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Wirtschaft

McDonald's in Kreuzberg

Bürger gegen Burger

Es geht um die Fritte - und irgendwie um's große Ganze: Im Berliner Stadtteil Kreuzberg ist ein Glaubenskrieg um die erste McDonald's-Filiale ausgebrochen, die im August eröffnen soll. Die Bürger rufen zum McWiderstand, die FDP kämpft für das freie Recht auf Cheeseburger.

Samstag, 16.06.2007   14:45 Uhr

Hamburg - Für gewöhnlich geht es recht behaglich zu im früheren Rebellenkiez: Viele Alt-68er haben ihre einst besetzten Wohnungen zu schicken Altbaudomizilen aufpoliert, und die Mai-Demos sind zum sinnentleerten Ritual pubertierender Steinewerfer geworden, das eigentlich niemanden mehr wirklich aufregt.

Doch jetzt hat es McDonald's geschafft, die müden Bewohner wieder auf die Barrikaden zu locken. Die Fastfood-Kette will eine der wohl letzten McDonald's-freien Zonen im Land erobern: Im August soll die erste Filiale in Kreuzberg eröffnen, in einem ehemaligen Post-Gebäude an der Skalitzer Straße. Mit goldenem M, Drive-in und allem was dazu gehört.

Seit die Pläne bekannt sind, ist es vorbei mit der Kreuzberger Gemütlichkeit - der McWiderstand hat sich formiert. Der Kiez spaltet sich in Burger-Freunde und -Feinde. Geschickt paaren die Erben der Studentenbewegung dabei alte und neue Wege des Protests. Am Freitag traf man sich zum Bettlakenbemalen am Lausitzer Platz, Graffiti zum Thema gibt es schon seit geraumer Zeit. Gleichzeitig informiert die Internetseite www.mcwiderstand.de über die letzten News. In einem Youtube-Video wurde außerdem Fastfood-Maskottchen Ronald McDonald derbe bedroht. Nicht zuletzt schlug sich der Grünen-Politiker Christian Ströbele als Promi-Gesicht auf die Seite der neuen Linken.

Doch auch die Gegenseite fährt schweres Geschütz auf. FDP-Fraktionschef Martin Lindner kämpft höchstpersönlich für die Interessen von McDonald's und verteilte mit eifrigen Jungliberalen schon Gratis-Burger auf den Kreuzberger Straßen. Bei der Ham- und Cheesburger-Aktion wurden laut "Berliner Zeitung" gar Plakate mit der Aufschrift "Mein Bauch gehört mir" gehisst. Die FDP sehe nichts weniger als die Freiheit im Allgemeinen bedroht - sowohl die der Unternehmer als auch die der Konsumenten, erklärt Lindner.

Der Gründer einer Bürgerinitiative konterte mit dem Urteil: "Dass McDonald's mitten in einem Wohngebiet mit drei Schulen baut, ist so, als ob man Drogen frei verkaufen würde."

McDonald's selbst zeigt dagegen amerikanische Gelassenheit. Gut, ein bisschen irritiert ist man schon, dass ausgerechnet der Kiez mit der höchsten Döner-Buden-Dichte der Republik seine kulinarische Tradition bedroht sieht. Es sei eine bizarre Situation, "weil wir eher dachten, dass wir nicht weiter auffallen", sagte ein Unternehmenssprecher der "Neuen Zürcher Zeitung". Trotzdem zeigt sich der Konzern noch friedfertig - und orientiert sich an den basisdemokratischen Traditionen im Kiez. Man wolle mit den Gegnern diskutieren und versuchen, "die Bedenken in Einzelgesprächen auszuräumen".

ase

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