Schrift:
Ansicht Home:
Stil

Trends von der Möbelmesse

Villa Kunterbunt

Potentaten-Protz, Doppeldecker-Sofas und Kuckucksuhren im Bauhaus-Look. Auf der weltgrößten Designmesse in Mailand zeigt sich, wie wir morgen wohnen können - ob im Penthouse oder in der Kleinraumwohnung.

Jochen Overbeck

Die Italiener von Missoni ließen ihren Showroom von der Künstlerin Alessandra Roveda in eine bunte Stoff-Wohnlandschaft umwandeln.

Von
Montag, 15.04.2019   16:06 Uhr

An diesem Stand würde Donald Trump einkaufen. Gold und Marmor dominieren in der riesigen schwarzen Box in Halle 2: Samtsofas, Brokatvorhänge, glänzendes Holz und Intarsien. Der italienische Möbelhersteller Pozzoli sieht sich in der Tradition der Kunsthandwerker des 18. Jahrhunderts. Sein Messestand ist quasi eine Altbauvillen-Etage. Einen Katalog gibt es nicht, Fotografieren ist verboten, darauf achten mehrere Aufpasser. Die Angst vor Produktpiraterie ist groß.

Auf dem Salone del Mobile in Mailand präsentieren rund 2000 Aussteller ihre neuen Entwürfe und Wohnideen. Die größte Möbelmesse der Welt ist ein Schaulaufen der Branche. Während der Messetage gibt es unzählige Ausstellungen und Installationen in der Stadt. Hier wird bestimmt, was die Trends des nächsten Jahres sind, was cool ist und was nicht.

Ein großes Thema sind Re-Editionen, neu aufgelegte Design-Klassiker wie der CH-30-Stuhl des dänischen Herstellers Carl Hansen. Das Sitzmöbel geht zurück auf einen Hans-Wegner-Entwurf von 1954. Bei Thonet gingen sie nicht ganz so weit zurück im Designarchiv. Die Hessen variierten eines der Erfolgsmodelle der jüngeren Firmengeschichte, indem sie Sebastian Herkner seinen Stuhl 118 in Glanzlack tauchen ließen. Damit ist das erst im vergangenen Jahr vorgestellte Modell nun auch in einer Bar-tauglichen Variante erhältlich.

Fotostrecke

Fotostrecke: Bunte neue Wohnwelt

Es gibt aber natürlich auch echte Innovationen zu sehen. Für Vitra hat sich die niederländische Designerin Hella Jongerius einen neuen Sofabezug ausgedacht. Der Stoff für das Modell "Vlinder" (holländisch für Schmetterling) ist mit unterschiedlichen Webtechniken entstanden. So soll er sich den Konturen optimal anpassen und ein besonderes Hautgefühl vermitteln. Optisch erinnert das bunte Patchwork-Design an die Neunziger.

Auch die sind ein Trend in Mailand: Die knalligen Farben, die Formsprache, der manchmal etwas zu markige Witz im Design, der Pop. Der 90er-Look ist nicht nur in der Mode zurück. Am deutlichsten wird das bei Missoni, das ja in beiden Welten zu Hause ist - und zum Salone mit der Häkelkunst von Alessandra Roved in seinen Showroom lockt.

Aber eigentlich ist es so: Den einen großen Trend, die eine Richtung, auf die sich alle einigen können, gibt es nicht mehr. Wohndesign ist wie die Popmusik zu einem eklektischen Referenzfeld geworden, das sich quer durch die Dekaden zitiert und auf dem alles erlaubt ist.

Das sch önste M öbel ist aus Plastik

Am Stand von B-Line zieht die Besucherkarawane größtenteils vorbei. Dabei steht dort das schönste Multifunktionsmöbel aller Zeiten: "Boby", ein Kunststoff-Entwurf von Joe Colombo aus dem Jahr 1970. Der Rollcontainer kann Barwagen sein, aber auch die Instrumente eines Zahnarztes beherbergen oder die Werkzeuge eines Autoschraubers. Ein ewig unterschätztes Möbelstück, das es jetzt in Honig und Graugrün gibt.

Fotostrecke

Mailänder Möbelmesse: Das sind die neuen Leuchten

Doch auch jenseits des Design-Kanons ließen sich Entdeckungen machen. Zum Beispiel die Kuckucksuhren von Progetti. Die haben wenig gemein mit dem, was man unter diesem Begriff für gewöhnlich ablegt. "Mies" ist eine Hommage an das Bauhaus, der Kuckuck blickt hier aus farbigen Quadern. Beim Modell "Jazz Time" sitzt er in einem schiefen Doppelhaus, das aussieht, als würde es sich nach dem Aufwachen strecken. Und "Campanile" ist ein schneeweißer Turm mit Pendel.

Die R ückkehr des Schrankbettes

Auch für die drängenden Fragen unserer Zeit orientieren sich viele Hersteller an bewährten Ideen aus der Vergangenheit: Das Schrankbett wurde schon vor fünfzig Jahren als Lösung für die wachsende Raumnot in den Metropolen postuliert. Die Wohnwand, in der es steckt, ist für seine Wiederkehr minimalisiert und aufgehübscht worden, bisweilen passiert die Wandlung zur Liegestätte sogar elektrisch. Das Prinzip ist dasselbe wie damals, trotzdem herrscht bei Anbietern wie Colombo 907 rege Betriebsamkeit. Bei Dienne stehen die Besucher in Scharen, um zu beobachten, wie aus einem Sofa mit ein paar Handgriffen ein Stockbett wird.

Mit den eingangs erwähnten Luxusmöbeln hat all das nicht viel zu tun. Mit irgendwelchen Trends ebenso wenig. Aber das ist eben das Schöne am Salone: Es ist egal, ob sich der Besucher der Schnitzkunst der Renaissance verbunden fühlt oder dem Bauhaus; ob er die bunt-voluminösen Memphis-Entwürfe schätzt oder die klaren Linien der Skandinavier. Hier wird jeder glücklich, der sich auch nur ein bisschen für Wohnen interessiert - oder einfach nur bequem schlafen und sitzen möchte.

insgesamt 5 Beiträge
romeov 15.04.2019
1. Ringelsöckchen-Design
...könnte mir vorstellen, dass es so in der BENTO-Kaffeeküche ausschaut.
...könnte mir vorstellen, dass es so in der BENTO-Kaffeeküche ausschaut.
dasfred 16.04.2019
2. Alles ist erlaubt
Jede Form, Farbe, jeder Stil. Trotzdem schaffen es die meisten nichtmal, ein professionelles Prospektfoto nachzugestalten. Geschweige denn einen individuellen Raum als Wohlfühleinheit einzurichten. Der Trend zum Wegwerfmöbel hat [...]
Jede Form, Farbe, jeder Stil. Trotzdem schaffen es die meisten nichtmal, ein professionelles Prospektfoto nachzugestalten. Geschweige denn einen individuellen Raum als Wohlfühleinheit einzurichten. Der Trend zum Wegwerfmöbel hat sich der Einwegklamotte angeschlossen.
hegri 17.04.2019
3. Deja vu
Huch, Alchimia/Memphis ist entweder immer noch nicht tot oder wieder auferstanden. Es ist scheinbar echt schwer etwas wirklich Neues zu kreieren.
Huch, Alchimia/Memphis ist entweder immer noch nicht tot oder wieder auferstanden. Es ist scheinbar echt schwer etwas wirklich Neues zu kreieren.
Hoellenhagen 20.04.2019
4. Der Wiener Kaffehausstuhl von 1842 kam von Michael Thonet, Wien.
"Bei Thonet gingen sie nicht ganz so weit zurück im Designarchiv. Die Hessen variierten eines der Erfolgsmodelle der jüngeren Firmengeschichte," Thonet ist Wien. Frankenberg (Eder) in Hessen war nur eine [...]
"Bei Thonet gingen sie nicht ganz so weit zurück im Designarchiv. Die Hessen variierten eines der Erfolgsmodelle der jüngeren Firmengeschichte," Thonet ist Wien. Frankenberg (Eder) in Hessen war nur eine Zweigfabrik, die durch die Zeitläufte bedingt, selbständig wurde. Eine altes Stuhlmodell in Glanzlack zu tauchen, halte ich für disgusting. Könnte man doch auch mit dem Kaiserthron in Ooche moche. :-(
photodose 24.04.2019
5. Plastik?
Darf man denn Möbel aus Plastik überhaupt Möbel nennen? Nicht dass sich ein Käufer möglicherweise vertut und denkt er bekäme ein Produkt aus Holz. Ähnlich wie es auch schon bei Fleisch und Milchprodukte zu Verwechselungen [...]
Darf man denn Möbel aus Plastik überhaupt Möbel nennen? Nicht dass sich ein Käufer möglicherweise vertut und denkt er bekäme ein Produkt aus Holz. Ähnlich wie es auch schon bei Fleisch und Milchprodukte zu Verwechselungen mit pflanzlichen äquivalenten gekommen sein soll...

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP