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Wirtschaft

Aktienrückkäufe von US-Konzernen

Doping für die Börse

Amerikas Konzerne haben mit ihren Aktienrückkäufen die Kurse nach oben getrieben. Spitzenmanager haben davon kräftig profitiert - viele Politiker wollen nicht länger tatenlos zusehen.

Brendan McDermid/ REUTERS

Händler an der New Yorker Börse

Von , Washington
Freitag, 08.11.2019   22:14 Uhr

Auf den ersten Blick läuft es glänzend: Diese Woche hat der Dow Jones mal wieder einen Rekord gebrochen. Und nicht nur die Blue Chips schlossen auf einem Rekordhoch, auch der S&P 500 und der Nasdaq-Index erreichten bisher nie dagewesene Höchststände. Die Anleger vertrauen offenbar darauf, dass die US-Wirtschaft trotz aller Risiken weiter wächst.

Doch hinter dem schier nicht enden wollenden Börsenaufschwung steckt auch ein Faktor, der mit Konjunkturdaten wenig zu tun hat: die milliardenschweren Aktienrückkäufe der amerikanischen Konzerne. Sie sind das Doping, das den Märkten auch während widriger Umstände in den vergangenen Jahren zuverlässig den ultimativen Kick versetzt hat.

Nun aber droht der Stoff knapp zu werden, der nicht nur den Investoren, sondern auch vielen der mit Aktien entlohnten CEOs monetäre Glücksmomente verschaffte. Die Rückkäufe sind ins Stocken geraten. Und wenn es nach den Politikern der Demokraten geht, soll das Instrument zur Kurssteigerung eingeschränkt oder sogar ganz verboten werden.

Grundsätzlich haben Unternehmen eine Palette von Möglichkeiten, ihre überschüssigen Mittel einzusetzen. Sie können zum Beispiel

Vor allem Großkonzerne haben sich in den vergangenen Jahren für die letzte Option entschieden. Mehr als 800 Milliarden Dollar haben die Firmen 2018 für Buybacks aufgewendet, dreimal so viel wie 2012. Vor allem die Tech-Konzerne lassen Geld auf das Parkett regnen. Allein Apple hat für die Aktienverknappung seit Anfang 2018 insgesamt 122 Milliarden Dollar ausgegeben. Aber auch Walmart, GM oder Boeing kauften Anteile zurück. Der Appetit der Unternehmen auf Aktien übersteigt den jeder anderen Investorengruppe, seien es Pensionsfonds oder Privathaushalte.

Genauso wie bei Dividenden fließt das Geld beim Rückkauf den Investoren zu, aus Sicht des Managements allerdings hat die moderne Ausschüttungsvariante viele Vorteile: Wenn Unternehmen Anteile zurückkaufen, löst das - zumindest kurzfristig - regelmäßig eine Kurssteigerung aus. Denn je weniger Aktien es gibt, desto mehr ist das einzelne Papier wert. Der Kuchen bleibt gleich, die Zahl der Esser sinkt. Das hübscht auf magische Weise auch die Quartalszahlen auf:

Selbst wenn der Gesamtgewinn stagniert, fällt er pro Aktie höher aus.

Große Teile von Trumps Steuerreform flossen in Aktienrückkäufe

Über den volkswirtschaftlichen Nutzen dieser Transaktionen wird gestritten. Die Befürworter argumentieren, dass es doch sinnvoll sei, wenn ein Unternehmen nicht benötigte Finanzmittel freigibt, sodass das Geld in andere zukunftsträchtigere Bereiche fließen kann. Andere halten es für eine Schande, wenn ein Konzern nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld. So verwendete die Wirtschaft die Entlastungen aus Trumps Steuerreform 2017 nur zum Teil für Investitionen, also für die Schaffung neuer Jobs. Große Teile flossen in Aktienrückkäufe.

Viele Politiker wollen dem nicht länger tatenlos zusehen. Die Präsidentschaftsbewerber Elizabeth Warren und Bernie Sanders haben angekündigt, Aktienrückkäufe einzuschränken. Im Kongress liegen mehrere Gesetzentwürfe, von denen einer das Instrument faktisch verbieten würde, das nach Ansicht der Senatorin Tammy Baldwin "Vermögensungleichheit und stagnierende Löhne fördert, indem es die langfristigen Wachstumsaussichten und Wohlstandsgewinne der Beschäftigten schädigt". Ihr Amtskollege Sherrod Brown fordert, dass die Unternehmen für jede Million Dollar an Aktienrückkäufen jedem Mitarbeiter einen Dollar spendieren. Jeder Beschäftigte der Bank JPMorgan Chase hätte 2018 dann 20.000 Dollar bekommen, rechnet Brown vor.

Auf seiner Website hat Brown ein Tool installiert, mit dem die Wähler ausrechnen können, welche "Arbeiterdividende" ihnen zustünde. Und immerhin auch ein Republikaner sieht Handlungsbedarf: Senator Marco Rubio aus Florida will die Attraktivität von Aktienrückkaufprogrammen mithilfe der Kapitalertragsteuer verringern.

Missbrauch durch die Manager

Der Corporate-Governance-Experte Jesse Fried bestreitet den Vorwurf, dass die Unternehmen zu viel Geld an die Aktionäre verteilten. Gemessen an den Erträgen sei die Quote der Kapitalinvestitionen und der Ausgaben für Forschung und Entwicklung so hoch wie seit Jahrzehnten nicht, argumentiert der Professor von der Harvard Law School. Ein Problem sieht er trotzdem: Das Instrument lade zum Missbrauch durch die Manager geradezu ein. Denn zum einen seien deren Boni oft an den Gewinn pro Aktie gekoppelt, der sich durch Rückkäufe steigern lässt. Vor allem aber profitierten sie von der künstlichen Kurssteigerung durch eigene Aktiendeals.

Eine Analyse der Börsenaufsicht SEC ergab, dass Insider in den acht Tagen nach einer Rückkaufankündigung doppelt so oft Aktien verkauften wie sonst. Das Magazin "The Atlantic" hat am Chef der Baumarktkette Home Depot vorgerechnet, wie lukrativ das sein kann. Die reguläre Vergütung von Craig Menear 2018 betrug 11,4 Millionen Dollar - die rund 100.000 Home-Depot-Aktien, die er nur ein paar Stunden nach der Ankündigung eines Rückkaufprogramms verkaufte, brachten ihm 18 Millionen Dollar ein.

In den kommenden Monaten aber dürfte die schlechtere Konjunkturlage den Boom der Buyback-Programme bremsen. Viele Finanzvorstände halten das Geld angesichts der unsicheren Zukunft inzwischen lieber zusammen, als es an die Aktionäre auszukehren. Im zweiten Quartal kauften die Unternehmen des S&P 500 nur noch für 191 Milliarden Dollar Aktien, ein Rückgang zum vorangegangenen Vierteljahr um 20 Prozent.

Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass im Wahljahr 2020 insgesamt nur noch 675 Milliarden Dollar in Rückkaufprogramme fließen werden. Freuen dürfte das nicht einmal die Kritiker. Denn die neue Sparsamkeit wird wohl auch die Investitionen und Forschungsausgaben treffen.

insgesamt 31 Beiträge
kenzino 08.11.2019
1. Amis haben es nicht so mit sinnvollen Metriken
"Das hübscht auf magische Weise auch die Quartalszahlen auf: Selbst wenn der Gesamtgewinn stagniert, fällt er pro Aktie höher aus." Korrekt, weil es in den USA Usus ist, sich Werte "pro Aktie" anzugucken, [...]
"Das hübscht auf magische Weise auch die Quartalszahlen auf: Selbst wenn der Gesamtgewinn stagniert, fällt er pro Aktie höher aus." Korrekt, weil es in den USA Usus ist, sich Werte "pro Aktie" anzugucken, während bei uns - sinnvollerweise - die absoluten Zahlen und die tatsächliche Marktkapitalisierung im Vordergrund stehen. Das müsste m.W. auch dazu führen, dass der Dow Jones steigt, weil der nämlich nach Aktienkursen geht (!!) und nur im Falle von Splits oder Aktiendividenden angepasst wird. Der amerikanische Ansatz war schon immer ziemlich dämlich, passt aber mit Mile, Fahrenheit und Floating Ounce auch irgendwie ins Schema...
kassandra21 08.11.2019
2.
Das geht doch jetzt aber schon seit vier(?) Jahren mit wachsender Begeisterung so mit den Rückkäufen. Der Witz daran ist, daß diese ganze Luftnummer offiziell ins Wirtschaftswachstum gerechnet wird. Das wird dann so toll unter [...]
Das geht doch jetzt aber schon seit vier(?) Jahren mit wachsender Begeisterung so mit den Rückkäufen. Der Witz daran ist, daß diese ganze Luftnummer offiziell ins Wirtschaftswachstum gerechnet wird. Das wird dann so toll unter dem tollsten Präsidenten aller Zeiten, daß die Fed die Zinsen langsam erhöht, wegen "Überhitzung". Aber kaum macht sie das, knirscht es so übel im Gebälk, daß sie die Zinsen wieder senken muß, weil sonst jeder Markt...ähmmm..merkt, daß dieser ganze Kram wie Fracking-"Boom" etc. auf vielen geborgten Milliarden beruht und vielen vielen Schulden. So weit auch zu der Theorie, daß Steuersenkungen unfaßbar toll sind für die Arbeiterschaft. So unfaßbar toll wie der Präsident. Wie war das vorhin im anderen Artikel? Kapitalismus hat ganz schön fertig? Hier kann man es live und in Farbe verfolgen.
shrufu 08.11.2019
3.
Die Vorstellung das überflüssige Geld würde in viel vernünftigere Wege fließen halte ich in etwa so wissenschaftlich fundiert wie den trickle down Effekt. Das Geld fließt zunächst auf private Konten oder welche von [...]
Die Vorstellung das überflüssige Geld würde in viel vernünftigere Wege fließen halte ich in etwa so wissenschaftlich fundiert wie den trickle down Effekt. Das Geld fließt zunächst auf private Konten oder welche von Spekulanten. Beide werden sich zunächst einmal ansehen wo ihr Geld sich am meisten unkompliziert vermehrt, widerum an der Börse bzw mit Finanzgeschäften oder Realwirtschaft.. und da die auf und Abwertungen innerhalb kurzer Zeit viel Geld bedeuten können und jede Investition außerhalb der Börse sowieso als hochriskant gilt.. dann natürlich noch Besitz, also Häuser und Wohnungen und Staatsanleihen plus Währungen.. Ergebnis ein paar wenige hochgepumpte unicorns, immer stärker steigende Kurse die kaum mehr was mit realen Einnahmen oder Investition ins Unternehmen zu tun haben sondern Taktgeber für Wachstum durch spekulation.. dasselbe natürlich bei Immobilien und Devisen ist sowieso die Spielwiese der Großen besser als jeder private Schuldner und direkt bei der Geldschöpfung... ich mein es fällt doch auf das jegliches genannte Geld eigentlich nur und am stärksten zwischen Leuten zirkuliert und aufwertet die es bereits haben und zwar in Form von sich auftürmender Spekulation. Stürzen die Türme irgendwann zusammen lässt sich auch damit wunderbar Geld verdienen und investieren.. da jeder weiß das die Party wieder von vorne losgeht. Also genau soll da massenweise irgendwas in die Realwirtschaft oder auf die Käuferseite fließen? Und der große Paradigmenwechsel von shareholdervalue zu nichts nach Dimon war natürlich nur ein schlechter PR Scherz. Die deutschen dax Unternehmen sind ja mW mehr so die Freunde von Dividenden große Wanderung von Kapital in die Realwirtschaft würde sich an der Investitionsquote zeigen die stagniert obwohl ständig hohe Gewinne gefahren werden. -nur eine Meinung -
hansriedl 09.11.2019
4. Doping für die Börse
Wer hat diese Geister gerufen? Trumps Steuergeschenke waren eben " Nicht genügend"
Wer hat diese Geister gerufen? Trumps Steuergeschenke waren eben " Nicht genügend"
turadot 09.11.2019
5. Es ist ...
... nur noch eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwindel auffliegen wird. Der Kapitalismus ist ja sowas von gestern, dass einem schlecht wird.
... nur noch eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwindel auffliegen wird. Der Kapitalismus ist ja sowas von gestern, dass einem schlecht wird.

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