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Stil

"Sagmeister & Walsh: Beauty"

Schön und gut

Was ist Schönheit und warum fühlen wir uns von ihr angezogen, fragen Grafikdesign-Star Stefan Sagmeister und seine Studiopartnerin Jessica Walsh in einer Ausstellung. Neben Antworten liefern sie aber vor allem Eigenlob.

Sagmeister & Walsh/ Maggie Winters Gaudaen
Von
Freitag, 12.07.2019   09:49 Uhr

Wenn man hier mit einem "Hallo, liebe Kinder!" begrüßt würde - es könnte einen kaum wundern. Stefan Sagmeister, der österreichische Grafikdesigner und leidenschaftliche Erklärer mit Wahl-Wohnsitz New York, bespielt das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (MAK). Mit Installationen zum Sehen, Riechen und Fühlen spürt die Ausstellung einer Frage nach: Was ist Schönheit und warum fühlen wir uns von ihr angezogen?

Wie schon in seiner ebenfalls pädagogisch aufgeladenen "The Happy Show" ist es Sagmeister - diesmal mit seiner Kollegin Jessica Walsh - wieder um das ganz große Ganze bestellt: Damals lieferte er sehr anschaulich die These, dass ohne Glück alles weniger schön ist. "Sagmeister & Walsh: Beauty" - eine Koproduktion mit dem MAK in Wien - zeigt nun: Ein Leben ohne Schönheit ist weniger glücklich. Oder so in der Art.

Das ist erst einmal richtig. Eine als schön empfundene Umgebung tut Menschen gut, lässt sie sogar schneller gesundwerden, lernt der Besucher. Doch schon über die Behauptung, menschengemachte, also gestaltete Landschaft sei im Zweifel schöner als die Natur, ließe sich vortrefflich streiten.

Fotostrecke

Fotostrecke: Was ist Schönheit?

Stefan Sagmeister (deutlich sendungsbewusster als seine Kollegin Jessica Walsh) ist kein Unsympath: Dass es ihm ums Schöne, Wahre und Gute geht, glaubt man ihm. Nur lässt er das Potential seines Themas ungenutzt. Sagmeister kratzt höchstens an der Oberfläche, eine differenzierte Betrachtung findet nicht statt. Schnell ist das Bauhaus als Ursprung allen Design-Übels ausgemacht - und die eigenen Trinkgläser-Entwürfe dienen als rebellischer Gegenentwurf zum angeblich bis heute gültigen Diktat des Funktionalismus.

Dass Schönheit nicht gleich Ästhetik ist, die Hässlichkeit als Gegenspieler vielleicht sogar notwendig sein könnte, oder der hier wohlgefällig zitierte Philosoph Platon zuallererst einmal definiert hätte, was mit den Begriffen überhaupt gemeint sein soll? Pillepalle! Das Designerduo mäht im Schnelldurchlauf alles nieder, was sich nicht in wenigen Worten Schnörkelschrift selbstbewusst behaupten lässt.

Populisten des guten Designs

Dabei wird dies alles nicht erst seit vorgestern diskutiert: Das Bauhaus war nie unumstritten. Ebenso wenig der gleichfalls gescholtene Brutalismus. Und Marcel Duchamp, Erfinder des Readymade? Ein finsterer Bösewicht, der "die Schönheit aus der Kunst eliminieren" wollte. Ja, so schlicht steht das hier geschrieben.

Sagmeister und Walsh gefallen sich in der Rolle als Populisten des guten Designs: Einfache Slogans gegen vermeintliche Tabus, ein bisschen emotionale Einbindung ihres Publikums (das macht im Zweifel sogar mal Spaß). Aber was war noch mal die Fragestellung?

Dazu passt, dass "Beauty" keine so interaktive Ausstellung ist, wie sie vorgibt: Die Stimmkarten - schwarzweiß bedruckte Papp-Chips - die es am Einlass in die Hand gibt, darf man primär bei den eher belanglosen Fragestellungen einwerfen. Welche Landschaft, welche Farbe, welcher Geruch und welche Form gefällt am besten?

Sagmeister & Walsh/ John Madere

Stefan Sagmeister und Jessica Walsh

Überhaupt: Es ist bemerkenswert, dass Sagmeister und Walsh, die primär für Markenbildung und Grafikdesign zuständig sind, vor allem Architekturkritik üben. Oder das, was sie offenbar dafür halten.

Eine Video-Simulation soll zeigen, wie Le Corbusiers Baupläne Paris verunstaltet hätten: Links das historische Stadtbild. Wenig stört das Auge: Die Wohntürme der Banlieues sind außer Sichtweite. Rechts hingegen eine Ansicht, wie es aussähe, wenn der Architekt günstigen Wohnraum nördlich der Seine hätte bauen dürfen: Hässliche Betontürme, wohin das Auge reicht.

Unbeliebte Farben und Formen

Braun, behauptet eine andere Ausstellungswand, sei die hässlichste Farbe und das Rechteck die hässlichste Form - für die allermeisten Menschen, auf allen Kontinenten. Ergo: Schlimm, dass Architekten und Bauherren offenbar ein Faible für braune Kästen haben! So werden neben, zugegeben, Beispielen fantasieloser Architektur einfach eine klassisch hübsche Backsteinvilla gepackt oder Robert Venturis berühmte Feuerwache - die ja, Treppenwitz dieser Ausstellung, geradezu eine Absage an modernistische Designprinzipien darstellte. Doch davon kein Wort.

Stattdessen Selbstbeweihräucherung: Auf zwei riesigen Wänden zeigt das Designerduo, wie gut seine Ideen sind. Immerhin, auch ein Flop ist dabei - eine ironisch-selbstkritische Arbeit in Amsterdam, die danebenging. Vor dem Ausgang liegt noch ein Raum, in dem beide Lieblingsstücke aus der Frankfurter Designsammlung präsentieren und ihr Publikum ein letztes Mal um seine Meinung fragen.

Es ist ein Kreuz mit der Schönheit: Einerseits soll sie universellen Prinzipien folgen, anderseits subjektiv erfahrbar sein. Und über Geschmack lässt sich eh nicht streiten. So zeigt "Beauty" neben einigen vielleicht noch amüsanten Stationen, vielen Binsenweisheiten, und einigen schlichtweg falschen Behauptungen vor allem eines: Welch gute Verkäufer in eigener Sache ihre beiden Ausstellungsmacher sind.


Die Ausstellung "Sagmeister & Walsh: Beauty" läuft noch bis zum 15. September im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt.

insgesamt 1 Beitrag
Papazaca 16.07.2019
1. Schöner Verriss, der Zeit spart,
Ich habe mich gefragt, was jetzt mein Fazit ist? Ausstellung besuchen und zu dem gleichen Schluss kommen? Eigentlich warte ich lieber auf die nächste Besprechung. Journalismus macht manchmal wirklich Spass und spart auch Zeit. [...]
Ich habe mich gefragt, was jetzt mein Fazit ist? Ausstellung besuchen und zu dem gleichen Schluss kommen? Eigentlich warte ich lieber auf die nächste Besprechung. Journalismus macht manchmal wirklich Spass und spart auch Zeit. Sehr schön, wo wir schon von Schönheit sprechen.

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