie die transparenten Blusen mit abstrakter Blumenornamentik und den ausgestellten schwarzen Röcken dazu.

Virginie Viard hat als Lagerfeld-Nachfolgerin kein leichtes Erbe angetreten. Dass sie dessen Fußstapfen ausfüllen kann, zeigten aber ihre ersten beiden Kollektionen. Vor allem ihre Haute Couture atmete einen Esprit, den das Label gut gebrauchen kann. Mehr davon, dann sind solche Ausrutscher schnell vergessen.

Alexander McQueen: Schwarmintelligenz und jahrhundertealtes Wissen

Die Marke Alexander McQueen ereilte einst ein ähnliches Schicksal wie das Haus Chanel. Nach dem Tod eines Ausnahmedesigners musste eine enge Mitarbeiterinnen übernehmen. Viard half Karl Lagerfeld insgesamt 30 Jahre, die Arbeitsgemeinschaft von Sarah Burton und Alexander McQueen dauerte halb so lang. Doch während Viard sich noch aus dem Designerbe ihres Vorgängers freischwimmen muss, hat Burton längst ihre eigene Sprache entwickelt.

Die Britin setzt dabei nicht auf einen Monolog, wie es Spitzendesignern gern nachgesagt wird, sondern auf den Dialog mit ihren Mitarbeiten und anderen Kreativen. Diese Saison habe sie sich dafür besonders viel Zeit nehmen wollen, schrieb Burton in ihren Shownotizen. Gemeinsam sollte an Ideen und Kleidungsstücken gearbeitet werden, der Stoff im Mittelpunkt stehen. Zwei Kleider bestickte Burtons Team also zusammen, selbst die Personalabteilung war beteiligt. Das Motiv wiederum steuerten Studierende des Central Saint Martins College bei, auf dem auch McQueen und Burton waren. Eine gelungene Kooperation.

Burton ist seit 1996 bei McQueen, noch während ihres Studiums hatte sie als Praktikantin dort angefangen. Nach dem Suizid des Labelgründers wurde sie 2010 von der Verantwortlichen für die Damenlinie zur Kreativdirektorin befördert. Eine schwierige Aufgabe: McQueen galt als Genie, das mit Extremen spielte und ebenso extrem inszenierte. Unnachahmlich. Das weiß Burton, sie konzentriert sich auf die textilen Codes des Hauses, interpretiert diese aber um einiges braver. Manchmal fehlte da in den vergangenen Saisons der Kick. Diesmal bewies sie, dass auch ruhiges Vorgehen aufregend sein kann.

Von Sonne und Mond gebleichte Leinen

Denn so spielten die Stoffe die Hauptrolle - und die Aufmerksamkeit hatten sie verdient. Große Teile der Kollektion bestanden aus Leinen, teilweise mit jahrhundertealten Methoden behandelt. Bei der irischen Technik Beetling etwa wird das Gewebe in Kartoffelstärke getränkt und einen Monat mit Holzhämmern bearbeitet - Burton engagierte dafür die älteste Weberei Irlands. Das Ergebnis ist papierähnliche Textur, die sich in Blazern mit Puffärmeln und Maxikleidern wiederfand. Das Material eines viktorianisch anmutenden Kleides wurde durch Sonnen- und Mondstrahlen gebleicht, der Damast auf einem ähnlichen Entwurf vom letzten Leinenweber Irlands angefertigt.

Auch bei der Wahl ihrer Blumenmotive ging es Burton ums Erhalten: Bilder und Stickereien fast ausgestorbener Arten, vom Vergessen bedrohte Blüten konserviert als Kleidung. So eine Hinwendung zu Handwerk und Symbolik gibt es sonst höchstens in der Haute Couture.

Die Kollektion schließlich war gleichfalls als eine Art Dialog angelegt. Bei einem Trenchcoat wurde Spitze an glänzendes Leder gefügt, unter taillierten Blazern stachen Rüschen aus Seide hervor, so als würden sie die Jacken aufsprengen. Statt Farben verwendete Burton hauptsächlich Schwarz und Weiß. Widersprüchlich oder zu kontrastreich wirkte das nicht, eher organisch. Auch aus Gegensätzen kann Harmonie entstehen.

insgesamt 3 Beiträge
Abel Frühstück 01.10.2019
1.
Ich denke, die Viard braucht noch Zeit, sich von ihrer jahrzehntelangen, sehr symbiotischen Bindung zu Lagerfeld freizuschneide(r)n. Für sie ein ziemlicher Spagat - neue Wege gehen, ohne die alten zu verraten (deren Teil sie [...]
Ich denke, die Viard braucht noch Zeit, sich von ihrer jahrzehntelangen, sehr symbiotischen Bindung zu Lagerfeld freizuschneide(r)n. Für sie ein ziemlicher Spagat - neue Wege gehen, ohne die alten zu verraten (deren Teil sie war).
dasfred 01.10.2019
2. Chanel ist Chanel geblieben
Ich glaube, die typische Chanel Kundin möchte, dass sie als solche schon von weitem erkannt wird. Zumindest das ist gelungen. Der Wiedererkennungswert ist hoch, solange alle Details bleiben. Die zweite vorgestellte Kollektion [...]
Ich glaube, die typische Chanel Kundin möchte, dass sie als solche schon von weitem erkannt wird. Zumindest das ist gelungen. Der Wiedererkennungswert ist hoch, solange alle Details bleiben. Die zweite vorgestellte Kollektion wirkt auf andere Art vertraut. Ich musste sofort an alte Tafel-Decken denken, umgearbeitet zu Kleidung, die auch nicht völlig aus dem Rahmen fällt. Etwas to much war mir der Mantel aus Leder und Spitze. Zum einen der Kontrast in schwarz und weiß, dann noch der Kontrast in Material und Textur. Nur eines von beiden wäre mehr. Allerdings gefällt mir, dass sie Designerin hier auf irisches Leinen zurückgegriffen hat. Die Verarbeitung der Ecken bei den Spitzenbordüren ist allerdings nicht gut gelungen. Da gibt es bessere Lösungen.
hegri 02.10.2019
3. Natürlich Geschmacksache
Aber hier wird mit aller Gewalt versucht einen möglichst schrägen Stil zu kreieren. Leider wirkt das vor allem verkrampft und keinesfalls lässig.
Aber hier wird mit aller Gewalt versucht einen möglichst schrägen Stil zu kreieren. Leider wirkt das vor allem verkrampft und keinesfalls lässig.

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