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Wirtschaft

Geflügelwirtschaft

Darum stärkt das Urteil zum Kükentöten den Tierschutz

Männliche Küken dürfen in der Geflügelwirtschaft zunächst weiter getötet werden, sagt das Bundesverwaltungsgericht. Trotzdem sehen Tierschützer das Urteil positiv. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Foto: Julian Stratenschulte / DPA
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Donnerstag, 13.06.2019   14:52 Uhr

Leicht zu verstehen ist die Entscheidung der Bundesverwaltungsrichter in Leipzig nicht: Die umstrittene Praxis, männliche Küken nach dem Schlüpfen zu schreddern, verstoße zwar gegen den Tierschutz. Dennoch bleibe sie übergangsweise erlaubt, um die Brutbetriebe nicht zu überfordern. Um was also geht es bei dieser Entscheidung genau?

Für die Produktion von Eiern werden Hühner gezüchtet, die auf eine hohe Legeleistung getrimmt sind. Die männlichen Küken dieser Linien, die Brüder der Legehennen, sind für die Brütereien unnütz. Eier legen können sie nicht, Fleisch ansetzen auch nicht gut. Die streng betriebswirtschaftliche Perspektive: Ihre Aufzucht lohnt nicht. Also werden sie getötet, bevor sie weitere Kosten verursachen.

Das massenweise Töten dieser Küken sorgt jedoch seit Längerem für eine anwachsende Empörung in der Öffentlichkeit. Und nicht nur das: Das Tierschutzgesetz verbietet, einem Tier "ohne vernünftigen Grund" Schmerz oder Leid zuzufügen. Das damals rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen wollte deswegen 2013 das Kükentöten per Erlass verbieten. Zwei Brütereien klagten dagegen - und bekamen vorerst recht.

Die Richter der Vorinstanz (OVG Münster) sahen tatsächlich einen "vernünftigen" Grund für das Töten: die Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Die Aufzucht männlicher Küken sei mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand verbunden, meinten die Richter.

Das Bundesverwaltungsgericht hatte die OVG-Urteile nun auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen und die Bundesrichter schoben deren wirtschaftsaffiner Auslegung des Tierschutzes einen Riegel vor: Im Lichte des Staatsziels Tierschutz, das 2002 in das Grundgesetz aufgenommen wurde, beruhe das Kükentöten "nach heutigen Wertvorstellungen nicht mehr auf einem vernünftigen Grund", heißt es in der Entscheidung. Bislang galt dieses Staatsziel als "weiche" nachrangige Norm, die Bundesrichter haben ihr nun allerdings Härte verliehen: "Die Belange des Tierschutzes wiegen schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe."

Viel eindeutiger geht es nicht. Die Tierschützer der Organisation Peta sprechen von einer "historischen Entscheidung".

Recht eindeutig legt die Entscheidung zudem ein eklatantes Politik- und Verwaltungsversagen offen. Die tierschutzwidrige Praxis des Kükentötens, heißt es, sei "jahrzehntelang hingenommen" worden. Deswegen könne von den rund zwei Dutzend deutschen Brütereien auch keine sofortige Umstellung verlangt werden. Nötig sei eine Übergangszeit, bis Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei marktreif seien.

Allzu lange dürfte das nicht mehr dauern. Die Forschung zur frühzeitigen Geschlechtsbestimmung hat die Bundesregierung mit Millionenaufwand unterstützt. Nach Jahren des Tüftelns stehen inzwischen zwei Verfahren kurz vor der Marktreife. Weil hinter dem einen Verfahren die Geflügelzuchtdynastie von Erich Wesjohann steht und hinter dem anderen Rewe, geht es dabei auch um ein Duell zweier Milliardenkonzerne.

Wesjohann favorisiert das spektroskopische Verfahren. Dabei fräst nach dem vierten Bruttag ein Laser ein kleines Loch in die Schale und ein Lichtstrahl wird auf eine Blutader am Dotter gerichtet. Anhand des gestreuten Lichts und mithilfe von Spektroskop und Algorithmus wird das Geschlecht bestimmt: Eier mit weiblichen Embryos werden verklebt und weiter ausgebrütet, die männlichen Eier kommen in die Futtermittel- oder Kosmetikindustrie.

Das Verfahren der Rewe-Tochter Seleggt nennt sich endokrinologisch. Dabei wird dem Brutei etwa am neunten Tag mittels einer Nadel ein Tropfen embryonaler Harn entnommen und das Geschlecht mit einer Art Schwangerschaftstest bestimmt.

Wesjohanns Leute haben Prototypen gebaut, kämpfen aber mit der Genauigkeit: Noch ist die Fehlerquote zu hoch. Seleggt dagegen meldet erste Erfolge: Im Großraum Berlin gibt es in Märkten von Rewe und Penny bereits Konsumeier zu kaufen, deren Legehennen als Brut-Ei das neue Verfahren durchlaufen haben.

Rewe plant, das Verfahren den Brütereien als kostenneutrale Dienstleistung anzubieten, für den Handel soll dann später eine Lizenzgebühr pro Ei fällig werden. Das klingt nach Goldgrube.

Noch allerdings hakt auch das Seleggt-Verfahren. Das Pipettieren der Harnflüssigkeit, so war in einem Film zu sehen, läuft noch immer nicht maschinell. Da war noch viel Handarbeit nötig.

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