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Stil

Zum Tod Peter Lindberghs

Er zeigte Menschen, keine Kleiderständer

"Entdecker der Supermodels", "Starfotograf": Peter Lindbergh bekam im Laufe seines Lebens viele Label zugeschrieben. Vor allem aber war er jemand mit einem einzigartigen Blick für Menschen. Ein Nachruf.

DPA
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Mittwoch, 04.09.2019   15:37 Uhr

Noch am Mittwochmorgen trudelte eine Mail ins Postfach, Betreff: "Peter Lindbergh arbeitet erstmals für 'GQ' und macht Uma Thurman zum ersten weiblichen Coverstar". Abgesehen von der Premiere für das Männermagazin war die Nachricht nichts Ungewöhnliches. Peter Lindbergh arbeitete viel und meistens schlagzeilenträchtig - obwohl er das als "Starfotograf" schon längst nicht mehr gemusst hätte. Doch weder sein Alter noch sein Status konnten den Mann davon abhalten, zur Kamera zu greifen. Lindbergh liebte, was er tat. Fast 50 Jahre, den größten Teil seines Lebens, fotografierte er. Meistens Frauen.

Peter Lindbergh war einer der einflussreichsten Modefotografen unserer Zeit. Seine Fotos prägten das "Supermodel"-Phänomen der Neunzigerjahre. Seine Werke waren nicht nur in so ziemlich jeder renommierten Modezeitschrift der Welt zu sehen, sondern auch in zahlreichen Ausstellungen, darunter zuletzt in seiner Wahlheimat Paris sowie in München und Düsseldorf. Auf dem Kunstmarkt erzielten seine Fotografien ähnlich hohe Preise wie die von Richard Avedon und Helmut Newton. Eine Porträtserie des Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards wurde 2014 in London für 150.000 US-Dollar verkauft. Bevor er aber im Jetset ankam, lebte Lindbergh im Ruhrpott.

Peter Lindbergh wurde am 23. November 1944 als Peter Brodbeck geboren. Weil seine Familie aus dem damaligen Lissa zwischen Posen und Breslau vertrieben wurde, ging sie nach Duisburg. Hier verbrachte Lindbergh seine Kindheit und Jugend. Mit den Eltern und zwei Geschwistern wohnte er in einem Reihenhaus in Rheinhausen. Der Vater arbeitete als Handelsvertreter für Süßigkeiten, die Mutter blieb zu Hause.

Fotostrecke

Peter Lindbergh: Seine Karriere in Bildern

Bescheidener Luxus. 80 Quadratmeter auf drei Stockwerken. Eine ruhige Wohngegend in Sichtweite der Hochöfen von Krupp. Wenn er morgens sein Fenster öffnete, konnte er rot-schwarzen Staub vom Fensterbrett wischen, der von den Loren hinübergeweht wurde, die den Kupferabfall wegbrachten. Die Rheinwiesen und Industrieromantik, das war seine Welt. Weiter als zur Großmutter nach Trier kam er damals noch nicht.

Mit der Schule hatte Lindbergh wenig am Hut. Nach der sechsten Klasse sollte er aufs Gymnasium gehen, anders als seine Kumpels aus der Volksschule, weswegen der Junge "über Monate streikte", wie er sich später einmal erinnerte. 1958, mit 14 Jahren, ging Lindbergh ganz ab und begann eine Lehre als Schaufensterdekorateur, "das Irrste und Künstlerischste, was ich mir vorstellen konnte", so Lindbergh. Dekorateur - das war damals ein schicker Beruf, besonders wenn man wie Lindbergh bei Karstadt angestellt war. Um der Einberufung zu entgehen, bewarb er sich 1962 beim Modehaus Weingarten in Luzern - und blieb neun Monate.

Vom Pinsel zur Kamera

Nach der Schweiz folgten Lindberghs Vagabundenjahre. Er ging erst nach Westberlin und trampte danach zwei Jahre durch Europa bis nach Marokko. Zurück in Nordrhein-Westfalen, studierte er erst mal Malerei in Krefeld. Vom Pinsel zur Kamera brachte ihn schließlich sein Bruder, als er ihn bat, seine Kinder zu fotografieren.

27 Jahre war Lindbergh damals alt und wenig später der Assistent des Düsseldorfer Werbefotografen Hans Lux. Nach zwei Jahren beherrschte er das Handwerk so weit, dass er auf eigenen Beinen stehen konnte. Damals wurde aus Peter Brodbeck der Fotograf Peter Lindbergh. Denn es gab in der Stadt bereits einen Konkurrenten mit demselben Namen. Bis er in Paris, Mailand und New York arbeiteten würde, dauerte es ab da noch sieben Jahre.

Fotostrecke

Peter Lindbergh: Seine wichtigsten Aufnahmen

Es war eine Bilderstrecke 1978 für den "Stern", die ihn zu dem gefragten Modefotografen machte, der er bis zu seinem Tod bleiben sollte, weswegen Lindbergh der Zeitschrift auch zeitlebens eng verbunden blieb. Seine internationale Karriere startete Lindbergh aus Paris und mit Bildern, die vollkommen anders waren als die übrigen Modeshootings. Modefotografie war für ihn vor allem Porträtfotografie. Nicht selten war auf seinen Bildern kaum Kleidung zu sehen, aber viel Persönlichkeit. Er war auch der Erste, der Modemagazinstrecken als Erzählungen betrachtete und in ihnen Storys erzählte.

Die Ära der Supermodels

Auf einem seiner bekanntesten Fotos - "White Shirts" mit Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington am Strand von Malibu - tragen die Models nur Hemden, weswegen es bei der US-"Vogue" zunächst in der Schublade landete. Ähnlich aufgebaut ist auch das legendäre "Vogue"-Cover, mit dem Lindbergh vor 30 Jahren die Ära der Supermodels einläutete. Eine Straßenszene mit fünf jungen, damals noch relativ unbekannten Models in New York: Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Christy Turlington. Namen, die später die Modebranche jahrelang dominieren sollten.

Lindbergh zeigte Menschen, keine Kleiderständer. Seine Bilder sind erotisch, aber nicht voyeuristisch. Sie sind inspiriert von der Kultur der Zwanzigerjahre, aber auch von dem industriellen Umfeld seiner Kindheit. Seine Fotomodelle arrangierte er oft vor einer technischen Kulisse, aber er interessierte sich für natürliche Schönheit. Viel Schminke und aufreizende Posen brauchte er nicht, um jemanden verführerisch aussehen zu lassen. Er hatte das Talent, Menschen auf eine Art zu fotografieren, die intimer wirkt als Nacktaufnahmen.

"Nur eine manipulierte Fiktion"

Mit dem klinischen Plastiklook moderner Mode- und Beautyfotografie konnte er wenig anfangen. Lindbergh, absolut uneitel und stets in Khakihosen und Jeanshemden unterwegs, war der Wahn nach Jugend und Perfektion ein Graus. "Bei richtiger Schönheit sprechen wir über Individualität, über die Courage, man selbst zu sein, die eigene Sensibilität einer Person. Das zusammen ergibt für mich Schönheit. Alles andere, dieser Wahn nach Jugend und Perfektion, ist nur eine manipulierte Fiktion", sagte Lindbergh 2016 im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Vom Zauber moderner Bildbearbeitungsprogramme hielt er nichts.

Bei Lindbergh kam der Wahn eher an anderer Stelle zum Vorschein. Am Set fotografierte er wie ein Besessener. Für die 2017-Ausgabe des Pirelli-Kalenders, den er als einziger Fotograf dreimal gestalten durfte, machte er insgesamt 37.000 Bilder. So viel Auswahl brauchte er, bis er der Meinung war, die Natürlichkeit seiner Models - inklusive Poren, Falten und Sommersprossen - perfekt abgebildet zu haben. Dass es dabei weder den Menschen vor der Kamera noch ihm langweilig wurde, dafür hatte er kein Patentrezept oder irgendwelche Tricks. Den typischen Peter-Lindbergh-Eisbrecher gab es nicht.

Er beschrieb den Prozess am Set einmal so: "Man muss sich das vorstellen, als hätte man eine Frau zum ersten Mal zum einem Tête-à-Tête-Dinner eingeladen und ist bereit, alles zu geben, nur um sie nicht zu langweilen. Beide wissen, dass man sich selbst ausliefern und der Situation stellen muss. Was dann mit eben dieser Situation geschieht, ist das, was man nachher auf dem Foto sieht und fälschlicherweise für die Persönlichkeit der fotografierten Person hält."

Auf die Frage, was denn einmal auf seinem Grabstein stehen sollte, antwortete Lindbergh 2016: "Hier liegt ein Mann, der sein Talent bei der Arbeit entdeckt hat." Wie seine Familie mitteilte, starb Lindbergh am Dienstag. Er wurde 74 Jahre alt. Er hinterlässt drei erwachsene Söhne aus einer ersten Ehe. Mit seiner zweiten Frau Petra, einer Köchin, hatte er einen 2002 geborenen Sohn.

insgesamt 1 Beitrag
kayakclc 05.09.2019
1. In stiller Trauer
Mit Peter Lindbergh ist einer der ganz großen Fotografen unsere Zeit von uns gegangen. Einerseits sagt man im die Kreation des "Supermodells" nach, andereseits war er immer in der Lage, hinter der Fassade den Menschen [...]
Mit Peter Lindbergh ist einer der ganz großen Fotografen unsere Zeit von uns gegangen. Einerseits sagt man im die Kreation des "Supermodells" nach, andereseits war er immer in der Lage, hinter der Fassade den Menschen zu portaitieren. Sein Blick war einzigartig, und er ist mit seinem körnigen SW Aufnahmen, der bewust der Glizerwelt ihre Farbigkeit nahm, stilprägend: ein klarer Blick für das Wesentliche. RIP

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