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Wirtschaft

EZB-Kurs

Warum die Zinsen niedrig bleiben müssen

Die Europäische Zentralbank hat eine Wende in der Geldpolitik angedeutet - doch wer jetzt auf steigende Zinsen hofft, freut sich zu früh: Der Aufschwung in der Eurozone ist dafür zu schwach.

DPA

Zentrale der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

Ein Gastbeitrag von
Samstag, 10.06.2017   10:51 Uhr

In Deutschland sind viele enttäuscht über die Aussicht auf ein behutsames Ende der Niedrigzinspolitik, wie es die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag angekündigt hat. Die Hoffnung, die EZB könne bald die Zinsen anheben, ist jedoch eine Illusion. Es hängt nicht von der Zentralbank ab, wie schnell die Geldpolitik sich normalisiert, sondern vor allem vom Willen der europäischen Staats- und Regierungschefs - also auch der Bundesregierung -, die Währungsunion endlich ernsthaft zu reformieren.

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Deutschlands starke Wirtschaft hat Niedrigzinsen sicherlich nicht nötig. Die Eurozone als Ganzes kommt aber nur langsam aus der Krise. Die Behauptung mancher, auch die Eurozone würde nun höhere Zinsen benötigen, da die wirtschaftlichen Kapazitäten ausgelastet seien, ist irreführend und falsch.

Die europäische Wirtschaftsleistung ist kaum höher als vor dem Beginn der Krise Anfang 2008. Die Arbeitslosenquote liegt in der Währungsunion bei über neun Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit mancherorts bei über 20 Prozent. Die Eurozone hat noch riesiges ungenutztes Wirtschaftspotenzial.

Die aktuell starken Wachstumszahlen sind zwar ein ermutigendes Signal, rechtfertigen jedoch noch keine Straffung der Geldpolitik mit höheren Zinsen. Die Eurozone wird drei bis fünf Jahre zum gegenwärtigen Wachstumstempo benötigen, um nachhaltig aus der Krise zu kommen, die Arbeitslosenquote auf ein Normalmaß zurückzuführen, den privaten und öffentlichen Schuldenüberhang abzubauen und die Probleme der Banken zu bewältigen.

EZB-Kritiker weisen zu Recht auf Risiken und Nebenwirkungen hin

Die noch immer viel zu niedrige Inflation ist die Konsequenz der ungenutzten Ressourcen der Eurozone. Die Kerninflation (also ohne Energie- und Lebensmittelpreise) liegt seit vier Jahren unter einem Prozent, also weit unter der Preisstabilität, die die EZB bei einer Rate von knapp zwei Prozent gewährleistet sieht. Auch Deutschlands Inflationsrate liegt signifikant unter dieser Marke. Sowohl EZB als auch Bundesbank haben hierbei wiederholt auf die Rolle der relativ niedrigen Lohnentwicklung aufmerksam gemacht.

EZB-Kritiker weisen zu Recht auf die Risiken und Nebenwirkungen der expansiven Geldpolitik hin. Diese gefährdet das Geschäftsmodell vieler kleiner Banken und Versicherungen und hat eine Konsolidierungswelle auch in Deutschland zur Folge.

Diesen Nebenwirkungen stehen jedoch bedeutsame Risiken eines zu frühen geldpolitischen Ausstiegs gegenüber. Viele Finanzinstitutionen und Investoren haben sich an die niedrigen Zinsen gewöhnt und könnten keine abrupte Wende sicher bewältigen. Zudem könnte ein baldiger Ausstieg, bei anhaltend schwacher Inflation, das Deflationsrisiko wieder erhöhen und das Erreichen der Preisstabilität noch erschweren.

Die EZB tut gut daran, den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik graduell zu gestalten und mit einer vorsichtigen Kommunikationspolitik vorzubereiten, um Unternehmen und Investoren nicht zu verunsichern. Nur eine Politik der kleinen Schritte wird unnötige Schwankungen an den Märkten vermeiden können.

Einige deutsche Kritiker sorgen sich, die expansive Geldpolitik verzögere die Reformen in Südeuropa. Ebenso wichtig wie Strukturreformen dort - und übrigens auch in Deutschland - ist jedoch, dass die Staats- und Regierungschefs nun endlich die EZB entlasten, indem sie wichtige Reformen der Währungsunion umsetzen, sodass die Geldpolitik wieder effektiver und symmetrischer für alle Länder funktionieren kann.

Die EU-Kommission sowie der neue französische Präsident Emmanuel Macron haben Vorschläge gemacht, wie die Eurozone reformiert werden könne, inklusive einer stärkeren Disziplinierung der Mitgliedsländer und gemeinsamer Mechanismen der wirtschaftlichen Konvergenz.

Vielen in Deutschland mag die geldpolitische Wende zu zaghaft sein. Sie unterschätzen aber die Tragweite der EZB-Entscheidung, die zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren eine nachhaltige Straffung der Geldpolitik signalisiert. Eine baldige Normalisierung hängt nicht in erster Linie von der Notenbank, sondern von den europäischen Staats- und Regierungschefs ab: Sie müssen die wichtigen Reformen der Währungsunion endlich anpacken.

insgesamt 49 Beiträge
wo_st 10.06.2017
1. Wie beim Benzinpreis
Wir suchen uns die Gründe, eine Zinserhöhung oder eben keine zu begründen. Würden unsere Volksvertreter wenigstens die eingesparten Zinsen richtig anlegen.
Wir suchen uns die Gründe, eine Zinserhöhung oder eben keine zu begründen. Würden unsere Volksvertreter wenigstens die eingesparten Zinsen richtig anlegen.
missourians 10.06.2017
2.
Meine Meinung ist, dass die Zinsen nicht mehr hoch gehen dürfen weil sich alle Staaten in den letzten Jahrzehnten so verschuldet haben, dass sie sich kleine Zinsen mehr leisten können ohne, neben Griechenland, Portugal... [...]
Meine Meinung ist, dass die Zinsen nicht mehr hoch gehen dürfen weil sich alle Staaten in den letzten Jahrzehnten so verschuldet haben, dass sie sich kleine Zinsen mehr leisten können ohne, neben Griechenland, Portugal... Bankrott zu gehen. Auch das reiche Deutschland leidet nuter diesem Problem, und nebenbei will sich Herr Schäuble sicher nicht ein Klotz ans Bein setzen lassen, um Geld für Zinszahlungen statt Schuldenreduktion aus zu geben. Anders kann ich mir diese sinnlose (nach eigenen Vorgaben für Niedrigzinsen) nicht erklären.
mr.andersson 10.06.2017
3.
Früher hieß es, wir brauchen moderate Lohnabschlüsse, weil sonst die Inflation explodiert. Heute suchen wir händeringend nach Inflation, die Binnennachfrage ist zu niedrig und die meisten Firmen machen gute Gewinne. [...]
Früher hieß es, wir brauchen moderate Lohnabschlüsse, weil sonst die Inflation explodiert. Heute suchen wir händeringend nach Inflation, die Binnennachfrage ist zu niedrig und die meisten Firmen machen gute Gewinne. Höhere Löhne können also finanziert werden und lösen die anderen Probleme sofort. Wir geben Billionen (!) aus um die inflation anzukurbeln anstatt anstatt die Löhne zu erhöhen.
muellerthomas 10.06.2017
4.
Die Durchschnittszinsen der ausstehenden Staatsanleihen liegen praktisch überall noch deutlich über dem aktuellen Marktzins. Die Zinsen könnten je nach Land erstmal um ein bis vier Prozentpunkte steigen, eher die Zinslast [...]
Zitat von missouriansMeine Meinung ist, dass die Zinsen nicht mehr hoch gehen dürfen weil sich alle Staaten in den letzten Jahrzehnten so verschuldet haben, dass sie sich kleine Zinsen mehr leisten können ohne, neben Griechenland, Portugal... Bankrott zu gehen. Auch das reiche Deutschland leidet nuter diesem Problem, und nebenbei will sich Herr Schäuble sicher nicht ein Klotz ans Bein setzen lassen, um Geld für Zinszahlungen statt Schuldenreduktion aus zu geben. Anders kann ich mir diese sinnlose (nach eigenen Vorgaben für Niedrigzinsen) nicht erklären.
Die Durchschnittszinsen der ausstehenden Staatsanleihen liegen praktisch überall noch deutlich über dem aktuellen Marktzins. Die Zinsen könnten je nach Land erstmal um ein bis vier Prozentpunkte steigen, eher die Zinslast des Staates dann anstiege.
querulant_99 10.06.2017
5.
Der DAX stürmt von Allzeithoch zu Allzeithoch. Wenn man mal annimmt, dass die Großinvestoren keine Vollpfosten sind, muss es unserer Wirtschaft blendend gehen. Ich frage mich, wann sollen denn die Zinsen erhöht werden, wenn [...]
Der DAX stürmt von Allzeithoch zu Allzeithoch. Wenn man mal annimmt, dass die Großinvestoren keine Vollpfosten sind, muss es unserer Wirtschaft blendend gehen. Ich frage mich, wann sollen denn die Zinsen erhöht werden, wenn nicht jetzt? Dann, wenn die nächste Rezession vor der Türe steht?

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Wie Notenbanken funktionieren

Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.

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