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Stil

Fashion Week in Südkorea

Mode aus der Zuckerbäckerei

Die Mode ist extravagant, alle sind aufgeregt, überall glitzert und blinkt es. Die Seoul Fashion Week kann schrill sein, aber auch ganz anders - nämlich eine Liebeserklärung an die koreanische Heimat.

Katharina Peters
Aus Seoul berichtet,
Dienstag, 26.03.2019   15:30 Uhr

Noch fünf Minuten bis zur Show. Die Designerin Jang Yoon Kyung fährt mit dem Fusselroller über einen dunkelblauen Rock. Sie lacht. Sie wirkt entspannt, äußerlich. Tatsächlich hat sie die Nacht fast nicht geschlafen, und wenn man sie fragt, wie es ihr geht, kann sie ihre Antwort nur hauchen: "Nervös. Sehr."

Jang, 26, ist zum zweiten Mal mit ihrem Label SetSetSet bei der Fashion Week in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Vergangenes Jahr hat sie eine Kollektion gezeigt, die dem Nationalgericht Kimchi gewidmet war. Da stolzierten Models in leuchtenden Kleidern und mit Kohlköpfen in Einkaufsnetzen den Laufsteg hinunter. Dieses Mal geht es bei ihr um die Nationalblume Mugunghwa, eine Hibiskusart. Die Blüten finden sich verfremdet auf vielen Kleidern, die sie heute zeigen wird.

"Ewige Blume, die nie verblüht" bedeutet Mugunghwa. Mit ihren weißen oder rosafarbenen Blüten und roten Tupfen steht sie auch für den jahrhundertelangen Kampf der Koreaner um ihr eigenes Land. Jetzt gerade hadern die Südkoreaner wieder mit sich selbst und ihrer Gesellschaft. Die Euphorie um die Annäherung an Nordkorea ist verflogen, die Jugendarbeitslosigkeit bereitet Sorgen. Selbst sonst gefeierte Popstars sind in Skandale verwickelt.

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Street Styles aus Südkorea: Seoul Fashion Week

Doch Jang möchte die verspielte Seite Südkoreas zeigen. Der Markenname SetSetSet ist auch das Wort für ein traditionelles Kinderspiel (Sse-Sse-Sse ist quasi die koreanische Version von Backe, backe Kuchen), und Mugunghwa heißt ebenfalls ein Kinderspiel. Für ihre Show hat sie deshalb Musik gewählt, die an eine Spieluhr erinnert. "Mit meinen Entwürfen möchte ich Korea auf unsere eigene Art der Welt vermitteln", sagt Jang über ihre Mode. "Ich möchte Erinnerungen an unsere Kindheit aufleben lassen, an unsere Spiele, Besuche im Spielzeugladen, traditionelle Instrumente."

Der Laufsteg, auf dem sie ihre Kreationen zeigt, ist mitten im Dongdaemun Design Plaza aufgebaut, das silbern schimmernde und aufsehenerregendste Gebäude der Stadt, in dem jedes Jahr die Fashion Week stattfindet. Wie um zu beweisen, wie wandlungsfähig Südkorea ist, gibt es zwei neue Laufstege. Jang zeigt ihre Mode dort, wo junge Designer präsentieren. Abgetrennt vom öffentlich zugänglichen Teil ist der Laufsteg durch transparente Planen.

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SETSETSET 19FW '무궁화꽃이 피었습니다' 놀이를 표현한 finale perfomance #paly#finale#perfomance#setsetset#19aw

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Dahinter staksen all jene vorbei, die hoffen, mit ihren Outfits von den Street-Style-Fotografen abgelichtet zu werden. Auch dieses Mal gibt es neonfarbene Haare, überdimensionierte Streetwear und extravagante Outfits zu sehen - es ist diese schrille Mode der Straße, die Seoul für viele so reizvoll macht.

"Die asiatische Mode ist avantgardistischer als die westliche", sagt die US-Amerikanerin Madeleine Schlesinger, 20, die im südkoreanischen Incheon und in New York Mode studiert. "Hier wirken die Entwürfe wie Kunstobjekte. Wie tragbare Kunstwerke."

Auch einer anderen US-Stimme scheinen die Sachen zu gefallen. Die Redakteurin der amerikanischen "Vogue" lächelt sogar ein paar Mal, als Nachwuchsdesignerin Jang ihre Kreationen zeigt. Es läuft alles glatt bei ihrer Show. Zum Schluss fassen sich die Modelle an den Händen - wie bei einem Kinderspiel.

Katharina Peters

Designerin Jang Yoon Kyung gibt letzte Anweisungen für ihre Models.

Jang, deren Haare lavendelfarben gefärbt sind und die damit perfekt in ihre eigene Kollektion passt, ist erleichtert. "Fantastisch" fühle sie sich, sagt sie später und bekräftigt: "Ich will einfach Spaß haben mit dem Thema koreanische Kultur."

Mit ihrer aktuellen Herbst-Winter-Kollektion ist Jang nicht allein. In den vergangen Jahren sind in Seoul immer mehr Labels gegründet worden, die traditionelle Schnitte neu interpretieren.

Hanbok heißt das traditionelle südkoreanische Gewand. Die mehrteilige Tracht (für Frauen besteht sie aus vielen Schichten von der langen Unterhose bis zu einem kurzen Jäckchen) wird wieder mit Stolz und in unterschiedlichen Mustern, Stoffen und Farben getragen. Dass hat auch ein wenig mit Seouls Kulturpolitik zu tun. Der Eintritt in die Sehenswürdigkeiten der Stadt ist frei für Menschen, die sie tragen. Das tun nicht nur Touristen, sondern in den wärmeren Monaten auch kichernde koreanische Teenager, freilich in einem Hanbok aus Polyester. Traditionell ist das Gewand aber aus Seide oder Chinaleinen. Daraus fertigen auch die Designer in Seoul ihre modernen Variationen.

Mode aus der Zuckerbäckerei

Katharina Peters

You good? Model Irene Kim

Die Materialien von Irene Kim sind eher Baumwolle und Kunststoff. Kim, 31, ist das wohl bekannteste südkoreanische Model und auch als Influencerin und Designerin tätig. Zur Fashion Week hat sie einen Pop-up-Store mit ihren Produkten eröffnet. An der Decke schweben pinke Luftballons, zur Stärkung gibt es lila Zuckerwatte und rosa Donuts. Es ist eine Märchenwelt wie aus der Zuckerbäckerei. Negatives hat in dieser kleinen Seifenblase nichts zu suchen. "Ireneisgood" steht auf den meisten Artikeln - Kims Name bei Instagram, wo sie 1,4 Millionen Follower hat - oder schlicht "good". T-Shirts fragen "You good?" und die Schlafmasken mahnen: "Sleep is good for you." Alles ist bunt und schimmert, überall sind Einhörner und Regenbogen zu sehen.

Mehr Mode aus Südkorea

"Das sind alles Motive, die ich aus meiner Kindheit liebe", sagt Kim, perfekt gestylt mit den glitzernden Haarsträhnen zu ihrem paillettenbesetzten Rock. Es klingt wie bei ihrer Design-Kollegin Jang, aber der Ansatz ist ein vollkommen anderer. Beides ist made in Südkorea, doch statt auf traditionelles Schneiderhandwerk setzt Kim auf günstig produzierte Streetwear. "Ich möchte das Positive in die Welt bringen", sagt sie. Und als sich dann an diesem Abend der Himmel über Seoul tiefrosa färbt, sieht es für einen Moment so aus, als habe es funktioniert. Manchmal ist eben kurz mal alles "good".

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