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Wirtschaft

Nutri-Score

Iglo darf Nährwertkennzeichnung nicht nutzen

Im Streit über die Kennzeichnung von Lebensmitteln hat das Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen Iglo erlassen. Der Hersteller darf seine Produkte vorerst nicht mit dem Nutri-Score auszeichnen.

Reporters/ imago images

Nutri-Score-Kennzeichnung

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Dienstag, 16.04.2019   15:39 Uhr

Das Landgericht Hamburg hat eine einstweilige Verfügung gegen die Kennzeichnung von Verpackungen des Tiefkühlherstellers Iglo mit dem Nutri-Score erlassen. Der Grund: Der Nutri-Score sei eine Angabe im Sinne der "Health Claims Verordnung" und keine reine Nährwertkennzeichnung. Iglo kündigte an, "schnellstmöglich" Berufung einzulegen.

Hinter dem Antrag auf einstweilige Verfügung steckt offiziell der Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft e.V. mit Sitz in München. Wer sich hinter dem Verein verbirgt, ist weitgehend unklar, eine Mitgliederliste veröffentlicht der Verein nicht, das Telefon ist abgeschaltet, und auf E-Mails reagiert man nicht. In den vergangenen Jahren ist der Verein immer wieder mit Abmahnungen gegen verschiedene Hersteller in Erscheinung getreten, etwa gegen den Konsumgüterkonzern Procter & Gamble.

Im aktuellen Fall hilft der Verein - absichtlich oder nicht - der Lebensmittelindustrie, die sich seit mehr als zehn Jahren vehement gegen eine Nährwertkennzeichnung mit den Ampelfarben rot, gelb und grün wehrt. Jüngst scherten aber einige Hersteller aus der Front gegen die Ampel aus: Danone, Iglo, Bofrost und einige kleinere Produzenten beschlossen, ihre Verpackungen im laufenden Jahr in Deutschland mit dem Nutri-Score-System zu kennzeichnen.

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Nutri-Score-Vergleichstest: So unterschiedlich werden die Lebensmittel bewertet

In Frankreich ist diese Art der Kennzeichnung bereits weit verbreitet, Belgien, Spanien, Portugal und Luxemburg wollen folgen, allerdings auf freiwilliger Basis - nationale Alleingänge per Gesetz sind in der EU nicht erlaubt. Der Nutri-Score erstellt eine Gesamtbewertung eines Produkts, günstige und ungünstige Nährwertbestandteile werden mit Punkten bewertet und dann miteinander verrechnet. Das Ergebnis wird auf der Packungsvorderseite in einer fünfstufigen Farbskala dargestellt, die zugleich mit den Buchstaben A bis E hinterlegt ist. Ein Produkt mit einem günstigen, ausgewogenen Nährwertprofil erhält somit eine grüne Einordnung und den Buchstaben A, ein sehr unausgewogenes Produkt erhält eine rote Bewertung und den Buchstaben E.

Der Industrieverband BLL lehnt den Nutri-Score ab, eine farbliche Kennzeichnung sei "eine subjektive Bewertung". Verbraucherschützer sprechen sich dagegen mehrheitlich für das einfach verständliche System aus, sogar das staatliche Max-Rubner-Institut bewertet den Nutri-Score eher positiv.

BLL/BLL - Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V./obs

Modell für eine Nährwertkennzeichnung des Lebensmittelverbands BLL

Foodwatch bezeichnet die Hamburger Gerichtsentscheidung deshalb als "absurdes Schauspiel". In Wahrheit gehe es dabei um knallharte Industriepolitik der Bundesregierung, sagt Foodwatch-Kampagnendirektor Matthias Wolfschmidt: "Ernährungsministerin Julia Klöckner hätte bei der EU-Kommission längst die Erlaubnis für den Nutri-Score einholen können - stattdessen lässt sie alle Unternehmen, die diese Kennzeichnung einführen wollen, ins offene Messer laufen."

Wolfschmidt meint damit die aktuelle Gerichtsentscheidung in Hamburg. Denn tatsächlich hätte die Bundesregierung die einstweilige Verfügung gegen Iglo verhindern können. Dazu hätte sie lediglich eine Verordnung entwerfen und von der EU-Kommission in Brüssel genehmigen lassen müssen - dann wäre der Nutri-Score als nährwertbezogene Kennzeichnung zulässig. Bundesernährungsministerin Klöckner (CDU) will das aber nicht tun. Die Begründung ihres Ministeriums: Keines der bisher auf dem Markt vertretenen Kennzeichnungssysteme sei vollständig befriedigend - weder die klassische Nährwertampel, die in Großbritannien verbreitet ist, noch der in mehreren Ländern genutzte Nutri-Score oder das in ganz Skandinavien verbreitete Keyhole-Modell.

Klöckner wird wohl - in enger Abstimmung mit Industrie und Verbraucherverbänden - ein ganz eigenes Modell entwickeln. Laut Koalitionsvertrag soll das spätestens im Sommer vorgestellt werden.

insgesamt 22 Beiträge
Kurt-C. Hose 16.04.2019
1. Versteh ich nicht
Warum kann mir ein Abmahnverband verbieten, meine Produkte FREIWILLIG mit einem Score zu kennzeichnen??
Warum kann mir ein Abmahnverband verbieten, meine Produkte FREIWILLIG mit einem Score zu kennzeichnen??
krautrockfreak 16.04.2019
2. Merke: die Industrie schummelt, wo es nur geht! Der Kunde wird mal
mehr oder weniger für dumm verkauft - Beispiele dafür gibt es tausendfach. Es liegt an uns (das Volk) dies hinzunehmen oder dagegen was zu unternehmen. Letzteres ist eigentlich Aufgabe der Politik. Dumm nur, dass diese gar kein [...]
mehr oder weniger für dumm verkauft - Beispiele dafür gibt es tausendfach. Es liegt an uns (das Volk) dies hinzunehmen oder dagegen was zu unternehmen. Letzteres ist eigentlich Aufgabe der Politik. Dumm nur, dass diese gar kein Interesse daran hat, denn wenn die meisten Politiker eine Karriere in der Wirtschaft anstreben (und das ist wohl so), dann wird man ja nichts gegen seine zukünftigen Arbeitgeber unternehmen. DAS ist unser Problem: Politiker, die nicht unabhängig sind in ihren Entscheidungen, sondern meistens gegen die Interessen der Bevölkerung agieren. Und dann kommt genau so etwas zustande und die Leute reiben sich die Augen, wieso die Wirtschaft immer neue Maschen erfindet, um die Menschen für blöd zu verkaufen und - vor allem - warum man das toleriert...
xees-ss 16.04.2019
3. @1
Weil das ein vermeintlicher Wettbewerbsvorteil wäre. Ich persönlich finden den Nutri sehr positiv, bei Nestle und Danone auf Produkten auch in Österreich im Handel zu finden, gibt ja keine eigene Produkte nur für [...]
Weil das ein vermeintlicher Wettbewerbsvorteil wäre. Ich persönlich finden den Nutri sehr positiv, bei Nestle und Danone auf Produkten auch in Österreich im Handel zu finden, gibt ja keine eigene Produkte nur für Österreich vermutlich. Diese Abmahnvereine sollten schnellstmöglich verboten werden, steht auch im Koalitionsvertrag eine Klausel, nur dürfte die Verbraucherschutzministerin dagegen sein. Eigentlich müsste das Industrieschutzministerium heißen
Sensør 16.04.2019
4. freiwilligen Verbraucherschutz kann man verbieten?
Das Landgericht Hamburg hat wohl einen im Tee. Von einem Alleingang kann wirklich nicht die Rede sein, wenn bereits in Belgien, Spanien, Portugal und Luxemburg damit gearbeitet wird.
Das Landgericht Hamburg hat wohl einen im Tee. Von einem Alleingang kann wirklich nicht die Rede sein, wenn bereits in Belgien, Spanien, Portugal und Luxemburg damit gearbeitet wird.
Knödeldämmerung 16.04.2019
5. Nun ist der Nutri-Score ja tatsächlich auffällig irreführend
Den "Nutri-Score" muss man nun wirklich als irreführend bezeichnen - die Skala, die von "Dr. Roy E. Vartabedian" festgelegt wird, dient hauptsächlich zur Einordnung in sein Diätschema. Objektiv ist das nicht [...]
Den "Nutri-Score" muss man nun wirklich als irreführend bezeichnen - die Skala, die von "Dr. Roy E. Vartabedian" festgelegt wird, dient hauptsächlich zur Einordnung in sein Diätschema. Objektiv ist das nicht verwendbar.

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