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Stil

Seoul Fashion Week

"Ich möchte etwas Verlorenes festhalten"

Die Designerin Sul Yun Hyoung zaubert aus jahrhundertealten koreanischen Mustern und Techniken opulente Röcke und feine Oberteile. Sie verleiht der Mode aus ihrem Land das, was bei vielen jungen Designern fehlt - eine eigene Identität.

Park Minj Ji
Von , Seoul
Montag, 21.10.2019   19:40 Uhr

Silbrig schimmernd ragt das Dongdaemun Design Plaza in den Nachthimmel von Südkoreas Hauptstadt Seoul. Wie ein Ufo wirkt der imposante Gebäudekomplex, der im Büro von Zaha Hadid entworfen wurde.

Tagsüber dient er als futuristische Kulisse für Models und Blogger, die während der Seoul Fashion Week für Fotografen posieren. Zweimal jährlich findet die Modewoche in dem Gebäude statt - gerade gingen die Shows für das Frühjahr 2020 zu Ende. Der Street Style hier wirkt immer ein wenig extravaganter als in anderen Städten.

Katharina Peters/ DER SPIEGEL

Seoul Fashion Week: Blogger setzen sich in Szene

An diesem Oktoberabend aber geht es nur um eine Frau: Sul Yun Hyoung, 75 Jahre alt, die so gar nicht eitel wirkt, sondern eher nervös. Ihr Lebenswerk wird im Rahmen der Fashion Week mit einer Sonderausstellung im Dongdaemun Design Plaza geehrt. Denn Sul ist eine der bekanntesten koreanischen Designerinnen.

Sie trägt bei dem Empfang zur Eröffnung der Ausstellung eine weite weiße Bluse und eine schwarze Hose. Reduziert wirkt das gegen jene ihrer eigenen Kreationen, die sie an diesem Abend vorstellt. Da sind opulente Röcke zu sehen und mit Pailletten bestickte Korsagen, aus Drähten gewebte Oberteile und verspielte Westen, vieles in kräftigen Farben. Es sind ihre Meisterwerke aus 53 Jahren als Designerin. Am Ende einer kurzen Ansprache sagt sie zu den Gästen gewandt: "Dies ist auch eure Geschichte, eure Kindheit."

"Sehnsucht" lautet der Titel der Ausstellung. Mit ihren Entwürfen möchte sie, sagt Sul, "etwas Verlorenes festhalten". Wie wenigen anderen gelingt es ihr, klassische koreanische Muster und Techniken in moderne Entwürfe zu übersetzen.

Grafische Baumwollstoffe sind bei genauerem Hinschauen Muster historischer Fenster. "Bojagi", das traditionelle Einwickelpapier Koreas, das sich aus mehreren bunten Stoff-Rechtecken zusammensetzt, hat Sul zu drapierten Sommerkleidern inspiriert.

Ein auf Stoff gedrucktes traditionelles Motiv wird bei ihr zu einem ausladenden, mit Baumwolle unterfütterten Rock aus Seide, wie für einen Hollywoodstar gemacht. Darauf zu sehen ist eine stilisierte Landschaft, die auf einem Paravent - "Irworobongdo" genannt - schon im 14. Jahrhundert hinter dem koreanischen König stand.

Sul Yun Hyoung

Sul Yun Hyoung: Traditionelle koreanische Kissen haben sie inspiriert

Die Suche nach dem, was koreanische Entwürfe unverwechselbar macht, nach ihrer ganz eigenen DNA, war vielleicht das große Thema dieser Seoul Fashion Week. Die Modewoche in Südkorea hat große Ambitionen. Die sogenannte "K-Fashion" soll nach Popmusik und Beauty-Produkten der nächste große Exportschlager des Landes werden.

Zwar ist südkoreanische Mode in Asien gefragt, und in Seoul ist sie Teil der Stadtkultur, mit gepflegt und modebewusst gekleideten Einwohnern und großen Luxuskaufhäusern, aber der große internationale Durchbruch eines Labels ist noch nicht gelungen. Immerhin hat Net-a-Porter, der Online-Shop für Luxusmarken, gerade einige koreanische Designer zu einem "Korea Collective" zusammengefasst.

Sul Yun Hyoung

Sul Yun Hyoung: Sie verbindet Elemente von Ost und West in ihren Entwürfen

Den Designern der Fashion Week wird jedoch oft vorgeworfen, von Trend zu Trend zu springen. Beobachter aus Europa und den USA versuchen zu greifen, was koreanische Kultur eigentlich ausmacht und wie sie sich in Mode übersetzen lässt.

Als der Designer des südkoreanischen Labels Moho den fast zweijährigen Militärdienst des Landes vergangenes Jahr zum Thema seiner Kollektion machte, lobte der Modekritiker der "Vogue", Anders Christian Madsen: "Statements wie diese helfen uns, die koreanische Mode besser zu verstehen, weil sie die südkoreanische Kultur, Tradition und Mentalität beleuchten, und das ist essentiell, wenn eine Nation zu den Großen in der internationalen Modeindustrie werden will." Viel zu viele Designer in Seoul würden, so schien es ihm, "blind herumtüfteln, überkomplizierte Schnitte und unoriginelle Bekleidungskonzepte ausprobieren".

Das südkoreanische Label Münn zählt zu den eher bekannteren und zeigte schon bei der London Fashion Week seine Mode. Bei der Schau in diesem Herbst in Seoul präsentierte es von traditionellen koreanischen Schnitten inspirierte Modelle: Die Linien des Hanbok-Gewands kombinierte Münn mit leichten, oft transparenten Stoffen.

Fotostrecke

Seoul Fashion Week: "Kleidung ist für immer"

"Kann es eine Zukunft geben, einschließlich K-Pop, ohne Bezug zur Vergangenheit?", fragte die berühmte Modeexpertin Suzy Menkes bei ihrem Besuch in Seoul vor vier Jahren. "Dies ist die Herausforderung für Koreas Designer: Den Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft zu lösen, um K-Fashion für heute zu machen."

Das ist es vielleicht auch, was die nun geehrte Sul Yun Hyoung meint, wenn sie kritisiert: "Viele junge Designer lieben Fast Fashion. Sie haben keine Wurzeln in ihren Entwürfen, sie wollen nur schnell erfolgreich werden."

Park Minj Ji

Sul Yun Hyoung: "Kleidung ist für mich nichts, das nur für eine begrenzte Zeit gilt"

Eine Karriere als Designerin schien für sie selbst zunächst undenkbar, und sie hat hart dafür gearbeitet. Sul wurde 1944 geboren, also sechs Jahre vor dem Beginn des Korea-Kriegs, der das Land verwüstete. Nach dem Krieg sammelte sie Stoffreste, die die Schneider nicht mehr brauchten. Sie setzte sie zusammen, spielte mit Formen und Farben. Manchmal waren sogar Fetzen von Seide dabei. Dieses Spiel ist bis heute in ihren Entwürfen zu erkennen, in denen sie Elemente von östlicher und westlicher Kultur verbindet.

Westliche Kleidung lernte sie erst als Teenager kennen. Im Wohltätigkeitsladen entdeckte sie Hosen oder Pullover, die Amerikaner gespendet hatten. "Ich rannte nach Hause, wusch sie und trocknete sie über unserem Kessel, damit ich sie möglichst schnell tragen konnte." Sul erzählt das bei einem Besuch in ihrem Atelier, eine Woche vor der Ausstellung. Sie lacht bei der Erinnerung daran. "Nur wer so viel Leidenschaft für Mode hat, kann Designer werden."

Ihre Eltern hätten nicht gewusst, was ein Designer überhaupt mache - ihnen sei es wichtig gewesen, dass sie Geld verdiene. Sul arbeitete tagsüber in einem Kinderheim, abends lernte sie das Handwerk. In den Siebzigerjahren eröffnete sie ihren ersten Laden in Seoul.

Sul wurde bekannt für ihre verschiedenen Techniken - Stickereien, Patchwork, Weben, Färben. Die Stickereien an ihren Kleidern brauchen bis zu einem Monat Arbeitszeit. Doch es gibt nur noch wenige, die diese Technik beherrschen, sagt sie. Dabei brauche Design auch Hingabe. "Ich liebe Mode. Kleidung ist für mich nichts, das nur für eine begrenzte Zeit gilt. Sie ist für immer."

insgesamt 2 Beiträge
dasfred 22.10.2019
1. Kunst für den Körper
Ein Teil ihrer Objekte geht weit über Kleidung hinaus. Eine Komposition aus Kunst, Design und Kunsthandwerk. Sehr schön.
Ein Teil ihrer Objekte geht weit über Kleidung hinaus. Eine Komposition aus Kunst, Design und Kunsthandwerk. Sehr schön.
radnomade 22.10.2019
2. Man ist zwar überschwänglich stolz auf die eigene Kultur
doch leider findet dabei keine allzu grosse Pflege oder Weiterentwicklung jener statt. Vielmehr nimmt man nur allzu gern westliche Mode und Produkte als Ersatz hierfür. Das betrifft nicht nur die Kleidungsmode sondern auch z.B. [...]
doch leider findet dabei keine allzu grosse Pflege oder Weiterentwicklung jener statt. Vielmehr nimmt man nur allzu gern westliche Mode und Produkte als Ersatz hierfür. Das betrifft nicht nur die Kleidungsmode sondern auch z.B. die Architektur, die Esskultur und sogar die Sprache ist davon betroffen. Vor über 25 Jahren habe ich Südkorea zum ersten Mal besucht, um mit meiner Frau (Südkoreanerin) dort auf traditionelle koreanischer Art und Weise zu heiraten. Zum meinen grossen Erstaunen war schon damals hier keiner mehr in der Lage mir zu erklären, was zu einer traditionellen koreanischen Hochzeit dazu gehört und wie sie durchgeführt wird. Selbst die koreanische Grossmutter konnte sich nicht mehr daran erinnern und es sei gesagt, das sie nicht unter Alzheimer litt. Vielmehr wurden alle Hochzeiten dort nur noch nach westlichen Muster, mehr oder besser gesagt weniger, durchgeführt. Aus den zuvor genannten Gründen finde ich es natürlich überaus schön und bemerkenswert, das endlich jemand versucht koreanische Traditionen in die Moderne zu führen.

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