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Möbeldesign

Verflechter des guten Geschmacks

Eigentlich liegt die Hochzeit des Wiener Geflechtes schon viele Jahre zurück. Nun aber ist dieses Gestaltungselement zurück im Möbelbau - mit großem Erfolg. Der liegt auch an der Nachhaltigkeit des Designs.

Design House Stockholm/ TMN
Montag, 26.08.2019   16:38 Uhr

Wer mit dem Begriff Wiener Geflecht nichts anfangen kann, könnte erst mal auf ein Hefe-Teilchen spekulieren. Oder einen leckeren Nusszopf. Tatsächlich handelt es sich um ein Gestaltungselement, das gerne im Möbelbau eingesetzt wird. Allen voran am typischen Kaffeehausstuhl mit dem Flechtwerk aus Holz als Sitzfläche.

Eigentlich ist die Hochzeit des Wiener Geflechts schon viele Jahre her. Nun aber ist dieser Designklassiker zurück - mit großem Erfolg.

Den Erfolg dafür vermutet die Trendanalystin Gabriela Kaiser aus Landsberg in der Sehnsucht vieler Menschen nach traditionellen Werten. "Das Wiener Geflecht strahlt eine gewisse Wertigkeit aus", sagt sie. Man habe beim Kauf das Gefühl, man könne damit nichts falsch machen.

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Wiener Geflecht: Leicht, transparent, nachhaltig

Bei dem bekannten abgerundeten Holzstuhl mit einer Sitzfläche aus dem Geflecht handelt es sich im Original um den Stuhl 14 von Michael Thonet aus dem Jahr 1859. (Später wurde die Produktnummer im Katalog geändert in 214.) Allein bis 1930 wurde das Möbel 50 Millionen Mal verkauft, von den vielen Kopien gar nicht zu sprechen. Die Gründe dafür sind im 21. Jahrhundert aktueller denn je.

Original aus dem Jahr 1859

Neben seiner Wertigkeit ist es die Schlichtheit: "Der Stuhl wie auch andere Möbel mit Geflecht aus Stoff oder Holzfasern passen zu jedem denkbaren Wohnstil", sagt Möbelexpertin Ursula Geismann vom Verband der deutschen Möbelindustrie. Dazu wirkten die Möbel meist nicht wuchtig.

Das liegt an der leichten Transparenz des Geflechts. Diesen gestalterischen Trick verwenden Designer wie Mathieu Gustafsson. Er nutzt das Wiener Geflecht in seiner Kollektion Air für Design House Stockholm, um optisch etwas Leichtigkeit in eine größere Fläche zu bringen. Er verwendet es wie "einen Filter oder einen Schleier", der sich vor den Inhalt eines Schranks oder einer Kommode legt.

Leicht und nachhaltig

Das Designduo Thau & Kallio schätzt hingegen die tatsächliche Leichtigkeit von geflochtenen Elementen - was etwa Stühle auch leichter macht als mit einer massiven Holzplatte. Außerdem ließen sie sich besser stapeln, sagte Designer Sami Kallio bei der Präsentation ihres Stuhls Betty TK1 mit einer Sitzfläche aus Leinengeflecht für die Firma &tradition.

Die Folge: Die Transportkosten sind geringer als bei manch anderen Möbeln. "Das ist ganz im Sinne der Nachhaltigkeit - darauf achten derzeit viele", analysiert Geismann. Daher wundert es auch nicht, dass viele Einrichter aktuell Möbel mit Flechtwerk aus Textilien oder anderen Materialien auflegen.

Übrigens: Das Vertriebskonzept für den Original-Kaffeehausstuhl 214 von Thonet im 19. Jahrhundert war hiervon nicht weit entfernt. Der Stuhl besteht lediglich aus sechs Bauteilen, zehn Schrauben und zwei Muttern. Zerlegt konnten mehrere Exemplare in einer Kiste von nur einem Kubikmeter weltweit verschickt werden. Er ist nun vom Designduo Besau Marguerre für eine Jubiläumsedition überarbeitet worden und in Schwarz, Weiß, Samtrot und Salbei erhältlich.

Nachhaltig ist das Wiener Geflecht noch auf andere Weise: Es besteht meist aus Rattan und Peddigrohr - natürlichen, vergleichsweise rasch nachwachsenden Materialien. "Es wundert daher nicht, dass vor drei, vier Jahren das Wiener Geflecht kaum jemandem ein Begriff war, es jetzt aber großen Erfolg feiert", betont Geismann.

löw / Simone Andrea Mayer

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