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Wirtschaft

Mögliches Handelsabkommen mit Großbritannien

Trumps Trojanisches Pferd

Der britische Premier Boris Johnson braucht bei einem Brexit ein schnelles Handelsabkommen mit den USA. Doch US-Präsident Donald Trump und seine Berater werden sich einen Deal teuer bezahlen lassen.

White House/ ZUMA Press/ imago images

Von , Washington
Samstag, 07.09.2019   10:45 Uhr

Es sah aus wie eine freundschaftliche Plauderei, aber tatsächlich verbarg sich dahinter ein Kräftemessen. Als US-Vizepräsident Mike Pence am Donnerstag 10 Downing Street betrat, richtete er dem Hausherrn Boris Johnson allerherzlichste Grüße von "Ihrem Freund" Donald Trump aus. Seine Regierung, versicherte Pence, unterstütze nicht nur die Brexit-Pläne des britischen Premiers voll und ganz. Man sei auch bereit, sofort Verhandlungen über ein bilaterales Freihandelsabkommen aufzunehmen. Scheinbar beiläufig erwähnte der Amerikaner dann noch, dass sein Land die größte Volkswirtschaft der Welt sei - ein deutlicher Hinweis, wer in dieser Angelegenheit der Koch und wer der Kellner sein soll.

Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelgeschichte, wie Boris Johnson die Zukunft der Briten verzockt.

Doch statt sich einschüchtern zu lassen, feuerte Johnson protokollwidrig eine Kaskade von Vorbedingungen ab. Die Öffnung des Gesundheitssystems NHS für die US-Pharmagiganten komme nicht in Frage, und Chlorhühnchen von drüben wollen die Briten auch nicht auf dem Tisch. Dafür aber soll englisches Lamm und die sehr schottische Spezialität Haggis auf Amerikas Speisekarte. Pence schwieg sichtlich verdattert. Die Vorrunde geht an die Briten.

Bei diesem Stand allerdings dürfte es nicht bleiben. Johnson bräuchte nach seinem Brexit ein Handelsabkommen mit den USA viel dringender als umgekehrt. Die Brexiteers haben ihren Anhängern versprochen, dass ein "truly global Britain" befreit von den Fesseln der lähmenden EU-Regulierung die Chancen der globalen Märkte besser ausschöpfen wird. Die Handelsbeziehungen zum riesigen Absatzmarkt USA sind die Probe aufs Exempel.

"Am Ende der Schlange"

Für Washington dagegen genießt das einstige Empire allenfalls rhetorisch Priorität. Die Kräfte der Lighthizer-Brigade, des Teams des Handelsbeauftragten Robert Lighthizer, sind auf anderen Feldern gebunden: China, Japan, EU - sein Chef hat so ziemlich alle Handelsbeziehungen auf null zurückgestellt. Es steht im Raum, was Trumps Vorgänger Barack Obama den Briten 2016 ins Brexit-Buch schrieb: Sie würden "am Ende der Schlange" stehen. Die großen Handelsblöcke - sprich die EU - hätten Vorrang.

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Trump hindert das selbstredend nicht, dem Freund Boris einen Rosengarten zu versprechen. Schließlich hat er sich 2016 selbst zum "MR. BREXIT!" ausgerufen und glaubt, nach dem Abgang seiner Lieblingsfeindin Theresa May in deren Nachfolger einen Seelenverwandten gefunden zu haben ("Sie nennen ihn den 'britischen Trump'."). Beim ersten Treffen mit Johnson beim G7-Gipfel in Biarritz schwärmte der US-Präsident von "einem sehr großen Handelsdeal", der den Austausch auf "das Drei- bis Vierfache, Fünffache" steigern soll.

Für Trump gilt nach wie vor: "America first"

Im vergangenen Jahr wurden Waren und Dienstleistungen im Umfang von rund 260 Milliarden Dollar gehandelt. Während aber die USA für die Briten der wichtigste Handelspartner sind, sieht das umgekehrt anders aus: die Insel der Europaskeptiker schafft es in der US-Statistik nur auf Platz fünf.

Dennoch ist in den USA das Interesse an einem Freihandelsabkommen mit einem Nach-Brexit-Großbritannien durchaus groß. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Die traditionell enge Beziehung heißt in der Praxis allerdings nicht, dass die USA Zugeständnisse machen. Schon Tony Blair musste sich als "Pudel" kritisieren lassen und Trumps America-First-Agenda setzt da noch einen drauf. Es gibt viele Streitpunkte, die die Bromance zwischen den Populisten Donald und Boris schnell beenden könnten.

In einem 18-seitigen Dokument hat Lighthizer Verhandlungsziele ausbuchstabiert, die Johnson die Laune verderben dürften. Die USA wollen

Angesichts dieser Liste verwundert es nicht, dass bei den schon seit zwei Jahren laufenden Vorgesprächen nichts herausgekommen ist. Trumps Sicherheitsberater John Bolton hat deshalb einen "modularen" Ansatz vorgeschlagen. Man könnte sich erst einmal dort einigen, wo die Hürden nicht so groß sind, beispielsweise bei Industrie und Autos. Das allerdings wäre Experten zufolge ein Verstoß gegen die Regeln der Welthandelsorganisation WTO.

Doch die Gefahr, dass es dazu kommt, ist gering. Nicht nur ist die US-Politik mit Wahlkampf voll beschäftigt, Trump bräuchte für ein Abkommen die Zustimmung des Kongresses. Die durchsetzungsstarke Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi aber hat erklärt, ein Deal habe "null Chancen", wenn zugleich mit einer neuen Zollgrenze zwischen Irland und dem britischen Nordirland der Friedensprozess gefährdet werde.

"Großbritannien hat keinen Hebel. Großbritannien ist verzweifelt", hat der frühere US-Finanzminister Larry Summers die Versuchsanordnung beschrieben. Auch Premier Johnson weiß, was auf ihn zukommt. "Ich weiß, dass Ihr Jungs ziemlich harte Verhandler seid", sagte er dem Besucher Pence. Der lachte nur kurz auf.

insgesamt 159 Beiträge
h.hass 07.09.2019
1.
Kein Komödienautor könnte sich sowas ausdenken. Die Briten wollen unbedingt der Knechtschaft der EU entfliehen - und müssen sich dafür von Trump noch viel übler knechten lassen. Wenn es überhaupt ein Abkommen gibt, dann [...]
Kein Komödienautor könnte sich sowas ausdenken. Die Briten wollen unbedingt der Knechtschaft der EU entfliehen - und müssen sich dafür von Trump noch viel übler knechten lassen. Wenn es überhaupt ein Abkommen gibt, dann eines, bei dem America First gilt und bei dem Trump die Bedingungen diktiert. Johnson glaubt anscheinend tatsächlich, dass er noch irgendwelche Trümpfe in der Hand hält, die er ausspielen kann - gegenüber der EU oder der USA. Er steht aber vollkommen nackt da. Und sollte er mit den Chinesen verhandeln wollen, dann sieht er noch viel nackter aus.
iasi 07.09.2019
2. Die Liste der Verhandlungsziele mit der EU dürften noch viel länger ..
sein. Die aufgeführten US-Ziele sind dann sicher auch auf der EU-Liste zu finden. Ein Abkommen mit GB wäre ein effizienter Hebel für die Verhandlungen mit der EU - und diese haben für die USA nun einmal die größere Bedeutung [...]
sein. Die aufgeführten US-Ziele sind dann sicher auch auf der EU-Liste zu finden. Ein Abkommen mit GB wäre ein effizienter Hebel für die Verhandlungen mit der EU - und diese haben für die USA nun einmal die größere Bedeutung - also ein schneller Deal mit GB und dann die EU weichkochen. Bemerkenswert, wie unbesorgt sich die EU gibt und für wie unerschütterlich sie sich hält. Die europäische Selbstüberschätzung wird ja beim Iran-Abkommen sehr deutlich. Und beim Besuch in China freut man sich auf deutscher Seite ja schon, dass man Geschäfte in China machen darf.
espressotime 07.09.2019
3.
Was hat der Brexit für einen Sinn? Aus der EU austreten und in eine Zwangsjacke stecken lassen durch die USA. Wo ist bitte schön da der Gewinn? Aber Strafe muss ja sein!
Was hat der Brexit für einen Sinn? Aus der EU austreten und in eine Zwangsjacke stecken lassen durch die USA. Wo ist bitte schön da der Gewinn? Aber Strafe muss ja sein!
TheBlind 07.09.2019
4.
Tja, Verhandlungen mit China würde Trump gar nicht gerne sehen, siehe Artikel... damit wäre gB echt am Ar..., wirtschaftlich gesehen... aber man ist endlich politisch befreit :) (wobei, das was man an der EU kritisiert, sind [...]
Zitat von h.hassKein Komödienautor könnte sich sowas ausdenken. Die Briten wollen unbedingt der Knechtschaft der EU entfliehen - und müssen sich dafür von Trump noch viel übler knechten lassen. Wenn es überhaupt ein Abkommen gibt, dann eines, bei dem America First gilt und bei dem Trump die Bedingungen diktiert. Johnson glaubt anscheinend tatsächlich, dass er noch irgendwelche Trümpfe in der Hand hält, die er ausspielen kann - gegenüber der EU oder der USA. Er steht aber vollkommen nackt da. Und sollte er mit den Chinesen verhandeln wollen, dann sieht er noch viel nackter aus.
Tja, Verhandlungen mit China würde Trump gar nicht gerne sehen, siehe Artikel... damit wäre gB echt am Ar..., wirtschaftlich gesehen... aber man ist endlich politisch befreit :) (wobei, das was man an der EU kritisiert, sind Dinge die die gB Regierung selbst in der Hand gehalten haben, aber den schwarzen Peter immer der EU zugesteckt hat, das Spiel was auch unsere Regierung perfekt beherrscht, siehe eur. Urheberrechtsreform)
truth hits 07.09.2019
5. Taking back control...
Es sieht doch eigentlich jeder und noch dazu ist es folgerichtig, dass es mit der aktuellen Administration in Washington keinen vernünftigen, bilateralen Handelsvertrag geben kann. Die amerikanischen Forderungen wird das [...]
Es sieht doch eigentlich jeder und noch dazu ist es folgerichtig, dass es mit der aktuellen Administration in Washington keinen vernünftigen, bilateralen Handelsvertrag geben kann. Die amerikanischen Forderungen wird das vereinigte Königreich in keinem Fall erfüllen können. Donald Trump und seine Berater werden stets die Maximalforderungen stellen, die das UK an die Wand drücken werden. Groß Brittanien wird kein Abkommen mit China verhandeln dürfen und ob es überhaupt unabhängig mit der EU27 beraten darf, steht dann auch in den Sternen. Die Isolation scheint vorprogrammiert. Es sind mit tödlicher Sicherheit nicht die USA, die den Briten in dieser schier ausweglosen Situation helfen werden. Man manövriert sich gerade ins gefrierende Packeis...beängstigend!

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