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Wirtschaft

Heizkosten-Horror

Darauf sollten Mieter achten - und darauf Vermieter

Ein großer Teil der Heizkostenabrechnungen weist Mängel auf - im schlimmsten Fall wird erheblich mehr Geld berechnet, als angemessen wäre. Zwei Checklisten helfen.

DPA

Eine Kolumne von
Samstag, 12.01.2019   16:09 Uhr

Die Zahl hat mich verblüfft. Glatte 77 Prozent aller Heizkostenabrechnungen in einem Panel, das wir gerade untersuchen ließen, wies Mängel oder Merkwürdigkeiten auf. 60 Prozent der Hausverwaltungen und Vermieter konnte auch mit Hilfe ihrer Dienstleister keine ordentliche Abrechnung für die Kosten des Warmwassers abliefern.

Einige Vermieter stellten Ihren Mietern Fernwärmeanschlüsse von einer Dimension in Rechnung, mit denen man auch das große Rathaus von Köpenick hätte heizen können, nicht bloß ein normales Mietshaus. Abrechnungen für Betriebsstrom waren darunter, die plausibel wären, wenn es im Haus auch ein Aquarium von der Größe des Heizungskellers gäbe. Ein Vermieter fiel sogar dadurch auf, dass er sich schlicht weigerte, seine Abrechnungen zur Verfügung zu stellen.

Solche Zahlen sind in einer Woche mit einem Meter Schnee und Katastrophenalarm in fünf bayerischen Landkreisen besonders ärgerlich. Und das aus gleich zwei Gründen. Erstens legen sie nahe, dass Millionen von Vermietern und Hausverwaltern das Geld Ihrer Mieter oder Wohnungsbesitzer verbrennen. Bei aktuell 11 Euro Heizkosten pro Quadratmeter und Jahr in Mehrfamilienhäusern geht es um Milliarden von Euro.

Zweitens sind die Abrechnungen immer noch oft so unzureichend aufbereitet, dass es für Mieter und Wohnungsbesitzer sehr schwer ist, gegen hohe Kosten und überzogene Verbräuche vorzugehen. Für 2017 hatte die gemeinnützige Organisation co2online auf der Basis zehntausender Datensätze unterschiedliche Heizkosten von gut 500 bis gut 1100 Euro gefunden - für eine 70-Quadratmeter-Wohnung.

Gute Abrechnungen sind im Interesse aller

Gute und verlässliche Abrechnungen sind bei Mehrfamilienhäusern besonders notwendig. Denn anders als beim Eigenheimbesitzer und Mietern mit Gasetagenheizung oder Nachtspeicherofen ist bei diesen Wohnverhältnissen die Verantwortung für Sparpotenziale nicht so eindeutig - ebenso wie die Möglichkeiten zur Abhilfe, wenn die Heizkosten zu hoch liegen. Sollten zuerst die Vermieter und Verwalter günstigere Tarife mit Lieferanten aushandeln und die Häuser energieeffizienter machen? Oder erst die Bewohner einen Pullover anziehen und die Teenager am Dauerduschen hindern? Am besten wirkt beides zusammen.

Gut die Hälfte aller 40 Millionen Wohnungen in Deutschland gehört zu solchen Mehrfamilienhäusern, 87 Prozent der Wohnungen werden zentral beheizt, mehr als die Hälfte davon mit Erdgas.

An sich sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Sparen auch in Mehrfamilienhäusern besser als vor Jahren. In modernen Standardabrechnungen für Heizung und Warmwasser werden nicht mehr nur Zahlen genannt, sondern auch Vergleiche gezogen. Vergleiche zum Vorjahresverbrauch oder auch zum Durchschnittsverbrauch des Hauses.

Modernisierung der Heizung kann für Mieter günstiger sein als früher

Gaspreise können auch Vermieter und Hausverwaltungen heute im Internet vergleichen und preiswertere Anbieter wählen, was die Belastung der Mieter deutlich mindern würde. Vermieter und Hausverwaltungen als Großabnehmer zahlen ohnehin günstigere Preise als einzelne Haushaltskunden.

Selbst eine Modernisierung muss auch Mieter nicht mehr ganz so teuer kommen: Seit Anfang 2019 dürfen Modernisierungskosten nach Abschluss der Bauarbeiten nicht mehr zu elf sondern nur noch zu acht Prozent auf die Miete umgelegt werden, immer in Relation zur Quadratmeterzahl. Das ist angesichts der niedrigen Zinsen immer noch mehr als genug, damit auch der Vermieter auf seine Kosten kommt: Um zwei bis drei Euro pro Quadratmeter dürfen die Mieten nach der Modernisierung noch immer steigen.

Mieterverbände fordern schon seit Jahren eine Absenkung der Umlage, und könnten sich auch eine noch niedrigere vorstellen. Manche Immobilienmanager räumten schon 2012 öffentlich ein, dass die 11-Prozent-Umlage die Modernisierung für Mieter unnötig teuer mache und einzig ein Geschäft für Vermieter sei.

Allein, der Ausgangspunkt für alle Einsparanstrengungen sollte immer eine korrekte und belastbare Abrechnung sein - damit die Bewohner von Anfang an nicht zu viel zahlen und zweitens die richtigen Schlüsse ziehen für mögliche Verhaltensänderungen. Nur wer versteht, wieso die Rechnung für Warmwasser und Heizung so hoch ist, kann erfolgreich sparen und wird sich nicht gegen eine notwendige Modernisierung sperren.

Hier die wichtigsten Tipps für bessere und verlässlichere Abrechnungen und einige besonders erfolgversprechende Spartipps für Mieter und Bewohner von Eigentumswohnungen in Mehrfamilienhäusern:

Und hier die wichtigsten Hinweise für Vermieter und Hausverwaltungen .

insgesamt 35 Beiträge
Viking1957 12.01.2019
1. Unterstützung des Gesetzgebers erforderlich
Viele Heizkostenabrechnungen sind auch deshalb fehlerhaft, weil die Heizkostenverteiler in Gebäuden mit sog. Einrohrheizungen, die als Bauherrenmodelle im Westen sehr beliebt waren, die Energie nicht erfassen können. Oft werden [...]
Viele Heizkostenabrechnungen sind auch deshalb fehlerhaft, weil die Heizkostenverteiler in Gebäuden mit sog. Einrohrheizungen, die als Bauherrenmodelle im Westen sehr beliebt waren, die Energie nicht erfassen können. Oft werden für diesen Anwendungsfall besonders ungeeignete "Zweifühler"-Messgeräte verwendet, die darauf ausgerichtet sind Sonnenwärme zu eliminieren und so auch in vielen Wohnungen die Fremdwärme nicht miterfassen können. Bislang gab es ein Rechenverfahren womit man den Fehler korrigieren konnte, dies wurde aber von Gerichten in einigen Fällen für unzulässig erklärt, weil es eine entsprechende Regelungslücke in der Heizkostenverordnung gibt. Leider hat der Gesetzgeber hierauf seit mehr als einem Jahr nicht reagiert. Kennzeichen ist, dass viele Wohnungen keine Verbrauchswerte haben, während andere die gesamte Zeche bezahlten. In solchen Fällen hilft nur die dann zulässige Abrechnung nach Quadratmetern.
Viking1957 12.01.2019
2. Fernwärmeanschlüsse mit Faustformel prüfen
Bei Fernwärmeanschlüssen ist die Leistungsbemessung für die Grundpreise ohne eine teure Ingeniersberechnung nicht zu prüfen. Bei Altbauten sogar fast nicht möglich. Zur Abschätzung der Größenordnung kann den [...]
Bei Fernwärmeanschlüssen ist die Leistungsbemessung für die Grundpreise ohne eine teure Ingeniersberechnung nicht zu prüfen. Bei Altbauten sogar fast nicht möglich. Zur Abschätzung der Größenordnung kann den Jahresverbrauchswert in MWH einfach durch 2,5 dividieren, damit erhält man die Größenordnung für den Anschlusswert in kW, den man dann mit der Rechnung vergleicht und ggf. korrigieren lässt. Das ist allerdings nicht einfach, mit Hilfe der Lobbyorganisation AGFW werden seitens der FW-Unternehmen alle rechtlichen Möglichkeiten genutzt, die Anpassung des ohne Gegenleistung verdienten Geldes zu verhindern. Beispielsweise werden in Flensburg rd. 1000MW Anschlussleistung an die Kunden verkauft, bei Jahreshöchstlasten von ca. 350MW, ein Millionengeschäft!
georgorwellsbruder 12.01.2019
3. Vonovia
Als Neumieter der profitorientierten VONOVIA habe ich nun erstmals eine Heizkostenabrechnung und eine Betriebskostenabrechnung erhalten, beide für 2017. Lt. Auskunft des Mietervereins entsprechen beide Abrechnungen nicht den [...]
Als Neumieter der profitorientierten VONOVIA habe ich nun erstmals eine Heizkostenabrechnung und eine Betriebskostenabrechnung erhalten, beide für 2017. Lt. Auskunft des Mietervereins entsprechen beide Abrechnungen nicht den Anforderungen. Seit über einem Jahr reagiert die VONOVIA einfach nicht auf meine und auch nicht auf die Schreiben des Mietervereins. VONOVIA arbeitet mit rd. 350 Tochterfirmen zusammen. Auf diese Weise werden wirtschaftliche Einkäufe ausgehebelt. Wärmemengenzähler ( Wasser und Heizung ) sind von VONOVIA angemietet. Wahrscheinlich von einer Tochterfirma. Das Ablesen dieser Zähler erfolgt wiederum durch eine Tochterfirma. In meinen beiden Abrechnungen tauchen die Ablesewerte gar nicht erst auf, die anteiligen Kosten hierfür wurden mir aber in Rechnung gestellt. Hände weg von der VONOVIA !!!
see_baer 12.01.2019
4. diese Vorschriften verhindern energieeffiziente Systeme
In meinen Wohnungen wird Warmwasser elektrisch im Durchlauferhitzer erzeugt. Uneffektiv , aber Abrechnungsneutral.
In meinen Wohnungen wird Warmwasser elektrisch im Durchlauferhitzer erzeugt. Uneffektiv , aber Abrechnungsneutral.
permissiveactionlink 12.01.2019
5. Noch ein paar nützliche Hinweise
1. Eine jährliche Wartung der Heizungsanlage kostet (die Mieter !) zwar Geld, spart aber auch enorm Geld, da ein verdreckter, zentimeterdick verkrusteter Wärmetauscher (oder in Brennwertgeräten auch zwei davon) die Erwärmung [...]
1. Eine jährliche Wartung der Heizungsanlage kostet (die Mieter !) zwar Geld, spart aber auch enorm Geld, da ein verdreckter, zentimeterdick verkrusteter Wärmetauscher (oder in Brennwertgeräten auch zwei davon) die Erwärmung des Heizungswassers erschwert und man Geld durch den Kamin hinauswirft. Ein Wartungsvertrag kostet Geld, weil er Geld spart. 2. Manche Vermieter versuchen den Öleinkauf im Herbst komplett in diese Abrechnungsperiode zu packen. Dumm, wenn man dann im Januar auszieht. Dann verbrauchen andere das Öl, was man schon bezahlt hat oder noch bezahlen muss. Ein solches Vorgehen des Vermieters ist höchst illegal, denn er ist verpflichtet, verbrauchsabhängig abzurechnen. Das geht, indem man am Jahresende den Füllstand der meist transparenten Tanks mit Taschenlampe und Zollstock ermittelt und mit ihm das Restvolumen ermittelt (Beim Tankhersteller "Ausliterungstabelle" oder -grafik anfordern). 3. Es ist nicht im geringsten nachvollziehbar, warum die Messkosten nach Heizanteil umgelegt werden, denn Einbau und Betrieb der gemieteten Heizkörperzähler kosten immer dasselbe, egal was sie messen. Der Gesetzgeber hat das aber leider so festgelegt. 4. Schreiben Sie sich in regelmäßigen Abständen die Heizungsgaszählerstände im Keller auf (z.B. alle zwei Wochen). So erhalten Sie die Heizkurve des Gebäudes, Jahresanfang- und Endstände, sowie Zählerstände am Monatsende, wenn Preiserhöhungen für gewöhnlich stattfinden. Bei einem Mieterwechsel entfällt dann die höchst ungenaue Berechnung nach Monatsgradzahltabelle ! 5. Bringen Sie Ihren Vermieter dazu, eine neue, Phasenanschnitt-gesteuerte geregelte Heizungspumpe neuester Pumpentechnologie einbauen zu lassen. Das spart jede Menge Allgemeinstrom. 6. Heizen Sie nur soviel wie unbedingt nötig. 1°C mehr im Raum benötigt 6% mehr Heizenergie und -kosten ! Bei vier Grad mehr sind es schon 26,25% mehr Heizenergie. 7. Besorgen Sie sich beim diesbezüglichen Versorger die Tariflisten, und überprüfen Sie damit und mit den Zählerständen die Abrechnung auf Plausibilität. 8. Entlüften Sie regelmäßig die Heizkörper, falls erforderlich, und lassen Sie an der Heizanlage eine Nachttemperaturabsenkung (18°C) vom Installateur einstellen. 9. Der Vermieter muss Brennstoff wirtschaftlich einkaufen. Falls erforderlich, weisen Sie ihn auf den kostengünstigsten Gastarif des bisherigen Versorgers hin.

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